Nepal: Eine Judohalle als Begegnungsstätte

Der Weg vom Gefängnis zur Polizistin führt über Judo

Im PAM Nestling Home finden Kinder ein fürsorgliches Zuhause und Stärkung durch Judotraining. Für den Bau einer Judohalle wird neues Land benötigt.

Ein kleiner nepalesischer Junge beobachtete bei einem großen Sturm voller Entsetzen, wie die dicksten Bäume entwurzelt und die stärksten Äste geknickt wurden. Nur ein kleines Bäumchen trotzte dem Sturm auf seine Weise: Es bog seinen Wipfel bescheiden bis hinunter zur Erde. Als der Sturm sich legte, richtete es sich wieder auf und stand unbeschädigt da wie zuvor …

Es ist eine kleine Geschichte vom Überleben. Geschichten wie diese begleiten die Kinder des PAM Nestling Home, des Heims für Kinder von Strafgefangenen, und lassen sie Hoffnung schöpfen. Wenn in Nepal für Kinder von Strafgefangenen keine Unterbringungsmöglichkeiten gefunden werden, leben sie mit ihren Eltern im Gefängnis. Auch wenn sie außerhalb der Gefängnismauern leben, sind sie zumeist ausgegrenzt, denn die meisten von ihnen sind Kastenlose.

Als Kastenlose gelten sie in der nepalesischen, stark hinduistisch geprägten Kultur als „unberührbar“. Dagegen finden sie im PAM Nestling Home ein fürsorgliches Zuhause. Dort erfahren sie Unterstützung zur Persönlichkeitsentfaltung, erhalten gesunde Ernährung und Bildung und leben ein Leben in Würde und Selbstrespekt.Derzeit leben 31 Kinder im PAM Nestling Home. Das Haus ist in einen Jungen- und einen Mädchenflügel unterteilt. Es gibt eine Bibliothek, die auch als Hausaufgabenraum genutzt wird, ein beliebtes Fernsehzimmer, einen Gemüsegarten, eine Judohalle und Platz zum Spielen.Ziel der Arbeit ist es, Kinder und Eltern nach der Haftentlassung wieder zusammenzuführen. Doch die Eltern haben es nach einer langen Haft oft schwer, eine bezahlte Arbeit zu finden und einen geordneten Haushalt aufzubauen. Weil das Kindeswohl vorgeht, bleiben die meisten Kinder lange Zeit im Heim.

Vor ungefähr zehn Jahren wuchs der Anteil pubertierender Kinder im Haus. Konflikte unter Mädchen und Jungen verschärften sich. Stigmatisierung und Ausgrenzung in der Schule kamen hinzu. Der Leiter von PAM, Dr. Kaji Shrestha, versuchte zunächst, den Kindern durch Gespräche und Vermittlung kreativer Ausdrucksmöglichkeiten wie Malen und Tanzen neue Räume zu eröffnen, um mit den Problemen umzugehen, was jedoch wenig half.

Judo verändert das Leben

Dann kam die Idee auf, Judo als Sport für die Kinder einzuführen. Judo als eine Kampfsportart, die auf Verteidigung zielt, nicht aggressiv ist, gemeinschaftlich geübt wird, nicht auf Konkurrenz setzt, Körpergefühl, Respekt und Selbstdisziplin vermittelt.

Als Trainer fand Dr. Shrestha Herrn Surya Narayan, der aus dem Exil in der Schweiz zurückkehrte. Vorher hatte er als persönlicher Leibwächter des nepalesischen Königs gearbeitet, der bei einem Attentat umgekommen war. Surya Narayan schlug vor, interessierte Kinder zweimal die Woche zu trainieren. Alle Kinder waren begeistert und schnell dabei, gleich vier Mal in der Woche zu trainieren. 

Manita: „Judo lehrte mich den Respekt vor den Älteren und die Liebe zu Jüngeren.“ 

Innerhalb von nur drei Jahren wurde das PAM-Team Mannschaftsmeister bei einem Inlandsturnier. Mittlerweile haben die Kinder unzählige Auszeichnungen bei nationalen und internationalen Veranstaltungen gewonnen.

Seit Einführung des Trainings haben sich die Schulnoten aller Kinder deutlich verbessert. Nicht etwa, weil die Kinder durch das intensive Training Disziplin erlernten und ihre Aufgaben für die Schule ernster nähmen, sondern vor allem, weil Lehrer*innen und Mitmenschen die Kinder anders wahrnehmen.

Judo hilft, Kastengrenzen zu überwinden. Die vielen Auszeichnungen und Medaillen zeigten den Kindern, dass sie alles andere als „unberührbar“ sind. Ihr Selbstbewusstsein wurde enorm gestärkt. Heute werden alle PAM-Kids in ihrer Schule und Nachbarschaft geachtet. Die teilweise stark traumatisierten Kinder erfahren Selbstwirksamkeit und gewinnen Vertrauen in ihre Talente, trotz enorm schwieriger sozialer Ausgangsbedingungen. Eine Jugendliche, Manita Shrestha Pradhan (19), ist die Heldin dieser Geschichte. Für sie beginnt jetzt die Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 2020 in Japan. Und  da sie so erfolgreich ist, hat die nepalesische Polizeibehörde sie als zukünftige Mitarbeiterin angeworben.

Immer mehr Kinder aus dem Wohnviertel wollen Judo trainieren. Das würde auch die Integration des Heims im Viertel weiter verbessern. Doch dafür braucht PAM eine größere Judohalle. PAM könnte direkt vor dem Haus ein Grundstück kaufen: 225 Quadratmeter groß, der Preis pro Quadratmeter beträgt 325 Euro, Grundstückskosten 72.000 Euro. Das erscheint zunächst viel, doch Land in Kathmandu ist knapp und die Preise extrem hoch. Da sind 325 Euro ein sehr günstiger Preis. An der Straßenseite sollen Ladenlokale entstehen, deren Vermietung wieder Geld in die Kasse bringt. So soll aus verstärkter Integration, Ausbau und Refinanzierung ein Kreis gebildet werden.

Bildunterschriften:
1. Familiäres Miteinander unter den kleinen und großen PAM-Kids
2. Das tägliche Judo-Training stärkt das Selbstbewusstsein und die Selbstdisziplin der Kinder – die alte Halle ist jedoch zu klein geworden.