Informelle Schulbildung als Starthilfe

13 Zentren in Südindien geben Straßen- und arbeitenden Kindern einen Rückzugs- und Lebensraum und ermöglichen auf informellem Weg in Nachmittagskursen Schulabschlüsse zu erreichen.

Hintergrund

Indien gilt neben China und Brasilien als die boomende Nation. In den letzten Jahren waren Wachstumsraten von durchschnittlich 7% die Regel. Auf dem riesigen Subkontinent konzentriert sich der Wirtschaftsschub nur auf einige Regionen und Ballungszentren. Breite Schichten der Gesellschaft haben keinen Anteil an der Entwicklung. Doch Zugang zu Bildung ist eine Grundlage, um diese Situation zu verändern.

Während zwar etwa 96% der indischen Kinder eingeschult werden, sind bis zum Alter von 10 Jahren nur noch 60% von ihnen in den Schulen. 40% werden zu so genannten dropouts. Der Anteil der Abbrecher zwischen der dritten und achten Klasse ist besonders hoch. Gerade Mädchen ärmerer Schichten und Kinder in Slums und auf dem Land zählen dazu. Kinder müssen zumeist arbeiten, um zum Lebensunterhalt ihrer Familien beizutragen. Zudem können ihre Eltern selbst den Besuch staatlicher Schulen häufig nicht finanzieren. Auch hier sind Beiträge für Klassenarbeiten, Schuluniform etc. zu zahlen. Durch mangelnde Bildung setzt sich Armut über die Generationen fort.

Informelle Schulbildung gibt Kindern eine Chance auf einen Schulabschluss

Deshalb griff die indische Regierung zur Idee der informellen Schulbildung. Sie bedeutet, dass Kinder, die die Grundschulausbildung nicht vollendet haben, Schulabschlüsse auf individuellem Weg nachholen können.

Unser Kooperationspartner in Südindien, die Welfare Association for the Rural Mass (WARM), hat 13 informelle Schulzentren geschaffen. Zehn Zentren liegen in kleinen Dörfern, drei in kleineren Städten. Diese Zentren sind abends geöffnet. Für Straßen- und arbeitende Kinder und Jugendliche gibt es in diesen Zentren die Möglichkeit, mit Sozialarbeitern Schulstoff anhand eigens dafür erarbeiteter Lehrmaterialien nachzuholen. Die Lehrmaterialien wurden vom staatlichen Ressource Centre (SRC) erarbeitet. Sie zielen darauf ab, Lesen und Schreiben sowie Grundrechenarten zu vermitteln. Wenn die Kinder diese Lehrmaterialien durchgearbeitet und Prüfungen bestanden haben, werden sie auch in Regelschulen akzeptiert.

Das Schulzentrum als geschützter Raum

Gleichzeitig geht es in diesen Zentren darum, Kindern und Jugendlichen einen Anlaufpunkt und geschützten Ort zu bieten. Sie spielen, machen Ausflüge und lernen etwas über Ernährung, Gesundheit und Kinderrechte. Jedes Jahr nutzen 285-300 Kinder die informellen Schulzentren. Eine dieser Jugendlichen ist  P. Sasikala.

P. Sasikala kommt aus Mel Puzhuthiyur, einem winzigen Dorf im südindischen Thiruvannamalai Distrikt. Sie ist vierzehn Jahre alt und kastenlos. Ihre Eltern, Herr Perumal und Frau Vanitha, sind Analphabeten. Sie haben vier weitere Kinder, ausschließlich Mädchen. Sasikala ist die älteste Tochter. Die Familie besitzt kein Land.

Das wenige, was die Eltern verdienten, erhielten sie für ihre Arbeit als Tagelöhner; etwa 3.600 indische Rupies pro Monat (ca. 53 Euro). Nicht ausreichend, um eine Familie dieser Größe zu ernähren. Deshalb musste Sasikala, kaum dass sie die Eingangsklasse der Grundschule besuchte, die Schule schon wieder verlassen. Sie sollte Kühe und Ochsen des Dorfes hüten, um so Geld für den Familienunterhalt beizutragen. Zudem gingen die Eltern davon aus, dass das Mädchen ohnehin heiraten würde – wozu also Schule?

Doch Sasikala lernte das Zentrum von WARM kennen. Gemeinsam mit der Sozialarbeiterin Frau Meena sprach Sasikala mit ihren Eltern. Sie wollte ihre Schulbildung fortsetzen. Angeregt durch die Gespräche begann sich ihre Mutter, Frau Vanitha, auch für die dörfliche Frauenselbsthilfegruppe von WARM zu interessieren. Die Mutter erhielt über die Selbsthilfegruppe Unterstützung, um allmählich drei Kühe anzuschaffen, und Sasikala absolvierte das Schulprogramm. Inzwischen verfügte die Familie dank des Verkaufs der Kuhmilch über 6.000 Rupies per Monat (ca. 88 Euro).

Nach einem Jahr im informellen Schulprogramm gelang Sasikala der Einstieg in die achte Klasse der staatlichen High School Melpuzhuthiur.

Zwischen 285 und 300 Kindern besuchen die 13 Zentren von WARM. Für den Unterhalt der Zentren sind jährlich 19.000 Euro notwendig. Pro Kind und Monat sind dies 5.50 Euro oder auch 66 Euro pro Jahr.

 

Bildunterschriften:
1. Informelles Schulzentrum. Gelernt wird in den Abendstunden.
2. Lernen für den Grundschulabschluss.
3. Sasikala - mit starkem Willen zur erfolgreichen Schülerin.