Argentinien: Biodynamische Saatgut-Initiative

Diversität säen, Widerstandskräfte kultivieren

Grundsätzlich hat Argentiniens Landwirtschaft in den letzten Jahrzehnten eine starke Intensivierung erfahren. Immer größere Landstriche und Wälder wurden zu diesem Zweck in Monokulturen verwandelt. Lokales Saatgut wurde dabei von Hybridsorten und gentechnisch manipulierten Organismen (GMO) verdrängt. Profiteure sind landwirtschaftliche Großbetriebe. Zugleich hat diese Form der Landwirtschaft verheerende Auswirkungen auf die Gesundheit von Menschen und Tieren sowie die Qualität der Böden.

Gerade jetzt in Zeiten der Krise in Folge des Umgangs mit der Pandemie zeigt sich ein wachsendes Bewusstsein über diese Schieflage. Dies macht sich unter anderem in einer steigenden Nachfrage für ökologische Produkte bemerkbar. Zertifiziertes organisches Saatgut konnte man bisher auf dem argentinischen Markt jedoch noch nicht kaufen. Immer mehr Kleinbäuer*innen versuchten sich an der Züchtung eigener Sorten, doch mangelt es diesen aufgrund fehlendem technischen Know-how häufig noch an Qualität.

Wiedererlangung der lokalen Souveränität über Saatgut

Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken und dem wachsenden Interesse von argentinischen Kleinbäuer*innen und Konsument*innen an ökologischen Lebensmitteln zu begegnen, gründete der junge Landwirt Alex Edleson im Jahr 2018 die Saatgutinitiative SembrarEco.

Die Initiative wird von einer Kooperation zwischen dem Trägerverein AABDA (Argentinischer Verein für biologisch-dynamische Landwirtschaft), einem neu gegründeten Saatgutunternehmen („Constelación - Semillas Agroecológicas“) und einem Netzwerk von Saatgutzüchter*innen getragen.

Ziel ist die gemeinschaftlich betriebene, selbstbestimmte Zucht und Vermarktung diversifizierten, biologisch-dynamischen Saatguts, wobei die aktive Teilhabe an der Selektion und der Vermehrung sowie der freie Tausch von Saatgut unter den beteiligten Züchter*innen großgeschrieben werden. Die Überzeugung der Initiative: die lokale Souveränität über Saatgut und dessen freie Zirkulation stellt ein lebendiges Erbe der Menschheit dar und ist fundamental für den Erhalt der Biodiversität sowie für eine funktionierende Zivilgesellschaft.

Alex Edleson, der zuvor eine Ausbildung in der bio-dynamischen Saatgutzucht in Deutschland absolviert hat, arbeitet mit fünf Mitstreiter*innen unter Hochdruck am Aufbau des Saatgutunternehmens Constelación. In der Kleinstadt Villa de Merlo (Provinz San Luis) fanden sie geeignete Gebäude für den Firmensitz, der nun als zentrale Sammelstelle, Lagerungsstätte, Analyselabor und zum Vertrieb von Saatgut dient.

Das Züchter*innen-Netzwerk wächst

17 Züchter*innen aus sieben argentinischen Provinzen haben sich bislang zu einem Netzwerk zusammengeschlossen, das Constelación mit Saatgut beliefert. Gemeinsam verständigte man sich auf einheitliche Standards und Qualitätskriterien für gute Züchtung und begann mit der Testung von lokalen Varianten, um Sorten zu identifizieren, die einer wirtschaftlichen Nutzung unter lokalen Bedingungen gewachsen sind. Viele der Züchter*innen verwendeten Saatgut bis dato ausschließlich zur Selbstversorgung und tauschten es nur mit anderen Züchter*innen aus, weshalb die Diversifizierung und Produktion für den kommerziellen Handel ein wichtiges Thema von Schulungen darstellt, die Alex Edleson mit den Züchter*innen durchführt.

Aktuell kann die Initiative bereits 51 selbstgezüchtete Gemüse- und Pflanzensorten anbieten, darunter etwa Sellerie, Aubergine, Bohne, Kürbis, Zucchini, Brokkoli, Blumenkohl, rote Beete, Paprika, Spinat, Möhren, diverse Tomaten- und Salatvarianten, Radieschen sowie Kräuter und Heilpflanzen. In Merlo wird das Saatgut der beteiligten Züchter*innen gesammelt, gereinigt, labortechnisch untersucht, zwischengelagert, verpackt und über diverse Kanäle vertrieben.

Constelación hat einen Online-Shop auf der eigenen Webseite eingerichtet, vernetzt sich über soziale Medien mit potenziellen Kund*innen, und stellt die Initiative auf Messen und Veranstaltungen vor. Hausgärtner*innen und Kleinbäuer*innen aus inzwischen neun argentinischen Provinzen sind die wesentlichen Abnehmer*innen des Saatguts. Doch Constelación möchte auch gezielt mit Waldorfschulen und öffentlichen Schulen zusammenarbeiten, die eigene Schulgärten betreiben.

Zertifizierung und Vernetzung

Mit Partizipativer Zertifizierung soll perspektivisch ein System entwickelt werden, das es auch Kleinbäuer*innen ermöglicht, ihr Saatgut kostengünstig zertifizieren zu lassen. Bei diesem dynamischen Sozialprozess sind die Züchter*innen selbst an der Zertifizierung des Saatguts aus dem Züchternetzwerk beteiligt.

Die Biodynamische Saatgutinitiative wird vom Argentinischen Verein für biologisch-dynamische Landwirtschaft (AABDA - Asociación para la Agricultura Biológico-dinámica de Argentina) getragen. Der Verein vernetzt seit über 30 Jahren biodynamische Kleinbäuer*innen aus verschiedenen Regionen Argentiniens miteinander und fördert so den Erfahrungsaustausch sowie die Zirkulation von biodynamischem Saatgut.

Die Initiative steht mit zahlreichen Akteuren auf internationaler Ebene in regem Austausch über ökologische Pflanzenzüchtung, darunter Bioleft – Open Seeds, Bingenheimer Saatgut, Kultursaat e.V. und Sativa.

Um ihre Pionierarbeit in Argentinien auf ein solides Fundament stellen zu können, ist die Biodynamische Saatgutinitiative auf Spenden angewiesen. Die Durchführung einer vergleichenden Qualitätsprüfung einer spezifischen Saatgutvariation kostet 52 Euro.

Für die Prüfung und Reinigung von Saatgut fallen monatliche Ausgaben von ca. 115 Euro an. Die Teilnahme an einer dreitägigen Schulung (einschl. Transport, Verpflegung, Unterkunft) kostet pro Person 322 Euro. Hohe Priorität hat zurzeit auch die Anschaffung einer Auslesemaschine zur Sortierung und Trennung von Saatgut im Wert von 16.273 Euro.

Bildunterschriften:

1. Verpacktes Saatgut im Lager von Constelación in Villa de Merlo
2. Schulung der Züchter*innen auf der „Granja Arca del Sol“ in Córdoba – Bewertung der Qualität gezüchteter Radieschen.
3. Ein Teil des Constelación-Teams am Firmensitz in Villa de Merlo (von links nach rechts: Celeste Bravo (Verwaltung, Assistenz im Vertrieb), Santiago Condom (Saatgutmanagement), Claudia Juarez (Vertrieb, Werbung, Kommunikation, Kundenberatung), Alex Edleson (Koordinator der Initiative, Aufbau und Schulung des Züchter*innen-Netzwerks)
4. Treffen des AABDA Saatgut-Rates in Córdoba.