Brasilien: Das Grundeinkommen in der Praxis

14 Menschen in Quatinga Velho leben mit einem Grundeinkommen

Der Wirklichkeits-Check: Was passiert, wenn die finanzielle Grundlage eines jeden Menschen – qua seines Menschseins – gesichert ist?

Während in Deutschland das Konzept der Auszahlung eines bedingungslosen Betrages zur Existenzsicherung in verschiedenen Spielarten – „Grundsicherung“, „Bürgergeld“, „solidarisches Grundeinkommen“ etc. – in regelmäßigen Abständen auf der politischen Bühne – meist sehr kontrovers – diskutiert wird, startete das kleine Team des Instituto ReCivitas bereits 2008 einen ersten Versuch, ein solches Grundeinkommen in der Praxis auszuprobieren. Damals waren 100 Freiwillige beteiligt und das notwendige Geld wurde durch private Spenden zusammengetragen. Nachdem erste wertvolle Erfahrungen und Lernschritte gemacht wurden, setzte die Nichtregierungsorganisation ihren Versuch ab 2016 auf einer umstrukturierten und finanziell stabileren Basis fort.

Seither erhalten 14 Bewohner*innen, die unterhalb des Existenzminimums im kleinen Ort Quatinga Velho in der Nähe von São Paulo leben, ein monatliches Grundeinkommen von 40 Brasilianischen Reales (umgerechnet ca. 8,70 Euro) und dies zugesichert für ihre gesamte Lebenszeit.
Die beteiligten Menschen wohnen auf drei Häuser verteilt und setzen das Geld etwa für Ernährung, Medizin, die Bildung ihrer Kinder oder den Kauf von Alltagsgegenständen ein, bisweilen aber auch für kulturelle Ereignisse wie einen Theaterbesuch.

Von Beginn an begleiten die beiden Gründer Bruna Augusta Pereira und Marcus Brancaglione dieses Projekt auch aus einer analytischen Perspektive. Sie interessieren sich etwa dafür, was die Menschen mit dem Geld machen und welche kurz- und mittelfristigen Auswirkungen die Verfügbarkeit eines regelmäßigen Grundbetrages auf die Lebensqualität hat. Ihre Erkenntnisse stellen sie der Allgemeinheit zur Verfügung – über Interviews, Vorträge und Publikationen – und sie stehen in regem Austausch mit einer weltweiten, die Idee des Grundeinkommens fördernden Bewegung.

„Mütter“, erzählt uns Initiatorin Bruna Augusta Pereira, „gewinnen an Unabhängigkeit und Selbstwertgefühl, denn in der Regel verwalten sie die gesamten Finanzen der Familie und treffen Entscheidungen über notwendige Käufe und Investitionen“.
Und Marcus Brancaglione, Mitgründer der Initiative, betont: „Ein Leben mit einem Grundeinkommen ermöglicht den Menschen, jeden Morgen aufzustehen und sich – befreit von den Sorgen um die Deckung von Grundbedürfnissen – auf ihre wesentlichen Vorhaben und Ziele zu konzentrieren.“
Für ReCivitas birgt das Grundeinkommen das Potenzial, ein zentraler Baustein eines neuen Gesellschaftsvertrages zu werden, auf dessen Basis Menschen in Würde und gegenseitigem Respekt miteinander leben. Und das weltweit.

Damit das Vorhaben eine Zukunft hat, ist ReCivitas auf Spenden angewiesen. Diese werden von ReCivitas ohne Abstriche in einem ökologischen Fonds angelegt, von dessen Zinsen wiederum das monatliche Grundeinkommen an die Beteiligten ausbezahlt wird. Der Weg über die Anlage im Fonds sichert die schwankungsfreie Kontinuität des Grundeinkommensbetrags. Wenn die Anlagen wachsen, können mehr Menschen in das Projekt Grundeinkommen einbezogen werden.

Bildunterschrift:

1. Die alleinerziehende Mutter Christiane Oliveira (hinten Mitte, 45 Jahre  alt)  und die jüngeren vier ihrer insgesamt acht Kinder (Thalita 20, Eric 16 und die Zwillinge Kauane und Ketlyn 13) sind Empfänger eines monatlichen Grundeinkommens.
Hinten rechts im Bild: Bruna Augusto von ReCivitas.