KENIA - NOTHILFEAUFRUF

Die biblische Plage - Heuschreckenschwärme im Norden Kenias

Neben der Coronakrise, die weiterhin für große Einschränkungen sorgt, wurde Ostafrika im Jahr 2020 von der größten Heuschreckenplage seit 70 Jahren heimgesucht. In der nordkenianischen Region Tharaka arbeitet die Zukunftsstiftung Entwicklung mit der Organisation SAPAD zusammen. Tausende Familien im Tätigkeitsgebiet der Organisation haben im letzten Jahr mehrfach ihre gesamten Ernten verloren und sind akut von Hunger betroffen. Jetzt ist die Region erneut durch Schwärme junger Heuschrecken bedroht.
 
Update:
Laut aktuellen Informationen der FAO und Berichten unserer Partner sind neue, junge Heuschreckenschwärme in weite Teile Kenias vorgedrungen. Besonders Norden und Mitte des Landes sind betroffen. Sollte es in den nächsten Wochen zu Regenfällen kommen werden die Heuschrecken Eier legen, was wiederum zu neuen Schwärmen von Jungtieren führen würde. Weitere Schwärme dringen laut Daten der FAO bereits über Äthiopien und Somalia nach Kenia ein. Laut unserer Partnerorganisation SAPAD sind in den letzten Tagen auch in der Region Tharaka junge Heuschreckenschwärme angekommen und zerstören täglich mehrere Zehntausend Hektar Acker- und Weideland. Darüber hinaus erwartet die FAO bereits eine neue Generation Heuschrecken Anfang April, zeitgleich zu den saisonalen Regenfällen und der nächsten Pflanzperiode.

Die Heuschreckenschwärme kamen ursprünglich aus dem Jemen, wo sie sich ungestört vermehrten, da es inmitten des Bürgerkriegs nicht möglich schien, sie zu bekämpfen. Nach Jahren der Trockenheit haben langanhaltende Regenfälle die explosionsartige Vermehrung der Insekten und ihr Ausschwärmen verursacht. Die Heuschrecken konzentrierten sich in den Wüsten im Nordosten Kenias, und schwärmten von dort bei günstigem Wind in die fruchtbaren Gebiete der Kleinbäuer*innen - u.a. in die Region Tharaka. Mit Stöcken, geschwenkten Tüchern, lautem Klopfen auf Töpfe und Pfannen und stark qualmenden Schwelbränden versuchten die Menschen vergeblich, die Schwärme von ihren Feldern fernzuhalten.

In der Region leben die Menschen hauptsächlich von Viehzucht und Ackerbau in Subsistenzwirtschaft, wodurch sie der Heuschreckenbefall besonders trifft. Dreimal haben die Kleinbäuer*innen in 2020 ausgesät – dreimal wurde die Ernte vernichtet. Die erste Aussaat fiel dem starken Regen und den ersten Heuschrecken im Januar zum Opfer, die zweite den geschlüpften Nymphen im März. Anfang Juni ist die dritte Aussaat vertrocknet. Nun stehen Bohnen, Mais, Hirse und Sorghum der letzten Aussaat im Oktober noch im jungen Stadium auf den Feldern. Gerade als die Hoffnung auf eine Ernte wuchs, fielen die Heuschrecken erneut ein. 

Kenia setzt daher Vorbereitungen fort, um mit den neuen Wüstenheuschreckenschwärmen und den Auswirkungen der Invasion umzugehen – wieder in Form von Pestiziden. Es gibt nach wie vor keine Pläne für die Bereitstellung von Hilfen oder Entschädigung für betroffene Landwirte. 

Eine fliegende Apokalypse
Ein Schwarm der Wüstenheuschrecken besteht aus bis zu 150 Mio. Insekten pro Quadratkilometer. Ein Quadratkilometer Heuschrecken vernichtet täglich so viel Nahrung wie 35.000 Menschen pro Tag zum Leben brauchen. Die Schwärme sind teilweise tausende von Quadratkilometern groß. Es war Kenias schlimmster Heuschreckenbefall seit 70 Jahren. Pflanzen und Bäume wurden komplett abgefressen. Das verstärkt die bereits vorher unsichere Ernährungssituation vieler Menschen in der Region, die in den letzten Jahren mit widerkehrenden Dürren kämpfen mussten. Die desolate wirtschaftliche Situation im Zuge der Corona-Pandemie verschärft die schwierige Lage der Menschen vor Ort. Die wiederkehrenden ungewöhnlichen Regenfälle und die hohen Temperaturen, die entweder den Wüstenheuschrecken ideale Bedingungen für ihre explosionsartige Vermehrung, oder Dürren zur Folge haben können, sind direkt durch den voranschreitenden Klimawandel begünstigt.

