Kenia: Rehabilitierung von Strafgefangenen

Ausbilden statt strafen

Seit über 20 Jahren arbeitet unsere kenianische Partnerorganisation RODI (Ressources Oriented Development Initiatives) mit Strafgefangenen. Armut führt oft zu Delikten. Rückfälle sind die Regel. Doch es geht auch ganz anders. Ein Beispiel.

Fast wäre Gidraph Gathenya Kimondo am Gefängnis zerbrochen. 2007 wurde er zu zwölf Jahren Haft verurteilt. 2013, als er zum ersten Mal mit RODI in Kontakt kam, war er kurz davor aufzugeben. Er erwog Suizid als letzten Ausweg aus der Hoffnungslosigkeit, die jeden seiner Tage bestimmte. Zwar haben die Gefängnisse, in denen RODI arbeitet, in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht, dennoch sind die Bedingungen extrem hart, Hygiene und Versorgungslage mangelhaft, Gewalt prägt den Alltag.
Gidraph Gathenya Kimondo war Farmer, bevor er ins Gefängnis kam. Über den Grund für seine Verurteilung spricht er nicht. Was für ihn zählt, ist die Ausbildung, die er von RODI erhielt. Das war der Startpunkt in sein neues Leben. Zum ersten Mal begegnete er Ausbilder Peter Chege in einem Grundkurs, wie ihn RODI auch aktuell in 22 Gefängnissen durchführt. Gelehrt werden die Grundzüge des organischen Landbaus, dazu einfache Techniken zum Herstellen von Reinigungsmitteln und Seifen, Joghurt, Gebäck, Snacks; Dinge, mit denen man in den ländlichen Gemeinden Geld verdienen kann. Gidraph Gathenya saugte das Wissen auf. Sein Ausbilder Peter Chege machte den Gefangenen Mut, an die Zeit nach dem Gefängnis zu denken, Pläne zu schmieden. Als es schließlich auf die Gefängnisfarm ging, um organischen Kaffeeanbau zu lehren, war Gidraph Gathenya endgültig Feuer und Flamme, denn seine kleine Heimatfarm liegt in Nyeri, einer Kaffeeanbauregion. Wie viele der Kleinbäuer*innen aus der Gegend hatte auch Gidraph Gathenya eine Parzelle dem Kaffeeanbau gewidmet. Die einfachen und kostengünstigen Methoden, die er von Peter Chege lernte, begeisterten ihn. Die Umstellung auf organischen Anbau, Nutzung organischer Pestizide und Düngemittel, einfache Wege, um Schädlingsbefall zu reduzieren, auch die Trocknung und Weiterverarbeitung der Kaffeebohnen, um beste Ergebnisse zu erzielen – all das erfüllte ihn mit Hoffnung und Tatendrang für sein Leben nach dem Gefängnis. Nach einem Jahr wurde er Hilfstrainer im Gefängnis und bildete selbst 40 Gefangene in den erlernten Techniken aus. Im dritten Jahr (Oktober 2015) wurde er nach einem erfolgreichen Berufungsverfahren vorzeitig aus der Haft entlassen.

Einkommen dank neuer Pflegetechniken
Gidraphs Gathunyas Frau Tabitha Njeri hatte währenddessen die Farm so gut es ging weitergeführt. Für sie zählten die Nahrungsmittel zur Selbstversorgung. Der Kaffee war nie eine bedeutende Quelle für Einkommen gewesen. Die 200 Kaffeebüsche standen verwildert auf der kleinen Parzelle. Doch mit vereinten Kräften machten sich die beiden mit den neu erlernten Techniken ans Werk. Dies nicht nur beim Kaffeeanbau, sondern auch auf dem Gemüseacker, bei der Tierhaltung, bei der Herstellung von Seifen und Reinigungsmitteln für die Dorfgemeinschaft. Zunächst bildete er seine Frau aus. Doch schon bald sprach sich herum, dass es einen neuen Lehrer im Dorf Gikondi gab. Gerne lud Gidraph Gathunya die Nachbar*innen zu sich ein. Erst kamen sie zögerlich, dann immer überzeugter. Eine feste Gruppe bildete sich, die von Gidraph Gathunya geschult wurde. Peter Chege und das Team von RODI begleiteten diesen Prozess aktiv. Im ersten Jahr nach seinem Gefängnisaufenthalt ernteten Gidraph Ganthunya und seine Frau rund 350 Kilogramm Kaffee – etwas mehr als in den Jahren davor. Doch bereits im Folgejahr erzielten sie dank guter Düngung, korrektem Beschnitt, Schädlingsvorsorge und angepasster Lagerung 1.850 Kilogramm, 2018 waren es bereits 4.500 – von der selben kleinen Parzelle. Dieses Einkommen ermöglichte Gidraph Gathunya, das Schulgeld für die weiterführende Schule seiner zwei Kinder zu bezahlen. Außerdem pachtete er ein weiteres Stück Land, auf dem er Gemüse für die Vermarktung anbaute.
Der Erfolg sprach sich herum: Heute wird Gidraph Gathunya als Ausbilder von immer mehr Gruppen angefordert. Bereits 80 Bäuer*innen wurden von ihm im Kaffeeanbau geschult, 120 jugendliche Auszubildende an einer benachbarten Landwirtschaftsschule profitierten von seinem Wissen. Gleichzeitig ist er Peter Chege und RODI unendlich verbunden und dankbar: „Sie haben mir das Wissen gegeben und jetzt bin ich ein Lehrer und schule andere. Das hätte ich mir nie träumen lassen.“



92 Tonnen exzellenter Biokaffee
Die 80 ausgebildeten Kaffeefarmer*innen haben sich zur Karindi Organic Self Help Group zusammengeschlossen. Gemeinsam produzieren sie jährlich knapp 92 Tonnen biologischen Kaffee von 20.730 Bäumen. Wegen der hohen Qualität findet der Kaffee guten Absatz, jedoch wird er in den lokalen Kaffeefabriken mit dem herkömmlich produzierten Kaffee
vermischt. Einen Abnehmer, der die Bioqualität zu schätzen weiß, sucht die Gruppe noch.
Seit 2013 arbeitet Peter Chege für RODI, er hat seitdem über 350 Gefangene in organischem Kaffeeanbau ausgebildet. Die durch RODI initiierten Gefängnisfarmen dienen als Ausbildungsstätte und sorgen für eine gesündere Ernährung in den Gefängnissen. RODIs Einsatz verbessert außerdem die Hygienesituation, da sie die Gefangenen in der Herstellung von Reinigungsmitteln schulen. Zusammen mit RODI möchten wir im laufenden Projekt bis Ende 2021 720 Gefangene und 48 Wärter*innen in acht Gefängnissen mit Ausbildungen erreichen. Rund 200 Ex-Häftlinge (Männer und Frauen) sollen in der Zeit bei der Wiedereingliederung in ihre Gemeinden begleitet werden. Für die Durchführung dieser Arbeit sind jährlich rund 40.000 Euro notwendig. Pro erreichter Person sind das rund 41 Euro im Jahr.

Bildunterschriften:
1. Gidraph Gathenya Kimondo mit einer Kaffeepflanze, die mit er mit einer einfachen Technik gegen Termiten schützt.
2. Nach seiner Ausbildung im Gefängnis organisierte er eine Bauerngruppe, die er im organischen Landbau unterrichtet.
3. Gidraph mit dem Initiator von RODI, Eliud Ngunjiri (rechts)