Indien: Manufaktur für Siddha-Medizin

Gesundheit in der eigenen Hand

Die indische Organisation MUHIL möchte die Herstellung von Siddha-Medikamenten ausbauen und Basisgesundheitsversorgung für 50 neue Dörfer leisten.

30 Kilometer von der regionalen Hauptstadt Madurai entfernt, eingebettet in überwiegend kleinbäuerlich genutztes Flachland mit einzelnen Hügeln, grenzt ein ärmliches Dorf an das andere. Insgesamt gibt es hier 164 Dörfer. In diesem Gebiet ist das de jure längst abgeschaffte Kastensystem weiter bestimmend. Die Menschen haben weder das Recht noch die Möglichkeiten, selbstbestimmt zu leben. Die langjährige monokulturelle Ausbeutung des Landes, verbunden mit der Verschärfung von Wetterextremen als Folge des Klimawandels, hat dazu geführt, dass die Böden belastet, nährstoffarm und von fortschreitender Bodenerosion betroffen sind. So kann eine Kleinbäuerin höchstens ca. 377 Euro pro Acre Land und Jahr erzielen – allerdings nur bei fruchtbarem, bewässertem Land. Im Fall von Ödland sind die Bauern und Bäuerinnen gezwungen, als Tagelöhner in Programmen der Regierung oder aber auf dem Bau in Madurai zu arbeiten. Männer können am Tag 120 indische Rupien (rund 1,50 Euro), Frauen 80 indische Rupien (rund 1 Euro) verdienen. In Folge der Armut arbeiten 60 Prozent der schulpflichtigen Kinder ganz oder teilweise als landwirtschaftliche Tagelöhner (Zensus 2014). Nur 47 Prozent der Kinder, die in der ersten Klasse eingeschult werden, erreichen die zehnte Klasse, also die Abschlussklasse der Volksschule, auch wenn in jedem Dorf kleine, kostenfrei zu besuchende Volksschulen existieren. Nur rund 20 Prozent der Jugendlichen besuchen eine weiterführende Schule. Als Folge des allgemein geringen Bildungsniveaus werden öffentlich – auch von Regierungsseite – mangelnde soziale und zivilgesellschaftliche Verantwortung, mangelndes Umweltbewusstsein und mangelnde Hygiene, fehlendes Bewusstsein für Ernährung und Gesundheit angeprangert.

Der Teufelskreis aus Armut, geringer Bildung und Erkrankung …

Zu diesen Problemen kommt die chronische Unterernährung hinzu, die vor allem Kinder und Frauen betrifft. Eine Mahlzeit pro Tag, bestehend aus einer Kombination von Reis mit Linsen ohne jede Abwechslung, ist in den Dörfern die Regel. Die chronische Unterernährung wiederum führt zu zahlreichen Folgeerkrankungen. Daneben treten besonders häufig alle Varianten von Hepatitis, Asthma, Rheuma, Psoriasis, Nephritis, Dermatitis und Krebserkrankungen auf. Dazu kommen periodisch ausbrechende, epidemische Erkrankungen wie Monsunfieber, Bronchial- und Lungenentzündungen, Chikungunya und andere Fiebererkrankungen.

