Kenia: Vertrauen, Spielregeln und Entfaltung lernen

Ein neuer Start für Straßenkinder, kleine Diebe und Straftäter

Die Statistiken des kenianischen Gefängnisdienstleistungsberichts besagen, dass jährlich rund 400.000 Menschen zu Gefängnisstrafen verurteilt werden. Etwa die gleiche Anzahl verlässt das Gefängnis. Rund 40 Prozent werden wieder straffällig. Die Karriere beginnt – aber ist der Weg vorgezeichnet?

Ein heißer, sonniger Tag in Zentralkenia. Auf dem Programm steht der Besuch des Jugendgefängnisses Othaya in Njeri. Mundraub, kleiner Diebstahl, Alkohol brennen, Herumlungern auf der Straße oder in der Öffentlichkeit rauchen sind übliche Vergehen von sogenannten jungen Ersttätern. Mir graut. Mauern, Stacheldraht, eingepferchte Menschen und mit Prügeln bewaffnete Beamte, häufig bei anderen Gefängnisbesuchen in Kenia erlebt, stehen vor meinem inneren Auge. Und jetzt ein Kindergefängnis. Mit Eliud Ngunjiri, dem Leiter unserer Partnerorganisation RODI, fahren wir an einem schmalen, baumbestandenen Weidenhain vorbei, auf einer großen Wiese grasen drei Kühe. Wir biegen in einen Schotterweg.  Mein Blick fällt auf ein im Quadrat angelegtes Areal einfacher Flachbauten, freundlich umsäumt von verschiedenen Hecken und Büschen. Zur Rechten ein kleines Häuschen, an dem eine pinkfarbene Bougainvillea rankt. Wir steuern auf das Haus zu. Ich bin verwirrt  und neugierig.

Frau Loise Mugure Gikuhi, Direktorin der Einrichtung, empfängt uns strahlend gemeinsam mit einer Lehrerin und einem Sozialarbeiter. Seit bald sechs Jahren leitet Frau Gikuhi das Jugendgefängnis und sie erklärt, dass sie „ihre 84 Jungs“ liebe: „Sie hatten einen schlechten Start. Wir geben ihnen hier einen Entfaltungsraum.  Dabei sind wir nicht naiv. Nur sehen wir das Potenzial des Einzelnen und starten vor allem mit Zu- und Vertrauen und mit klaren Regeln.“ Zum Konzept gehört, dass die Einrichtung nicht eingezäunt oder bewacht ist. Frau Gikuhi: „Wir haben kein Problem damit, dass die Kinder weglaufen würden. Sie spüren, dass sie hier eine Chance haben. Die, die doch mal gehen, kommen meist schnell wieder.“

Die zwischen ca. 6 und 21 Jahre alten Jungen haben täglich einige Stunden Schulunterricht. Sie sind in den Flachbauten in Räumen von bis zu zwanzig in Doppelstockbetten untergebracht. Jeder hat eine kleine Kiste für persönliche Dinge. Es ist sehr spartanisch, aber sauber.

Frau Gikuhi: „Dieses Konzept der Förderung gab es schon, als ich vor sechs Jahren im anfing. Aber wir hatten kein Geld  und keine Erfahrung, um über ein wenig Schulunterricht hinaus die Kinder zu fördern. Und unsere Kinder sind zumeist keine Akademiker. Sie brauchen etwas Praktisches, etwas, das sie für sich als relevant erleben.“ Über Kollegen im kenianischen Strafvollzug hörte sie von der Arbeit unseres Projektpartners RODI und lud die Organisation ein. Seit nunmehr etwa drei Jahren unterrichten Mitarbeiter von RODI die Kinder zweimal wöchentlich im organischen Gemüseanbau sowie in der Haltung und Pflege von Kühen. Sie lernen, wie man Frucht- und Gemüsesäfte produziert, erlernen das Kochen oder machen Joghurt. Auch fertigen sie Shampoos und Seifen oder sie spielen Theater, rezitieren Gedichte und singen.

An diesem Tag erhalten wir Kostproben von allen Fertigkeiten, einschließlich Musik- und Gedichtsvorführung und einem kleinen Theaterstück  unter dem Motto: „Was wir alles können“. Einige der Jugendlichen, die zumeist aufgrund schlechter Ernährung in den ersten Lebensjahren viel kleiner und jünger aussehen als Alterskollegen mit anderen Startbedingungen, sind erst ein wenig schüchtern. Doch dann tauen sie auf und strahlen voller  Stolz über ihre Darbietungen. Gefragt, was sie werden wollen, sind die Zukunfts- wünsche klar und nüchtern: Bauer, Schreiner, Händler, Koch. Nur ein Wunsch fliegt höher: Pilot. Durchweg alle wollen einmal auf eigenen, sicheren Füßen stehen. Und sie wollen ihren Familien helfen.

Im anschließenden Gespräch mit der Direktorin Frau Gikuhi wird der Wunsch nach pädagogischer Weiterbildung für die Mitarbeiter/innen der Einrichtung deutlich: Mehr pädagogische Qualifikation sei notwendig.  Ich erzähle von der Möglichkeit, an der ostafrikanischen waldorfpädagogischen  Ausbildung teilzunehmen. Darauf gehen der Leiter unserer Partnerorganisation und die Direktorin begeistert ein.

Zurzeit arbeitet RODI in insgesamt 35 kenianischen Gefängnissen. Darunter sind zwei Jugendgefängnisse. Seit Einführung der praktischen Kurse wurde deutlich, dass die Kinder großes Engagement, Disziplin und Lernwillen zeigen. Das gesamte Miteinander in den Einrichtungen habe sich grundlegend geändert. Es gibt den Kindern eine Chance auf einen zweiten Anlauf, ihr Leben zu gestalten.

Fünf Mitarbeiter/innen – jeweils zwei aus den Jungendgefängnissen und ein Mitarbeiter von RODI – wollen nun die waldorfpädagogische Ausbildung absolvieren. Sie tragen einen Eigenanteil in Form von Transport, Unterbringung und Verpflegung bei. Für die Kurse im Jahr 2016 werden noch  2.000  Euro benötigt.

Für die Arbeit von RODI in den Jugendgefängnissen sind in 2016 insgesamt rund 11.781 Euro notwendig. Das sind bei insgesamt ca. 220 Kindern etwa 53 Euro pro Jahr als anteilige Kosten für die Ausbilder/innen und Materialkosten für die Kurse.

Bildunterschriften:
1. David sieht das Jugendgefängnis als Chance: "Hier lerne ich, was ich woanders nie gelernt hätte."
2. Die Jungs präsentieren voller Stolz ihr Wissen. Hier: Joghurtherstellung, Backen und Seifenproduktion.
3. Jugendgefängnis in Njeri: zaunlos und weitläufig.