27.09.2016

Nepal: Wiederaufbau mit Hindernissen

Hunderttausende Menschen in Nepal sehen einem zweiten Winter in Zelten und provisorischen Unterkünften entgegen. Denn fast eineinhalb Jahre nach den schweren Erdbeben hat sich an ihrer Situation kaum etwas geändert. Die versprochene Hilfe der Regierung für die Erdbebenopfer wird weiterhin kaum ausgezahlt.

Gleichzeitig unterstehen Hilfsorganisationen – also auch die Partner der Zukunftsstiftung Entwicklung – strikten Auflagen, die einen nachhaltigen Wiederaufbau von Wohnhäusern fast unmöglich machen. Die Zukunftsstiftung Entwicklung hat trotzdem – dank großer Spendenbereitschaft – viel für die Menschen erreichen können. Im dörflichen Wiederaufbau jedoch werden wir unsere Strategien verändern müssen.  

Wie sehen die Rahmenbedingungen aus?

Die Nothilfemaßnahmen wurden hauptsächlich über die Selbstorganisation und -koordination der zivilgesellschaftlichen Organisationen in Nepal unter weitgehender Abwesenheit staatlicher Institutionen umgesetzt. Bereits im Herbst 2015 wurde diese Arbeit durch die Blockade der indischen Grenze zu Nepal beeinträchtigt. Der Import fast aller Güter kommt aus geographischen Gründen zu über 90% über Indien nach Nepal. Aufgrund von Auseinandersetzungen um die nepalesische Verfassung, mit deren Inhalten die indische Regierung nicht einverstanden war, wurde diese lebenswichtige Grenze über Monate blockiert. Die Folge waren radikale Preissteigerungen und Rationierungen von Treibstoff und vielen anderen Gütern, so auch Baumaterialien. Erst im November 2015 wurde die Blockade der Grenze durch Indien aufgehoben und der Handel normalisierte sich. Diese Blockade erschwerte die Wiederaufbauarbeit sehr.

Im letzten Jahr bildete die nepalesische Regierung eine Nationale Wiederaufbaubehörde (National Reconstruction Authority). Alle Bauvorhaben müssen von dieser Behörde genehmigt werden. Nur dauerte es aufgrund von Parteienstreit Monate, bis die verschiedenen Posten der Behörde besetzt waren. Im Anschluss daran formulierte die Behörde Richtlinien für den Wiederaufbau – auch das dauerte Monate – die für alle Nichtregierungsorganisationen verbindlich sind.

Im Februar/März 2016 (erst auf Nepali, dann Englisch) wurden die Richtlinien veröffentlicht. Sie sehen das Folgende vor:

  • Nur neun genehmigte Hausmodelle dürfen gebaut werden;
  • Nichtregierungsorganisationen dürfen ihre Hilfe nur als Bargeld auszahlen;
  • Der Aufbau soll von den Familien selbstständig organisiert werden.
  • Jede Familie darf höchstens 2.000 US-Dollar erhalten. Werden die 2.000 US-Dollar aus Spendenmitteln erbracht, entfällt die staatliche Hilfe.

Bereits kurz nach dem Beben versprach die Regierung der betroffenen Bevölkerung Wiederaufbauhilfe. Rund 2.000 US-Dollar sollten an alle besonders betroffenen Familien, die sich in diesem Sinne hatten registrieren lassen, vergeben werden. Diese Hilfe ist bislang kaum ausgezahlt und gleichzeitig durch diese neuen Richtlinien überlagert worden.

Was heißt das für unsere Partnerorganisationen und den Wiederaufbau?

Die Zukunftsstiftung Entwicklung wollte mit einer Förderung durch das Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit in zwei Distrikten große, ganzheitliche dörfliche Wiederaufbauprojekte umsetzen. Ende März 2016 waren die Unterlagen für die geplanten Wiederaufbauprojekte fertig zusammengestellt. Just zu der Zeit wurde die oben genannte Ausgabenrichtlinie von 2.000 US-Dollar pro Haus veröffentlicht.  Selbst in Nepal ist für diesen Betrag kein Haus zu bauen!

Was haben wir getan?

Gemeinsam mit unseren nepalesischen Partnerorganisationen, allen voran der Women’s Foundation, haben wir uns dafür eingesetzt, dass diese Auflagen geändert werden. Dazu hat die Women´s Foundation im Verbund mit weiteren Organisationen den Leiter der Nationalen Wiederaufbaubehörde mehrfach gesprochen; Termine bei der Bildungsministerin und dem Premierminister erwirkt und ihr Anliegen vorgetragen. Allein drei Treffen mit dem Premierminister Nepals wurden im Juli 2016 durchgeführt.

