Indien: Militha heisst Inklusion

Die Geschichte einer Befreiung

Ein Versammlungshaus für Menschen mit Behinderung zur Stärkung ihrer Selbstorganisation.

Srinivasa Reddy erzählt: „Ein normales Kind wird zur Schule geschickt und ins Krankenhaus zu Kontrolluntersuchungen. Es erhält eine gute Bildung. Aber bei einem Kind mit Behinderung denkt jeder: Wozu sollten wir ihn brauchen? Ich habe diese Entwürdigungen selbst erlebt. Als meine Schwester heiratete, sagte mein Vater: Du gehst nicht zur Hochzeit, was sollen die Leute denken, wenn sie dich dort sehen. Du solltest zu Hause bleiben. Wer kann diesen Schmerz ertragen?“

Srinivasa Reddy hatte als Kind Polio. Seine beiden Beine sind verkümmert, er kann nur krabbeln. Menschen mit Behinderungen werden in Indien nicht wahrgenommen, ihre Rechte nicht anerkannt. Sie werden aus allen Bereichen sozialen Lebens ausgeschlossen, besonders, wenn sie arm oder aus einer niedrigen Kasten bzw. kastenlos sind. Zumeist wissen sie nicht, welche Rechte sie haben und verfügen nicht über die Möglichkeit, diese einzuklagen.

Herr Reddy fährt fort: „Wenn du einen Job hast, dann hast du Geld und erhältst Anerkennung in der Gesellschaft. Mein Traum war, einen Job zu bekommen und Akzeptanz zu finden.“

2001 startete unser Projektpartner Timbaktu Collective deshalb das Programm Militha (Inklusion), ein Programm, in dem sich Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen in der Selbstvertretung organisieren. Sie arbeiten in drei Schwerpunktbereichen: der Schulung zur Wahrnehmung eigener Rechte; dann, um den Zugang zu Behandlungen und Therapien zu ermöglichen und als drittes, um eigene Einkommen zu erwirtschaften. Um die Selbsthilfe auch ökonomisch effektiv umsetzen, gründeten sie die Kooperative von Menschen mit Behinderungen Pratibha. Heute hat die Kooperative Pratibha 1.559 Mitglieder aus 110 Dörfern und Srinivasa Reddy ist ihr Präsident.

Srinivasa Reddy erzählt: „Bevor ich mich bei Militha engagiert habe, bin ich niemals irgendwo hingegangen. Ich war nur zu Hause. Nachdem ich Mitglied bei Militha geworden bin, habe ich eine Gruppe gebildet. Ich lernte. Nach und nach füllte ich leitende Funktionen aus. Dann wurde ich Direktor unserer Kooperative Pratibha und anschließend der Präsident. Heute kann ich überall hingehen. Ich habe diese Energie.“ Und weiter: „Jedes Mitglied zahlt einen kleinen Beitrag an die eigene Kooperative. Jedes Mitglied hat das Recht, einen Kredit aufzunehmen – und zwar in der fünffachen Höhe der eigenen Einzahlungen. Heute verfügt unsere Kooperative über ein Eigenkapital von 11,7 Millionen Rupien (153.735 Euro) und fördert 250 Kinder mit Behinderungen. 

„Wir schaffen Arbeitsplätze zum Beispiel in der Seifenproduktion. Wir bauen Toiletten, die auch von Menschen mit Behinderung genutzt werden können. Jeden Monat treffen sich die Eltern von Kindern mit Behinderung und gemeinsam treffen wir Entscheidungen. Wir helfen den Menschen, wenn sie ihre monatlichen Unterstützungszahlungen oder Schwerbehindertenausweise nicht bekommen oder juristischen Rat benötigen. Behinderten Menschen, die fragen, was sie mit ihrem Leben anfangen können, sage ich, kommt und werdet Mitglied. Wenn wir zusammenkommen, können wir alles erreichen. Ich bin heute nicht mehr abhängig und erhalte viel Anerkennung. Ich habe heute einen neuen Blick auf das Leben.“

Die Menschen der Kooperative Pratibha möchten nun gerne eine weitere Zweigstelle in Roddam Mandal, im Ananthapuramu Distrikt in Andrah Pradesh, für 500 Menschen mit Behinderung aufbauen. Einen Ort, wo sie ihre Weiterbildungen durchführen, wo Ratsuchende Rat erhalten, wo sie sich treffen können, um sich auszutauschen.

Srinivasa Reddy und seine Mitstreiter haben erfolgreich die Regierung des Bundesstaates Andrah Pradesh um ein kleines Stück Land von 500 Quadratmetern gebeten. Sie haben 3.800 Euro gespart, um sie zum Bau beizutragen. Es soll ein Gebäude werden, das barrierefrei ist. Für den Bau des Gebäudes werden insgesamt 16.523 Euro gebraucht. 3.800 tragen die Mitglieder der Kooperative selber. So sind noch 12.723 Euro an Spenden notwendig.

Bildunterschriften:
1. Ein solches barrierefreies Versammlungshaus möchte Herr Reddy für seine Kooperative in Roddam Mandal bauen.
2. Herr Reddy (Mitte) im Kreise von Mitarbeiter*innen.