PERU: Bergschulen

Der Wissensschatz der Großeltern

Sechs andine Bergschulen wollen ihr Schulprogramm erweitern. 

Hoch in den Anden, 28 Kilometer nordöstlich von Cuzco, liegt auf 3.780 Metern Höhe das Dorf Simatauca. 250 Familien leben hier. Die Menschen sind stolz auf ihre kleine Bergschule mit zurzeit 34 Kindern. Seit 2015 engagiert sich die Anthropologin und Waldorfpädagogin Lizbeth Escudero López in dieser Schule. Sie schult die Lehrer*innen darin, stumpfes Wiederholen und Auswendiglernen durch Kreativität und Förderung zu ersetzen. Sie öffnet den Raum für Phantasie, Legenden und Lieder auf Quechua und Spanisch, für Malen, Basteln und Tanzen. Um die Ernährung der Kinder zu verbessern, legte sie gemeinsam mit den Eltern und Lehrer*innen einen Gemüsegarten in der Schule an. Aus den Feldfrüchten dieses Gartens wird das tägliche Schulmittagessen zubereitet. Mehrmals im Jahr laden die Kinder und Lehrer*innen die Eltern ein, gemeinsam zu kochen, um das Wissen über gesunde Ernährung zu fördern. Das Engagement der Schulgemeinschaft zeigte Wirkung. 2017 gewann die Schule einen Ökologie-Wettbewerb als beste Schule der Region. Nun will Lizbeth Escudero López einen Schritt weiter gehen: Sie möchte den Wissensschatz der Großeltern in den Unterricht einbeziehen. 

„In der andinen Kultur“, berichtet Lizbeth Escudero López, „wurden alte Menschen früher sehr geachtet. Wissen wurde mündlich von einer Generation an die nächste weitergegeben. Heute gelten die alten Menschen vielfach nichts mehr. Und doch haben sie uns so viel zu sagen. Sie sind die Hüter der andinen Kultur, sie kennen unsere Mythen und Legenden, die andine Kosmovision, kennen vielfach noch Heilkräuter oder Techniken wie das traditionelle Spinnen, Weben, Färben, das Knüpfen von Teppichen, sie wissen, wie mit einfachsten Werkzeugen der Boden zu bearbeiten ist, wie lokales Saatgut gepflegt wird.” Um den Großeltern Anerkennung zu zollen, ihnen Selbstbewusstsein wiederzugeben und ihr Wissen an die junge Generation zu übertragen, startete sie das Projekt „Abuelos Yachay” – die weisen, lehrenden Großeltern. 

Die Trachten in den Hochanden sind leuchtend bunt. Früher gewannen die Menschen diese Farben aus Kräutern, heute verwenden sie überwiegend chemische Farbstoffe. Maria Quispe, die Großmutter einer Schülerin, nimmt die Kinder von Simatauca auf eine Lehrreise mit, sie lernen Färbepflanzen wie Mutuy, Chilca, Mullaca, Tara oder den Annatosstrauch kennen. Auch die Schildlaus wird genutzt. Die Kinder helfen ihr mit Begeisterung und lernen, wie durch unterschiedliche Mischungen die verschiedensten Farben von satten bis feinen Grün-, Blau-, Rot- oder Brauntönen entstehen.

Florencio Mescco, ein Großvater, ist Hüter der lokalen Legenden wie zum Beispiel der Legende des Sees Piuray in der Nähe von Simatauca. Einst feierte ein Paar Hochzeit in Piuray. Es kam ein alter Mann in schmutzigen Kleidern und wollte mitfeiern. Doch die Dörfler von Piuray jagten ihn davon. Nur die Köchin erbarmte sich seiner, gab ihm zu essen und säuberte sein Gesicht. Aus Dankbarkeit hieß der alte Mann, der eigentlich ein Gott war, die Köchin, mit ihm zu kommen und sich nicht umzudrehen. Als beide das Dorf verließen, öffnete sich ein Krater und das Dorf versank in einem See. Die Köchin drehte sich um und versteinerte. Noch heute sind im See Piuray Reste vorkolonialer Bauten zu finden – und das Mahnmal der Köchin.

„Traditionelles Wissen, eigene Legenden und Mythen formen die Identität. Wenn ich weiß, woher ich komme, kann ich offen sein für das Andere und die Zukunft”, sagt Frau Escudero López und freut sich an den Begegnungen zwischen Jung und Alt: „Die Kinder sind stolz auf ihre Kultur und Traditionen, sie lernen ihre Umgebung pflegen und schützen“, so Frau López.

Für Materialien und die Arbeit mit den Kindern, Lehrern und Lehrerinnen, Eltern und Großeltern an insgesamt sechs Schulen sind 2019 noch weitere 7.000 Euro notwendig. 

Bildunterschriften:
1. Lernen vom Erfahrungswissen: Die Schüler*innen der Simatauca-Schule mit ihren Großeltern und Lehrer*innen. 
2. Maria Quispe bei der Herstellung von Farbsud. 
3. Ein Großvater erklärt traditionelle Werkzeuge.