Von Seiten der nepalesischen Regierung wurden in allen Gesprächen keine nachvollziehbaren Argumente vorgetragen, die diese oben dargelegte Position erklärbar machen.

Nachdem innerhalb von Nepal keine Änderung zu erwirken war, hat sich die Zukunftsstiftung Entwicklung im Juli und August mit anderen großen deutschen Entwicklungsorganisationen über die Bestimmungen ausgetauscht, denn alle deutschen NRO, die sich in Nepal im häuslichen Wiederaufbau engagieren, sind von diesen Problemen betroffen.

Auch haben wir uns direkt an die deutsche Botschaft in Nepal sowie das Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit gewendet. U. a. baten wir darum, dieses Thema des Wiederaufbaus für bedürftige Familien und Veränderungen der Auflagen zum Gegenstand der anstehenden Regierungskonsultationen Nepal/Bundesrepublik Deutschland zu machen. Die zuständige Nepalreferentin des Bundesministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit sicherte uns dies für die im Oktober/November 2016 anstehenden Gespräche zu.

Inzwischen gibt es Verlautbarungen aus Regierungskreisen der neu konstituierten nepalesischen Regierung, die Hilfe pro Familie auf ca. 3.000 US-Dollar zu erhöhen. Doch auch dieser Betrag reicht bei Weitem nicht aus, ein erdbebensicheres, ca. 45 m2 großes Haus für eine Familie zu bauen. Dazu sind, abhängig von den Transportkosten und lokal verfügbarer Materialien, etwa 8.000 bis 10.000 Euro notwendig. Wenn Maßnahmen zur Wasserversorgung wie Wassertanks und Latrinen dazukommen, liegen die Kosten insgesamt bei bis zu 12.000 Euro.

Was droht den Nichtregierungsorganisationen, wenn Sie die behördlichen Vorgaben nicht befolgen?

Nichtregierungsorganisationen (NRO), die den behördlichen Auflagen zuwiderhandeln, laufen Gefahr, ihre Registrierung und Anerkennung als NRO zu verlieren. Dann fiele deren Eigentum an den Staat.

Die bittere Konsequenz: Derzeit können wir mit unseren nepalesischen Partnerorganisationen keine Wiederaufbauprogramme von Häusern für bedürftige Familien umsetzen. Die vorgesehene Summe von rd. 3.000 US Dollar an Familien einfach nur auszuzahlen, wie die Regierung dies vorsieht, heißt sehenden Auges einzuplanen, dass die Familien das Geld für alltägliche Bedarfe umsetzen, ohne dass jemals ein Haus entsteht.

Wie soll es weitergehen?

Gemeinsam mit den betroffenen Projektpartnern in Nepal arbeiten wir jetzt an der Umsetzung von Projekten, dank derer trotz der strikten politischen Auflagen die Situation der Menschen vor Ort verbessert werden kann. D. h., aus der Not geboren, müssen wir uns mit unseren Partnern auf die Arbeit konzentrieren, Einkommen schaffende Maßnahmen mit der Stärkung der Gemeindestrukturen und der Selbstverwaltung umzusetzen.

Natürlich wäre es so viel sinnvoller Häuser zu bauen. Das gebietet schon der gesunde Menschenverstand. Aber unsere Partner können nicht riskieren, ihre Registrierung zu verlieren und dass ihr Eigentum staatlich konfisziert wird.

Wir wollen gemeinsam mit unseren Partnern die Menschen bei der Einforderung ihrer Rechte unterstützen und gleichzeitig Strategien zur Subventionierung von Baumaterial und Ausbildung von Handwerkern in den Dörfern befördern.

Kleinere Projekte und Gebäude, die keine Wohnhäuser sind, sind von den Beschränkungen glücklicherweise nicht direkt betroffen. Hier konnten unsere Partner in den letzten Monaten Folgendes erreichen und an diesen Punkten werden wir weiter ansetzen:

Mit der Association for Craft Producers (ACP) wurden insgesamt drei Produktionszentren für Weberinnen in stark zerstörten Gemeinden aufgebaut. Eins in Thankot, Kathmandu und zwei in Lubhu, Lalitpur. Hier stehen jeweils 8 – 10 Webstühle, an denen die Frauen in sicherer Umgebung Einkommen erwirtschaften können.

Unsere Partnerorganisation SECARD konnte ihre Mitarbeiter im Wiederaufbau ihrer zerstörten Wohnhäuser unterstützen.

Mit KRMEF haben wir den Bau von erdbebensicheren Flaschenhäusern weiter gefördert. Die Organisation hat mittlerweile viel Expertise im Bau von diesen hellen, leichten, auf einen Bambusrahmen gestützten Häusern und bildet weitere Menschen im Flaschenhausbau aus.

