Peru: Gemeindeküchen

Gemeinschaftssinn im Slum

Gerade in Slumgebieten ist sozialer Zusammenhalt das größte Kapital. Nur gemeinschaftlich können die Menschen ihre desolate Situation verbessern. Gemeindeküchen sind ein probates Mittel der Selbsthilfe.

Ricardo Herrera stammt aus einer neunköpfigen, mittellosen Familie. Mit unglaublichem Engagement schaffte er es, sich fortzubilden und nach und nach ein Studium als Architekt erfolgreich abzuschließen. Das Studium finanzierte er, indem er arbeitete. Sein Ziel: Eine eigene Organisation, die Menschen in Slums hilft, ihre Grundversorgung in die eigenen Hände zu bekommen. 1999 gründete er dazu Alma Capac. Alma Capac arbeitet in Slumvierteln im Großraum der Hauptstadt Lima. Das Vorgehen: Menschen kommen zusammen und errichten oder erneuern, angeleitet von den Mitarbeiter*innen von Alma Capac, grundlegende Infrastruktur, wie sanitäre Anlagen, Kindergärten, Gemeindeküchen. Begleitet wird dies von Seminaren zur Persönlichkeitsentwicklung, Stärkung des Gemeinsinns oder praktischen, einkommensgenerierenden Tätigkeiten wie Computerkursen, Schuhmacher-, Bäckereikursen.

Eine neue Gemeindeküche für Conta-Cañete
Carmen Rosa Paucar Lumbreta (57), lebt mit Mann und drei Kindern im Slum von Conta-Cañete. Von den 6.000 Einwohner*innen dieses Gebietes gelten 80 % als arm bzw. extrem arm. Die Menschen schlagen sich mit informellen Gelegenheitsjobs durch. Im Schnitt haben Familien drei bis vier Kinder. Häufig bleiben Mütter alleinerziehend, weil sich die Väter ihrer Verantwortung entziehen. Bereits vor der Corona-Pandemie litten hier viele Menschen an Atemwegserkrankungen. Auch parasitär übertragene Krankheiten sind in Ermangelung einer sicheren Wasser- und Abwasserversorgung verbreitet.

Carmen Rosa betreibt hier gemeinsam mit 60 weiteren Frauen eine mühsam aus Lehm gebaute Gemeindeküche - ohne befestigten Boden oder sanitäre Anlagen. Die Ausstattung der Küche ist rudimentär. Es fehlt an Regalen, Kühlschränken, Tischen, Stühlen, Töpfen, Teller und Besteck. Dennoch haben es die Frauen in zähen Verhandlungen mit den lokalen Behörden geschafft, die monatlichen Provisionen an Öl, Reis, Dosenfisch zu bekommen,  die organisierten Gruppen in Slums zusteht.

So kocht täglich rotierend eine Freiwilligengruppe eine warme Mahlzeit. Dies dank der Provisionen und 1,20 peruanischen Soles (ca.31 Cent), die jedes Mitglied beiträgt. Davon profitieren rund 160 Schwangere und Mütter, Kinder sowie alte und kranke Menschen. Zusätzlich leisten die Mitglieder der Gemeindeküche einen Jahresbeitrag von 30 Soles (ca. 7,10 Euro). Eine Schatzmeisterin verwaltet die Mittel sorgfältig. Gemeinsam tragen sie Sorge, dass auch gänzlich mittellose Menschen des Viertels etwas zu essen bekommen. Zugleich dient die Küche als sozialer Treffpunkt und Ort für gemeinsame Aktivitäten oder als Bildungseinrichtung. So lädt Carmen Rosa als Leiterin der Gemeindeküche Expert*innen ein, die Aufklärung und Beratung bei Themen wie Hygiene, Gesundheitsvorsorge und häuslicher Gewalt anbieten.

Nur drohte die Gemeindeküche langsam zusammenzufallen. Und Carmen Rosa sah im vergangenen Jahr in einem benachbarten Viertel eine Gemeindeküche, die Alma Capac dort mit den Nutzer*innen baute. Das brachte sie auf die Idee, an die Tür von Ricardo Herrera zu klopfen.

Verhandeln, Maurern lernen, Hand anlegen
Aufgrund der langen Erfahrung und guten Organisation wurden sich die beiden schnell einig. Die Gruppe aus Contra-Canete erreichte es, von der Gemeindeverwaltung ein Grundstück von 120 m² zur Verfügung gestellt zu bekommen.

Alma Capac schult nun die Mitglieder der Gemeindeküche im Maurern und leitet den Bau an. Alle Mitglieder wirken bei den Arbeiten mit. Begleitend führen die Mitarbeiter*innen von Alma Capac Workshops zu den Themen Persönlichkeitsentwicklung, Erziehung, Ernährung, Hygiene, sowie Herstellung von Backwaren durch. Durch den Verkauf von Backwaren möchte die Gruppe zusätzliche Einnahmen erzielen.

Die Finanzierung des Baus und begleitender Schulungen ist bereits aus Spenden gesichert. Es fehlen noch 3.000 Euro für Möbel und Küchengeräte. 18,75 Euro pro Gemeindeküchenmitglied helfen, die Ausstattung, Gemeinsinn und das Überleben im Slum zu sichern, das aufgrund des wirtschaftlichen Zusammenbruchs in Folge der Corona-Krise noch härter geworden ist.

Bildunterschriften:

  1. Mitglieder der Gemeindeküche. Im Hintergrund die Konstruktion, die langsam zusammenfällt.
  2. Die Frauen haben immer versucht, das Beste aus dem Wenigen zu machen: gemeinsam kochen, wenn auch nur auf drei Steinen, und das Essen anbieten.