Nepal: Judo-Erfolg überwindet Kastendenken

Ein Ort der Begegnung und Inklusion

Die NGO PAM will eine neue Judo-Trainingshalle in einem Wohnviertel in Kathmandu bauen.

Das Viertel Rani Ban in der Gemeinde Nagarjun in Kathmandu wächst und floriert. Etwa 1.200 Familien leben hier. Bis in die neunziger Jahre gehörte die Mehrheit der Bewohner*innen zu den indigenen Gruppen der Tamang, Sherpa und Magar, zur niederen Kaste der Dalits oder zu tibetischen Flüchtlingsfamilien. Seit Mitte der 2000er Jahre änderte sich die Zusammensetzung. Immer mehr Familien aus der Mittelschicht, viele aus den höheren Hindu-Kasten der Chhetri und Brahmanen zogen hierher.
Der zunehmende Wohlstand im Viertel drückt sich in soliden und geschmückten Gebäuden und Geschäften, teuren Automarken, horrenden Grundstückspreisen und einer steigenden Nachfrage nach Freizeitaktivitäten aus. Allerdings ist ein Graben zwischen ursprünglichen und zugezogenen Einwohner*innen spürbar, denn Begegnungsmöglichkeiten zwischen
Angehörigen verschiedener Kasten und damit Einkommensschichten sind sehr begrenzt, soziale Erfolgsgeschichten von Kindern und Jugendlichen aus niederen Kasten und indigenen Familien gibt es kaum. Die Prisoners‘ Assistance Mission (kurz: PAM) wirkt dem tatkräftig entgegen.
PAM wurde Anfang 1990 gegründet. Es war die erste Nichtregierungsorganisation, die es Kindern von Strafgefangenen ermöglichte, in ein fürsorgliches Heim zu ziehen, statt wie sonst in Nepal üblich bei ihren Eltern im Gefängnis zu leben. Mit Zustimmung der Eltern nimmt PAM Kinder in Obhut und bietet ihnen ein Zuhause und Bildung. Die ersten Jahre nach der Gründung waren herausfordernd, da die Kinder mit ihren Traumata kämpften. Gewalt, Frustration, Ablehnung, die sie im Gefängnis erlebt hatten, verfolgten sie.

Selbstbewusstsein und Anerkennung durch Erfolge im Judo
Devaki Maya Shrestha ist eine junge Frau, die im Heim aufwuchs. Sie war sechs Jahre alt, als sie zu PAM kam. Ihr Vater wurde verhaftet und ihre Mutter hatte sie verlassen. Im Laufe der Jahre wurde PAM das Zuhause, das sie brauchte, und die anderen Kinder und die Mitarbeiter*innen wurden zu ihrer Familie. Mit der Zeit überwand sie ihre Traurigkeit und ihre Angst, verlassen zu werden. Heute ist sie eine gute Schülerin und engagierte Judoka.
Mithilfe eines Judo-Trainingsprogramms, das 2008 ins Leben gerufen wurde, haben die PAM-Kinder nach und nach gelernt, Erfolg zu erfahren und vor allem Selbstvertrauen zu entwickeln. Durch das Training mit Sensei Surya Narayan qualifizierten sich einige für nationale und internationale Judo-Wettbewerbe, so auch Devaki. Die Kinder sammelten in den letzten 13 Jahren eine beeindruckende Anzahl an Gold-, Silber- und Bronzemedaillen. Durch ihre Judoleistungen wurden die PAM-Kinder und Jugendlichen von Außenseiter*innen zu Gewinner*innen. Nicht nur im Judo, sondern vor allem im Leben.
Alle Kinder verbesserten ihre schulischen Leistungen deutlich. Ihr Selbstbewusstsein und ihr Austausch mit anderen Kindern aus der Schule und aus ihrem Viertel haben eine neue Qualität. Sie sind begeisterungsfähig, motiviert und diszipliniert – und sie haben begonnen, an ihre eigenen Fähigkeiten zu glauben. Einige von ihnen trauten sich sogar, sich bei der Polizei zu bewerben. Das ist in Nepal ein begehrter Job im öffentlichen Dienst. Fünf von ihnen wurden angenommen und sind nun Mitglieder der Kathmandu Police Academy.

Das Judotraining baut Brücken ...
Langsam, aber sicher sind die Leistungen der PAM-Kinder und -Jugendlichen über das Stadtviertel hinaus in der gesamten Hauptstadt bekannt geworden. Dies führt dazu, dass andere Familien ihren Kindern ähnliche Erfolgserlebnisse ermöglichen wollen. So begannen neben den 33 PAM-Kindern weitere zwölf Kinder und Jugendliche in der kleinen Trainingshalle des Heims zu trainieren. Inzwischen wollen 25 weitere Kinder mittrainieren. Während der Großteil der Kinder bislang aus indigenen Familien und niedrigeren Kasten stammte, gibt es nun auch einige aus Familien hohen Kasten. Das heißt, aus Familien, die sich dafür entschieden haben, die Kastentrennung zu ignorieren und ihren Kindern die Chance zu geben, Vorurteile und soziale Tabus zu überwinden.


… aber die Trainingshalle ist einfach zu klein
Die aktuelle Hallengröße reicht für maximal 35 Kinder. Nun besitzt PAM aber ein Grundstück, auf dem eine größere Judohalle gebaut werden könnte, wenn es Geld dafür gäbe.
In dieser neuen Trainingshalle könnte Devaki Maya Shrestha ihren Traum verwirklichen, Judolehrerin für PAM- und Nachbarschaftskinder und für Frauen aus dem Viertel zu werden. Inzwischen ist sie achtzehn. Sie besucht die 12. Klasse des Gymnasiums, mit der klaren Absicht, ein Studium in Betriebswirtschaft zu absolvieren.
Seit zwei Jahren arbeitet Devaki als Assistentin des Trainers Surya Narayan. Dank ihrer einfühlsamen und zugleich selbstbewussten Art wurde sie auch von mehreren Frauen aus der Nachbarschaft gefragt, ob sie ihnen Selbstverteidigungstechniken beibringen könnte. In der sehr traditionsverhafteten, von Männern dominierten nepalesischen Gesellschaft ist häusliche Gewalt gegen Frauen und Kinder weit verbreitet. Deshalb wollen mehr Frauen Techniken der Selbstverteidigung erlernen. Eine junge Frau als Judo-Lehrerin kann ihnen zu mehr Sicherheit und Selbstbewusstsein verhelfen.
Die größere Halle könnte auch Begegnungen und gemeinsame Aktivitäten von PAM-Kindern mit anderen Kindern aus der Umgebung ermöglichen, ungeachtet ihres sozialen und wirtschaftlichen Status.

Die Kosten für den Bau einer größeren Trainingshalle belaufen sich auf 93.500 Euro. Das Projekt ist beim Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) beantragt. Bei einer Förderung müssen wir aus Spendenmitteln insgesamt 23.375 Euro aufbringen. Jede Spende wirkt dann vierfach. Mit 333 Euro an Spendenmitteln pro Judoka könnte ein dauerhafter Platz in der Trainingshalle finanziert werden.

Bildunterschirften:
1. Schon die Kleinsten trainieren, umsorgt von den älteren Kindern, spielerisch mit.
2. Die PAM-Kinder in ihrer Judoausstattung. Ganz rechts im Bild: Manita Shrestha, international die erfolgreichste Judoka von PAM.