Das Gebäude von PAM, das Heim für Kinder von Strafgefangenen, ist beim Erdbeben beschädigt worden. Hier wurde das Fundament verstärkt und mit einer Rahmung versehen, um es stabil zu halten. Gleichzeitig wurden Risse in den Außenmauern behoben und das gesamte Gebäude konnte neu verputzt und gestrichen werden.

Mit der Women’s Foundation wird derzeit der Aufbau eines Gemeindehauses im komplett zerstörten Dorf Ravi Opi durchgeführt.

Die Organisation Good Earth Nepal führte, gefördert von dem Stiftungsfonds Agentur für Alternativen, der unter dem Dach der Zukunftsstiftung Entwicklung angesiedelt ist, Trainingsmaßnahmen zum Bau von Sackhäusern aus. Dr. Owen Geiger ist ein Spezialist für Earthbag Building. Die Wände der so gebauten Häuser bestehen aus Säcken, die versetzt übereinandergelegt werden. Diese Säcke sind gewebt aus Polypropylen, was sie haltbar und trotzdem atmungsaktiv macht. Gefüllt mit Erde und Schotter werden sie die Bausteine für die Häuser. Von außen werden die Säcke mit Lehm verputzt. Diese Technik ist einfach und kostengünstig, außerdem resistent gegen zukünftige Erdbeben. Zusammen mit Good Earth Nepal und Dr. Geiger sind so bereits 30 einzelne Modellhäuser in unterschiedlichen Dörfern entstanden. Hierbei ging es in erster Linie um die Ausbildung in der Technik, damit die Menschen diese selbstständig weiter nutzen können.

Mit Himal Asia konnten wir in Mustang vier Schreiner in traditioneller Bauweise und Schnitzerei ausbilden, um geschädigte Tempelanlagen zu reparieren. Mit ihrer Unterstützung förderten wir den Wiederaufbau des Palastes Dabar des Raja von Lo Manthang, sowie den Winterschutz und Wiederaufbau des Felshöhlentempels Tsuk Braga in Nordmustang.

All diese Bauten sind Einzelprojekte, deren Aufbau quasi unterhalb des Radars der nepalesischen Behören stattfindet oder eben nicht unter die Auflagen für den häuslichen Wiederaufbau fallen. Diese Art der Bauten können wir weiter befördern – aber wir werden derzeit kein Großprojekt für den dörflichen Wiederaufbau durchführen können.

Der Einsatz der von Ihnen seit dem 30.11.2015 für den dörflichen Wiederaufbau gespendeten Mittel ist also unter diesen Bedingungen schwierig.

Deshalb haben wir alle Menschen, die nach dem 30.11.2015 für den dörflichen Wiederaufbau gespendet haben, am 28.09.2016 angeschrieben, und sie um die Mittelverwendung ihrer Spende für die folgende Arbeit gebeten:

Wir hoffen deshalb, Ihre Zustimmung für unser weiteres Vorgehen zu gewinnen und damit den Verwendungszweck Ihrer Spende dementsprechend anzupassen:

  • Wir versuchen, weiterhin eine Leitlinienänderung bei der nepalesischen Regierung zu erwirken.
  • Projekte im Bereich Einkommen schaffende Maßnahmen haben Priorität in der weiteren Umsetzung.
  • Wir befördern den Bau einzelner Gebäude und Ausbildungs- und Lehrmaßnahmen zum selbstständigen Bauen.
  • Wir befördern den Bau gemeinschaftlich genutzter Produktionsstätten.

Der nächste Winter wird wieder etliche Tote fordern – schon im letzten Winter waren mehr Menschen durch Kälte und Schwäche gestorben, als durch die vorangegangenen Beben. Die Nepalesen beweisen eine Leidensfähigkeit, die regelrecht übermenschlich erscheint. Bitte unterstützen Sie uns weiterhin dabei, den Menschen bei der Verbesserung ihrer Lebensgrundlage zu helfen. 

Wir hoffen, dass wir Ihnen die Sachverhalte erklären konnten und freuen uns auf Ihre Kommentare, etwaigen Nachfragen und Ihre Entscheidung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Annette Massmann
Geschäftsführerin Zukunftsstiftung Entwicklung

 

Bildunterschriften:
1. Produktionszentrum für ACP Weberinnen
2. Ein Flaschenhaus, von KRMEF
3. Das renovierte PAM-Kinderheim
4. Rohbau eines Earthbag Gebäudes
5. Dacharbeiten am Tempelgebäude von Lo Manthang
6. Ziegel für die Restaurierungsarbeiten
7. Restaurierungsarbeiten Lo Manthang