Hochgiftige Pestizide als einzige Lösung gegen die Heuschreckenschwärme?
Die kenianische Regierung bekämpft Heuschrecken mit Pestiziden, die aus der Luft versprüht werden. Jedoch stehen mehreren Berichten zufolge nur fünf Sprühflugzeuge zur Verfügung. Die Wartezeiten sind dementsprechend lang, wenn eine Region betroffen wird. Zudem ist die Beschaffung der Pestizide durch Corona-bedingte Grenzschließungen kompliziert geworden.

Die FAO hat 500 Freiwillige ausgebildet, die Pestizide sprühen sollen. Als Bodenteams sollen die jungen Männer ausschwärmen und Heuschrecken bekämpfen. Allerdings ist diese Aufgabe selbst mit Hubschraubern und Flugzeugen äußerst schwierig zu bewältigen, denn ein Schwarm kann bei günstigem Wind bis zu 150km an einem Tag zurücklegen.

Die Chemikalien, die für die Eindämmung der Heuschreckenplage verwendet werden, sind teils hoch toxisch und aus diesem Grund in der EU nicht zugelassen. Berichten zufolge werden u.a. Chemikalien wie Chlorpyrifos, Teflubenzuron oder Deltamethrin zur Bekämpfung der Plage verwendet. Chlorpyrifos etwa wird in Deutschland bereits seit 2009 als Wirkstoff nicht mehr vertrieben und ist seit 2020 in der EU nicht mehr zugelassen. Er steht unter Verdacht, Hirn- und Entwicklungsschäden bei Kindern zu verursachen.  

Von unseren Partnern erreichen uns Nachrichten von Vogelsterben, Bienensterben, und sogar erkranktem und sterbendem Vieh aus den besprühten Gebieten. Die Insektizide wurden von offizieller Seite auch in Galeonen an die Bäuer*innen verteilt. Sie werden dann ohne Schutzkleidung oder richtiges Equipment auf den Feldern ausgebracht. Die Lage der Viehhirten ist besonders dramatisch. Das Futter ihres Viehs wurde durch die Heuschrecken vernichtet. Wegen der eingesetzten Chemikalien wird das Vieh schwer krank oder stirbt. Die Hirten wurden zwar gewarnt, die besprühten Flächen für vier Wochen zu meiden. Es ist jedoch eine ausweglose Situation: Wenn sie die Tiere nicht verhungern lassen wollen, müssen sie sie auf die behandelten Flächen lassen. Die Corona Pandemie beschränkt weiterhin ihren Zugang zu Tierätzten und Viehmärkten, der schon zu guten Zeiten nicht einfach ist.  

SAPAD – bis dato die einzige Hilfsorganisation vor Ort
Diese allgemeine Hungersnot beginnt als stille Katastrophe, überlagert von den Nachrichten zu Corona. Sie breitet sich in Tharaka und am Horn von Afrika aus. SAPAD konnte bisher - dank zahlreicher Spenden - 2.093 stark betroffene Familien über Monate mit Lebensmitteln versorgen. Jede Famile erhielt ca. 45 kg Mais, 13 kg Bohnen und 2 Liter Öl. Davon sind die begünstigten Familien jeweils ca. einen Monat lang versorgt. Die Verteilaktionen wurden außerdem zur Aufklärung zu Maßnahmen der Heuschreckenbekämpfung und Maßnahmen zur Eindämmung der Covid-19 Pandemie genutzt. SAPAD musste die Lebensmittel in rund 400 Kilometern Entfernung einkaufen, da die Preise in Tharaka selber unglaublich hochgeschnellt waren. 

Praktische Solidarität
Bei der Verteilung der Lebensmittel kamen oft viele weitere Menschen hinzu, die nicht über SAPAD gelistet waren. Die Menschen gingen dazu über, untereinander die zur Verfügung stehenden Nahrungsmittel zu teilen. Dies ist die einzige Unterstützung, die die Menschen in der Region bisher erhalten haben.

Die Familien, aber auch die lokale Regierung, sind unendlich dankbar über die Unterstützung. Es ist jedoch nur ein kleiner Schritt: Tausende Familien im Distrikt sind akut von Hunger betroffen, und auch aus den Nachbardistrikten erreichen SAPAD immer mehr Hilfsgesuche. 

Um der Katastrophe akut entgegenwirken zu können, bitten wir um Spenden für Nahrungsmittelhilfe und Saatgut. Darüber hinaus möchten wir das BIBA- Kenyan Biodiversity Network dabei unterstützen, dass in Kenia im Kampf gegen die Heuschrecken keine Chemikalien eingesetzt werden, die in Europa bereits verboten sind. 
Die Familien benötigen aktuell vor allem Saatgut, um im März die nächste Ernte ausbringen zu können. Auch fehlt ihnen Schutzausrüstung, um die von der Regierung verteilten Pestizide im Notfall einzusetzen, und Nahrungsmittel für weitere Monate, bis zu einer Ernte, die ihnen erhalten bleibt. 

Um 2.000 Familien einen Monat lang mit Grundnahrungsmitteln (Mais, Bohnen, Öl) versorgen zu können, benötigen wir 110.000 Euro an Spendengeldern. Pro Familie und Monat sind es 55 Euro.

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