PERU: Gemeingut Amazonien

Bedächtig und beständig wie die Schildkröte

Der Kauf von Regenwald und biodynamischer Landbauunterricht sichern seltene Bäume sowie die Tier- und Pflanzenwelt Amazoniens.

Im Motorboot geht es von der regionalen Hauptstadt Iquitos den Amazonas aufwärts. Auf dem Wasserweg erreicht man den nächsten größeren Ort in einer Stunde. Immer wieder springt das Boot über die Wellen des mächtigen Stromes. Zeitweise sind die Uferränder nicht zu sehen, so breit ist er. Die Hitze klebt trotz des Fahrtwindes. In Tamshiyacu angekommen, geht es eine Dreiviertelstunde mit dem Motorrad über Pisten, anschließend erwartet uns noch eine halbe Stunde Fußweg durch dichten, tropischen Wald. Da liegt Moteloy – sechs Pfahlhäuser mit Palmendach, überkront von mächtigen Bäumen. Moteloy bedeutet Schildkröte. Francisco Tananta ist hier zu Hause. Gemeinsam mit 18 anderen Familien hat er sich 2014 aufgemacht, den Urwald und seine Bewohner*innen, Mensch und Tier, zu schützen. Auslöser war eine multinationale Kakaofirma, die in Tamshiyacu einfiel, um Regenwald – angeblich für den Anbau von Kakao – zu roden. 2.000 Hektar sind den Bulldozern schon zum Opfer gefallen. Zwar ist die Abholzung durch das nationale Landwirtschaftsministerium für illegal erklärt worden, doch die Hauptstadt ist weit weg, die Korruption hoch und alte Urwaldbaumriesen sind kostbar. Deshalb gründete Francisco Tananta die Organisation ACELPA.


Das Ziel ist, strategisch Land zu kaufen, um die Ausweitungen der Rodungen zu verhindern und den direkten Zugang zum Amazonas unmöglich zu machen. Das kann den Abtransport des Holzes unterbinden. Gleichzeitig schafft ACELPA Öffentlichkeit und kooperiert mit Organisationen in der peruanischen Hauptstadt Lima, um politischen Druck zu erzeugen. Seit 2014 hat ACELPA aus Spendenmitteln bereits 400 Hektar Wald erworben und unter Schutz gestellt. Die Kosten belaufen sich – je nach Grundstück – auf rund 300 Euro pro Hektar einschließlich der Notar- und Registrierungskosten.

Die lokale Bevölkerung ist arm. Die Menschen, die in den letzten 150 Jahren in diese Gebiete gekommen sind, betreiben eine Vielfelderwirtschaft, bei der kleine Parzellen ca. alle vier, fünf Jahre nach Brandrodung wieder bepflanzt werden. Tropische Wälder haben eine sehr dünne Humusschicht. Diese Form der Landwirtschaft laugt sie aus. Wenn die Menschen keine Grundlage für ihr Überleben finden, sind sie für multinationale Firmen und ihre Versprechungen empfänglich. Die Ernüchterung kommt meist erst, wenn Fakten geschaffen und riesige Flächen gerodet sind oder die lokale Bevölkerung vertrieben wurde.

Damit die Gruppe um ACELPA die Gemeingut-Naturschutzzone aufbauen und selbstständig Einkommen erzielen kann, wird sie im intensiven biodynamischen Landbau ausgebildet. Gleichzeitig baut sie eine 20 Hektar große Farm als Modellfarm aus, die den Menschen der Umgebung als Schulungsfarm dient. Dies ermöglicht, von der Brandrodung abzurücken und gleichzeitig die Bodenfruchtbarkeit zu verbessern. Der Anbau von sehr unterschiedlichen Feldfrüchten wird ausgeweitet. Die Erträge zum Beispiel von Maniokwurzeln, einem Grundnahrungsmittel der Region, konnten bereits innerhalb eines Jahres mehr als verdoppelt werden. Erfolge sprechen sich schnell herum: So kamen im Mai zum einwöchigen biodynamischen Kurs bereits Vertreter*innen von 50 Familien, um teilzunehmen. Die Menschen werden den Wald nur schützen, wenn sie eine Möglichkeit haben, im Einklang mit ihm ein menschenwürdiges Leben zu führen.

Teil der Modellfarm ist auch eine Baumschule. Francisco Tananta möchte Baumsorten, die im Amazonasgebiet immer seltener werden, gezielt anpflanzen: „Auf diese Weise bauen wir eine Samenbank auf, über die sich vielleicht einmal das gesamte Amazonasgebiet freuen wird“, erklärt er lachend und ergänzt: „Gut, diese seltenen Bäume sind so kostbar, weil sie hartes Holz haben und so langsam wachsen. Es wird also dauern. Aber auch die Schildkröte mit ihren kleinen Schritten kommt beständig voran.“

Für Investitionen in Werkzeuge, Saatgut, Baumsetzlinge sowie Schulungen im biodynamischen Landbau werden pro Jahr rund 40.000 Euro benötigt. Pro beteiligter Familie und Jahr sind dies 800 Euro. 300 Euro ermöglichen den Kauf eines Hektars Regenwald.

Bildunterschriften:
1. Silvia de Aguila Reyna, die Forstingenieurin von ACELPA, sorgt für nachhaltige Aufforstung und Pflege des Waldbestandes.
2. Dank Biodynamik wird die dünne Humusschicht wieder fruchtbar.
3. Vereinsmitglieder und Mitarbeiter*innen von ACELPA