Selbst organisierte Spar- und Leihzirkel

Tagesablauf der Teepflückerin Nancy Kahiga Wangui

...oder der Grund, weshalb Frauen am „table-banking“ teilnehmen.

Es ist Sonntag in Kenias Teeregion Mataara. Ich nehme an einem Treffen von 60 Frauen und einem Mann teil, die monatlich einen kleinen Betrag sparen. An diesem Sonntag kommen sie zusammen, um Geld in die gemeinsame Kasse einzuzahlen oder aber voneinander zu borgen.

Die Mindestsparrate pro Gruppenmitglied beträgt 200 KHS, ca. 2 Euro monatlich. Einzeln aufgerufen, bringen sie ihren Beitrag ein, manche auch einen Betrag um die 10 Euro – je nach Möglichkeit. Alles wird in kleinen Mitgliedsbüchlein notiert. Vielen Frauen fällt es schwer, die Mindestrate beizutragen. Aber sie halten eisern daran fest. Nur, wenn sie Mitglied sind, können sie auch einen Kleinstkredit beantragen. 

Nach der Sparrunde erfolgt die Leihrunde. Es gibt keine Konkurrenz. Die Frauen tragen vor, wofür sie den Betrag benötigen. Manche, um eine Kuh zu kaufen, andere für ein Ziege, dritte für Setzlinge oder Saatgut. Schnell wird in der Gruppe entschieden. Widerspruchslos, leise und konzentriert.

Es entspinnt sich eine Diskussion entlang meiner Frage, weshalb in der Runde 60 Frauen bei nur einem Mann sitzen, auf die Nancy Kahiga Wangui für die gesamte Gruppe mit dem Tageslauf einer Teepflückerin antwortet:

„Meine Namen sind Nancy Kahiga Wangui. Ich habe fünf Kinder, bin verheiratet.

Wir haben anderthalb acres Land mit Tee. Ein wenig Gemüse pflanze ich an. Wir haben zwei Kühe im Stall. Meine Tage sehen so aus: Morgens um halb fünf stehe ich auf. Ich mache Feuer mit dem Holz, das ich am Vortag gesucht habe. Dann bereite ich meinem Mann und meinen Kindern das Frühstück. Ich füttere und melke die Kühe, füttere unsere drei Hühner. Meine Kinder gehen um sechs Uhr los zur Schule. Wenn meine Kinder weg sind, esse ich schnell. Dann laufe ich mit der Milch zur Sammelstelle und gebe sie dort ab. Die Liter werden auf dem Konto meines Mannes notiert. Wenn ich zügig laufe, die Sammelstelle nicht so voll ist, bin ich nach einer Stunde wieder da. Manchmal dauert es länger. Danach gehe ich in den Wald, um Feuerholz zu holen und Wasser aus dem Fluss. An guten Tagen schaffe ich das alles bis zehn Uhr. Dann muss ich für meine Kinder und meinen Mann kochen. Ich lasse das Essen fertig zurück und hole mir meinen Korb zum Teepflücken. Also zwischen elf und zwölf Uhr bin ich am Hang, um Tee zu pflücken. Ich pflücke bis fünf Uhr. Dann bringe ich den Tee zur Genossenschaft, lasse ihn wiegen. Sie schreiben das Gewicht dem Konto meines Mannes gut. Wenn es gut läuft, bin ich so um sieben Uhr zu Hause. Wenn ich Glück habe, ist noch etwas vom Essen da. Ich melke die Kühe und bringe wieder die Milch weg. Wenn ich zurückkomme, muss ich abwaschen. Manchmal ist kein Wasser mehr da. So gehe ich wieder zum Fluss; oder kein Holz mehr, das muss ich wieder sammeln. Die Kleinen schlafen dann schon. Oft hilft mir meine große Tochter. Gegen zehn Uhr lege ich mich hin. Doch mein Mann kommt meist erst um elf aus dem Dorf. Ich bin froh, wenn er nicht betrunken ist. Ich stehe wieder auf, mache ihm Essen. Um ungefähr zwölf kann ich dann schlafen. Bis zum nächsten Morgen. So geht es von Montag bis Samstag. Am Samstag oder Sonntag wasche ich Wäsche. Am Sonntag pflücke ich auch keinen Tee. Da gehe ich am Nachmittag in die Kirche.

Am Monatsende erhält mein Mann den Erlös von unserer Milch und dem gepflückten Tee ausgezahlt. Sehr selten erhalte ich etwas von dem Geld. Sie müssen wissen, 50% unserer Männer trinken und lauern im Dorf herum. Sie haben keine Arbeit. 30% haben keine Arbeit aber helfen ein wenig zu Hause. Manchmal. 20% der Männer haben einen Job. Manche von ihnen tragen auch etwas Geld Zuhause bei. Deshalb brauchen wir das „table banking“. Es ist unsere einzige Möglichkeit, über ein wenig notwendiges Geld zu verfügen.“ Dann schließt sie mit den Worten: „Und deshalb sehe ich so aus, wie ich aussehe.“

Die Frauen im Kreis lachen. Sie erzählen, was sie alles schon dank ihres gemeinsamen Sparens erreicht haben. 250.000 KHS, also 2.500 Euro haben sie in den letzten fünf Jahren an Umlaufgeld zusammengetragen. Gerne würden sie diesen Umlaufbetrag verdoppeln. Das würde ihnen ermöglichen, mehr Kredite auszugeben. So wie diese Gruppe streben zehn weitere Gruppen die Erhöhung ihres Umlaufvermögens an.

 

Bildunterschriften:
1. Die Gruppenmitglieder eines Sparzirkels
2. Ausgabe eines Kredits