Kindersklaven eine Chance

Neue Perspektiven durch Jugendzentren

Wenn Kinder mitarbeiten, kann dies auch eine Lebensschule sein. Dabei muss aber auf das Ausmaß und die nötige Körperkraft geachtet werden. Anders ist es bei 10-jährigen Jungen, die gegen ein Darlehen an ihre Eltern als Diener in eine ferne Stadt verkauft werden. Denn die neuen Dienstherren lassen ihren jungen Zwangsarbeitern keine Gelegenheit zur Entwicklung. Die Kräfte der Jungen werden für eintönige und endlose Arbeiten missbraucht. So verlieren die Jungen die beste Lernzeit als Arbeitssklaven.

Mit zahlreichen bereits eingegangenen Spenden konnten zunächst drei Zentren im Großraum der Tempelstadt Tiruvannamalai errichtet werden, die für die versklavten Jungen abends eine Anlaufstelle sind. Sozialarbeiter kümmern sich um die Kinder. Sie spielen mit ihnen, üben kleine Theaterstücke ein, singen Lieder oder geben Alphabetisierungskurse. Das Wichtigste aber ist, dass die Sozialarbeiter in allen Nöten ansprechbar sind und dass eine Atmosphäre herrscht, in der die Jungen willkommen sind und nicht ausgenutzt werden.

Aufgrund des riesigen Zuspruchs wurde die Anzahl der abendlichen Kindertreffs auf 13 Zentren erhöht. Auch die Öffentlichkeitsarbeit gegen die Kinderversklavung ging weiter. So ist nunmehr ein kostenloser Kindernotruf mit der Telefonnummer 1031 im Polizeibereich von Tiruvannamalai eingerichtet worden. Die Polizeistationen geben die Kontakte direkt an unsere Partner in den Kindertreffs weiter, die den Jungen helfen.

Vom Kindersklaven zum Motorradmechaniker

Sri Vadivelu ist der jüngste Sohn eines verarmten Kleinbauern aus Kalladavi, einem winzigen Dorf in Südindien. Die sechsköpfige Familie besitzt etwas weniger als 0,3 Hektar Land. Der Boden ist in dieser Region nicht sehr ertragreich. Das Land ist die einzige Einkommensquelle der Familie. Vadivelu besuchte die Gemeindeschule im Nachbardorf bis zur 5. Klasse. Mit 11 Jahren musste er als Arbeiter in einem Restaurant in der nächsten Stadt, in Uthangarai, anfangen. Seine Familie konnte nicht weiter für ihn aufkommen.

Seine Arbeit begann morgens um 5 Uhr. Er schuftete bis 9 Uhr abends, manchmal auch länger. Tische und Stühle reinigen, Geschirr abtragen und spülen, Gemüse putzen gehörte zu seinen Aufgaben. Als die Familie dringend Geld benötigte, schloss sein Vater mit dem Eigentümer des Restaurants einen Vertrag ab: Für die Dauer von drei Jahren verkaufte der Vater seinen Sohn an den Eigentümer des Restaurants. Als Gegenleistung erhielt der Vater einmalig 4.500 Rupies (73 €).

In Uthangarai, der Stadt, in der Valdivelu arbeiten musste, gibt es ein Zentrum gegen Kinderarbeit. Es ist ein Zufluchtsort für Kinder. Hier haben sie die Möglichkeit, sich zurückzuziehen, Beratung und Rückhalt zu finden, zu spielen und die Grundschule nachzuholen.

Außerdem suchen Sozialarbeiter des Zentrums die Betriebe auf, in denen sie arbeitende Kinder vermuten. Dazu zählen Restaurants, Hotels, Tankstellen, Marktstände, Ziegelbrennereien und Teppichfabriken. Sie drängen die „Besitzer“ dazu, den Kindern zu erlauben, während ihrer Freizeit das Zentrum zu besuchen. In Verhandlungen mit den Besitzern setzen sie sich für die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Kinder ein.

Vadivelu kam während seiner drei Sklavenjahre regelmäßig in das Zentrum. Er schaffte es, den Grundschulabschluss nach Arbeitsende nachzuholen. Als sein Vertrag endete, konnte er dank der Unterstützung durch seinen Sozialarbeiter das Restaurant verlassen. Er begann eine einjährige Ausbildung zum Motorradmechaniker. 2006 beendete er sie erfolgreich. Heute arbeitet er in einer großen Motorradwerkstatt. Dort verdient er 5.000 Rupies (80 €) im Monat – ein für indische Verhältnisse sehr gutes Gehalt.

Umdenken in der Gesellschaft

Ideal wäre es natürlich, wenn man entsprechende Kinderschutz-Gesetze, die es offiziell gibt, wirklich zur Anwendung bringen könnte. Zunächst müsste die Arbeitsdauer für Kinderdiener auf einen halben Tag beschränkt werden, so dass ein Schulbesuch möglich würde. In diesem Sinn versuchen die Sozialarbeiter unserer Partner ein Umdenken in der Gesellschaft anzustoßen.

 

Bildunterschriften:
1. Vadivelu als Schüler.
2. Vadivelu als junger Mann.