… wird durchbrochen von ganzheitlicher Basisgesundheitsversorgung

In rund 40 Dörfern dieses Gebiets leistet Dr. Rani mit ihrer Organisation MUHIL seit einigen Jahren erfolgreich die Gesundheitsversorgung für mittellose Menschen, besonders Dalits (Unberührbare) oder andere Angehörige niedriger Kasten, auf der Grundlage der Siddha-Medizin. Diese Medizin hat in Tamil Nadu eine mehr als zweitausend Jahre alte Tradition. Es ist eine ganzheitliche Behandlung der Patient*innen, die von dem Prinzip der Selbstverantwortung ausgeht. Daraus folgt, dass Patient*innen die Gründe, die zu Erkrankungen führen können, verstehen sollen und sie gleichzeitig befähigt werden, ihre Selbstfürsorge vermehrt in die eigene Hand zu nehmen. Das schließt Schulungen in Yoga, Meditation und ausgewogener Ernährung, Hygiene und den Umgang mit Wasser ein. Die Schulungen werden durch Gesundheitshelferinnen durchgeführt, die von den Ärztinnen von Muhil ausgebildet werden. Die Siddha-Medizin arbeitet mit einer breiten Diagnostik und nutzt lokale Kräuter und Pflanzen. Übergänge zu anderen Medizinrichtungen sind fließend. Die medizinische Behandlung erfolgt für mittellose Menschen in den Dörfern kostenfrei. Für die Medikamente entrichten die Patient*innen einen sogenannten Anerkennungsbeitrag. Bei schwereren Erkrankungen können Patient*innen die zentrale Gesundheitsstation von MUHIL aufsuchen, die über 25 Betten verfügt. Komplizierte, Operationen erfordernde chirurgische Fälle, problematische Geburten und Intensivmedizin erfordernde Erkrankungen müssen nach indischem Recht an öffentliche Krankenhäuser verwiesen werden.

Der Erfolg dieser Bildungs- und Gesundheitsarbeit von Dr. Rani führte dazu, dass sie nun von lokalen Behörden und Vertreter*innen weiterer 53 Dörfer gebeten wurde, die medizinischen Dienstleistungen auch in diesen Dörfern mit einer Gesamtbevölkerung von 45.460 Menschen anzubieten.

Um das leisten zu können, muss MUHIL die eigene Medikamentenherstellung ausweiten. Derzeit produziert MUHIL rund 200 Medikamente aus 129 Kräutern und Pflanzen. Die Kräuter werden auf kleinbäuerlichen, organisch oder biodynamisch bewirtschafteten Farmen angebaut oder über Wildsammlung generiert. Schon jetzt deckt diese Produktion kaum den Bedarf. Teure Zukäufe sind mitunter notwendig. Nun soll eine Manufaktur neu aufgebaut werden. Stärker als bisher setzt MUHIL zudem auf Mechanisierung der Produktion. Geplant sind der Bau einer einfachen Produktionshalle sowie von zwei Lagerhallen.Eine Anlage zum Rösten, ein Pulverisierer, ein Granulator sowie eine Maschine zum Trocknen sollen angeschafft werden. Dazu kommen eine Tablettenpresse und eine Verpackungsmaschine.

Gleichzeitig sollen weitere 50 Frauen als Gesundheitshelferinnen und in der Medizinproduktion ausgebildet werden. Der Anbau von Kräutern und Pflanzen auf organisch und biodynamisch zertifizierten Feldern soll ausgebaut werden. Vertreter der 53 Dörfer haben zudem angeboten, dass in ihren Farmen geprüfte Wildpflücker*innen Kräuter unter Aufsicht von MUHIL pflücken dürfen, um die Beschaffung von Rohstoffen zu sichern. Als Wildpflückerinnen sollen vor allem landlose Frauen, die als Tagelöhnerinnen arbeiten, beschäftigt werden. Sie benötigen Schulungen zur nachhaltigen Wildkräutersammlung.

40 Prozent der neu produzierten Medikamente sollen perspektivisch verkauft werden, um so die Produktionskosten und den Unterhalt der Anlagen wie auch die Personalkosten zu decken. 60 Prozent der Produktion stehen für die medizinische Versorgung der Dorfbewohner zur Verfügung.

An Investitionen sind insgesamt 247.369 Euro notwendig. Davon profitieren rund 68.500 Menschen. Dies bedeutet pro Person eine Investition von 3,61 Euro. Die Spenden werden aus Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit vervierfacht.

Bildunterschriften:
1. Dr. Rani überprüft die Qualität der Medikamente während der gesamten Produktionskette.
2. Getrocknete Kräuter dienen als Basis für die Medikamente.
3. Dr. Fatima Rani mit einer Patientin bei der Pulsdiagnose.