NEPAL: FRAUEN, MUT ZUR SELBSTHILFE UND GELD

Das Leben ist nicht nur Schicksal

Dank des Zusammenschlusses zu selbstverwalteten Mikrokreditgruppen gelingt ein neuer Anfang.

Ein kleiner, grob verputzter Raum in der ersten Etage eines Rohbaus in Bhaktapur. Über zwanzig Frauen sitzen auf Stühlen aufgereiht entlang der Wände. Direkt vor ihnen sitzt ein zweiter Ring von Frauen auf Plastikplanen und Kissen. Rita Shrestha, Ende 30, schlank und strahlend, ist aufgestanden. Sie singt. Sie singt davon, wie sie lebte – in ihrem kleinen Dorf, mit ihrem Land, ihren Tieren und von der Gewalt, die ihr Mann ihr antat. Wie sie nicht mehr leben wollte. Wie sie nicht mehr weiterwusste; sich entschied, aus dem Dorf zu fliehen. Wie sie strandete in der brutalen Großstadt Kathmandu. Und dort auf die Women‘s Foundation traf. Der Refrain des Liedes lautet: Und es gibt doch Hoffnung. Manchen der Frauen treten Tränen in die Augen. Es ist ein beklemmender Moment. Und es gibt doch Hoffnung.

Rita Shrestha singt, denn sie hat es geschafft. Allein und verzweifelt in Kathmandu, ohne Geld, ohne Hilfe traf sie auf eine Frau, die ihr den Tipp gab, bei der Women‘s Foundation, der großen Frauenrechtsorganisation in Nepal mit über 11.000 landesweit organisierten Frauen, anzufragen. Sie erhielt Obdach im organisationseigenen Frauenhaus. Sie lernte lesen, schreiben und rechnen. Ihr erster selbstgeschriebener Text war das Lied ihres Erlebens und ihrer Befreiung, das sie nun singt.

Nach einem Jahr gründete sie, begleitet von Fachfrauen der Women‘s Foundation und gemeinsam mit anderen Frauen, einen selbstverwalteten Spar- und Leihzirkel. Länger als ein halbes Jahr sparten sie gemeinsam Kleinstbeträge. Sie starteten mit 100 Rupien pro Monat (80 Cent). Sie lernten, wie man über Geld spricht – das, was man hat, und das, was man nicht hat. Wie man Pläne macht – welche kleinen Investitionen tragfähig sind und welche nicht. Sie lernten, wie man eine einfache Einnahmen- und Ausgabenrechnung anfertigt, Zinsen berechnet und Sparbücher führt. Sie organisierten sich als Gruppe mit Präsidentin, Schatzmeisterin und klar vereinbarten Regeln für das Funktionieren der Gruppe. Dann vergaben sie die ersten kleinen Kredite untereinander. Die jeweiligen Rückzahlungsmodalitäten legten sie gemeinsam fest. Ein Kredit für Saatgut muss beispielsweise innerhalb von sechs Monaten nach der Ernte zurückgezahlt werden, für den Start eines Ladens beginnt die Rückzahlung nach einem Jahr, beim Kauf eines Wasserbüffels läuft der Kredit über zwei Jahre. Die Gruppe war erfolgreich. Bereits nach einem weiteren Jahr konnten sie monatlich bis zu acht Euro (1.000 Rupien) sparen. Jede Investitionsentscheidung wurde von einem gemeinsamen Gespräch und Beratung durch die Fachfrauen der Women‘s Foundation begleitet. Als ihre Gruppe gefestigt war, erhielten sie ein innerhalb von drei Jahren rückzahlbares und mit sechs Prozent verzinstes Gruppendarlehen von rund 4.000 Euro. Damit konnten sie größere Kreditbeträge ausreichen.

Rita Shrestha nahm inzwischen vier Mal einen Kleinkredit aus ihrer Gruppe auf. Sie startete mit einem Bauchladen und Kleinkram für den alltäglichen Bedarf und verkaufte auf der Straße. Dann konnte sie sich einen winzigen Laden mieten. In fünf Jahren erarbeitete sie sich ein einfaches kleines, mit Wellblech gedecktes, zweistöckiges Haus in einem Vorort von Bhaktapur. Im Erdgeschoss liegen ihr Lebensmittelgeschäft und eine winzige Küche, im Obergeschoss ihr Zimmer. Den Kredit für den Hausbau muss sie noch abzahlen. Aber sie ist zuversichtlich, dass die Rückzahlung ihr gut gelingen wird.

Heute ist sie die Präsidentin der „Women Awareness Group“ in Bhaktapur. Sie sagt, ihre Spar und Leihgruppe sei ihr Zufluchtsort. Die 35 Frauen ihrer Gruppe engagieren sich in der Hühnerzucht oder der Schweinezucht; es gibt Frauen, die winzige Schönheitssalons betreiben; eine Frau, die eine Krankenschwesterausbildung abgeschlossen hat, betreibt eine Mischung aus Drogerie und Apotheke. Aber Rita Shrestha macht klar: „Es geht nicht nur darum, gemeinsam zu sparen und zu investieren. Es geht darum, einander zuzuhören, sich zu helfen. Wir halten zusammen und unterstützen uns wechselseitig.“ Und sie fügt hinzu: „Ich habe diesen Weg geschafft, denn ich hatte diesen Rückhalt in den anderen Frauen. Ich habe gelernt, dass es nicht nur meine Schuld und mein Schicksal war. Ich konnte mein Leben in die eigene Hand nehmen.“

Die Frauen erklären, dass nach dem Erdbeben 2015 in Nepal die Lebenshaltungskosten und Preise für Baumaterialien unendlich gestiegen sind. Heute benötige man rund 2.000 Euro, um ein Unternehmen wie ein Geschäft für Haushaltswaren, Lebensmittel oder Tierfutter zu starten. Deshalb wünschen sie sich, dass ihr Eigenkapital durch weitere Darlehen von der Women‘s Foundation gestärkt wird.

In Bhaktapur begleitet die Women‘s Foundation zurzeit 35 Spar- und Leihzirkel von Frauen mit insgesamt 1.101 Mitgliedern. Gerne würde die Women‘s Foundation diese Spar- und Leihzirkel mit Darlehen von 2.400 Euro (300.000 Rupien) ausstatten. Die Darlehen werden von der Women‘s Foundation bei Umlage der Verwaltungskosten (6 Prozent) mit langen Laufzeiten vergeben und nach Rückzahlung an andere Gruppen weitergereicht. Dafür werden insgesamt 84.000 Euro benötigt. Pro Frau bedeutet dies eine einmalige Investition von rund 76 Euro.

Bildunterschriften:

1.Das Leben in die eigene Hand nehmen: Rita Shretha in ihrem eigenen Laden.

2. Sitali Karkey investiert ihre Kredite in den Gemüseanbau und verkauft ihr Gemüse in Bakthapur.

3. Rita Shrestha und Vertreter*innen verschiedener Spar- und Leihzirkel. Schulungen, Gespräche und gemeinsames Singen gehören dazu.