Argentinien


Biodynamische Saatgut-Initiative

Diversität säen, Widerstandskräfte kultivieren

Seit 1996 ist in Argentinien der Anbau genmanipulierten Sojas erlaubt. Mehr als 60 Prozent der argentinischen Ackerfläche ist heute mit Soja bepflanzt, weit überwiegend mit Gensoja. Diese stillen den Soja-Hunger Nordamerikas und Europas, haben in Argentinien aber verheerende Wirkung auf Gesundheit von Menschen, Tieren und Erde. Neben GMOs bestimmen Hybridsamen den Markt. Alex Edleson, Leiter der Biodynamischen Saatgutinitiative Sembrar Eco, möchte dagegen angehen.

Argentiniens Landwirtschaft hat in den letzten Jahrzehnten eine starke Intensivierung erfahren und trägt maßgeblich die nationale Wirtschaft. Es sind insbesondere unverarbeitete Lebensmittel wie Mais, Soja und Weizen sowie Agrarerzeugnisse wie Viehfutter, Mehl und Pflanzenöle, die für den Export produziert werden. Immer größere Landstriche und Wälder Argentiniens wurden zu diesem Zweck in Monokulturen verwandelt, lokales Saatgut wird dabei von Hybridsorten verdrängt.

Mit ihrem Angebot an Saatgut, Düngemitteln und Pestiziden haben multinational agierende Großkonzerne den Landwirtschaftssektor mit der Zeit immer mehr unter ihre Kontrolle gebracht. Die kontinuierliche Forderung verschärfter Sortenschutzgesetze hat dazu geführt, dass die Samenzüchtung und Pflanzensortenentwicklung in der Hand dieser wenigen Großkonzerne liegt. Kleinbauern und -bäuerinnen haben so zunehmend ihre Souveränität über die Herkunft des Saatguts verloren.

Die Nachfrage für ökologische Produkte nimmt in Argentinien stetig zu. Zertifiziertes organisches Saatgut gibt es auf dem argentinischen Markt jedoch noch nicht zu kaufen. Organische Bauern und -bäuerinnen sind daher meist dazu gezwungen, konventionelles Saatgut zu verwenden. Immer mehr Kleinbauern beginnen mit der Züchtung eigener Sorten, denen es jedoch aufgrund von fehlendem technischen Wissen häufig noch an Qualität mangelt.

Alex Edleson von Sembrar Eco möchte den fortschreitenden Entwicklungen im landwirtschaftlichen Sektor Argentiniens ein positives Beispiel einer selbstbestimmten Landwirtschaft entgegenstellen und das wachsende Interesse an organischen Lebensmitteln grundlegend befördern. Die Initiative plant eine breit angelegte Kooperation zwischen einem neu gegründeten Saatgutunternehmen, einem Netzwerk von biodynamischen Saatgutzüchter*innen sowie dem Trägerverein der Initiative. So sollen Kleinbäuer*innen wieder die Teilhabe an der Selektion und Züchtung von Saatgut ermöglicht und freier Tausch und die Vermehrung von Saatgut gestärkt werden. Die Überzeugung der Initiative: die lokale Souveränität über Saatgut und die freie Zirkulation dessen ist ein lebendiges Erbe der Menschheitsgeschichte und fundamental für den Erhalt der Biodiversität sowie für eine funktionierende Zivilgesellschaft.

In einem ersten Schritt werden während eines zweijährigen Trainings biodynamische Saatgutzüchter und -züchterinnen ausgebildet. Über mehrere Jahre wird vorhandenes samenfestes und regionales Saatgut gesichtet und getestet. Die Sorten, die einer wirtschaftlichen Nutzung gewachsen sind, werden für die weitere Vermehrung und Vermarktung gelagert.

Mit der Gründung einer Saatgutfirma beginnt die Saatgutproduktion und -vermarktung. Die ausgebildeten Saatgutzüchter bilden ein Züchternetzwerk und erhalten die Möglichkeit einer Mikrofinanzierung. Mit Partizipativer Zertifizierung soll schließlich ein System entwickelt werden, das es auch Kleinbauern und -bäuerinnen ermöglicht, ihr Saatgut kostengünstig zertifizieren zu lassen. Bei diesem dynamischen Sozialprozess sind die Züchter*innen selbst an der Zertifizierung des Saatguts aus dem Züchternetzwerk beteiligt.

Die Biodynamische Saatgutinitiative wird von dem Verein für biodynamische Landwirtschaft Argentinien (AABDA - Asociación para la Agricultura Biológico-dinámica de Argentina) getragen. Der Verein vernetzt seit über 30 Jahren biodynamische Kleinbäuer*innen aus verschiedenen Regionen Argentiniens miteinander und fördert so den Erfahrungsaustausch sowie die Zirkulation von biodynamischem Saatgut. Bei der Saatgutforschung und -testung wird die Initiative von dem deutschen Verein Kultursaat e.V. unterstützt.

Die Initiative befindet sich in der Gründungsphase. Die aktuellen Entwicklungen können hier verfolgt werden: www.sembrareco.org. Um ihre Arbeit initiieren zu können, ist die Initiative auf Spenden angewiesen. 

Bildunterschriften:
1. Im Folientunnel wachsen Karottenpflanzen für die Züchtung des Saatguts heran.
2. Neben den technischen Grundlagen der biodynamischen Landwirtschaft lernen die Saatgutzüchter*innen in der Ausbildung auch die Qualität verschiedener Saatgutsorten zu beurteilen.