Nothilfe für Indien und Nepal

Nothilfe für Indien und Nepal

Obwohl die Berichterstattung hierzulande abnimmt, ist die Situation in Indien und Nepal weiterhin dramatisch. Beiden Ländern mangelt es an einer funktionierenden Gesundheitsversorgung; ganz zu schweigen von Intensivbetten und Sauerstoffgeräten. Während Indien im letzten Jahr noch Impfstoffe exportierte, hat das Land seit Januar mit Engpässen im staatlichen Impfprogramm zu kämpfen. In Nepal ist Impfstoff kaum erhältlich.

Millionen von Menschen haben im vergangenen Jahr bereits ihre Lebensgrundlage verloren. Menschen, die im informellen Sektor beschäftigt waren - wie Tagelöhner*innen und Wanderarbeiter*innen - sind besonders hart von dieser Krise getroffen. Sie verloren bis zu 80% ihrer Einkünfte. In Indien führte die Krise zu einem Massenexodus aus den Städten, was wiederum in einer humanitären Krise für gestrandete Wanderarbeiter*innen auf dem Land gipfelte. Diese Situation wurde durch erneute Lockdowns weiter verschärft. Die offiziellen Infektionszahlen in Indien (Stand: 24.07.2021) sinken weiter und die zweite Welle scheint überwunden, doch die Angst vor der dritten Welle hält das Land in Atem. In Teilen des Landes beginnen die Infektionszahlen schon jetzt wieder zu steigen. Ebenso zögerlich wie der Impffortschritt verläuft auch die Versorgung mit Lebensmitteln. Millionen von Inder*innen kämpfen infolge der Wirtschaftskrise täglich ums Überleben und sind von Mangelernährung bedroht.

In Nepal ist die Situation ebenso desolat. Die Haupteinnahmefelder Tourismus sowie Handwerks- und Textilproduktion sind zusammengebrochen, die Rücküberweisungen von Familienmitgliedern aus dem Ausland dramatisch zurückgegangen. Hinzu kommen gerade jetzt exorbitant steigende Lebensmittelpreise. Einziger Weg sich derzeit vor dem Virus zu schützen, ist die soziale Isolation, doch dafür braucht es Ersparnisse und/oder Lebensmittelvorräte. Die Wenigsten können sich das „Zuhause-bleiben“ leisten. Zwar ist auch in Nepal die zweite Welle abgeflacht, die täglichen Neuinfektionen stagnieren jedoch bei rund 2.000 pro Tag und die Angst vor einer dritten Welle ist enorm.

Viele unserer Partner*innen beklagen bereits jetzt Verstorbene. Allein die Women´s Foundation muss den Verlust mehrerer Mitarbeiter*innen überwinden. Einer von ihnen war Chetnath Neupane, Buchhalter der Bipul Shikshya Niketan Schule, die viele der Kinder aus dem Kinderheim der Women´s Foundation besuchen. Einige dieser Tode hätten durch eine bessere Gesundheitsversorgung mit Sicherheit verhindert werden können. In Absprache mit unseren lokalen Partner*innen haben wir 50 Sauerstoffkonzentratoren organisiert, um die angespannte Situation vor Ort zumindest ein wenig zu entlasten.

Als GLS Zukunftsstiftung Entwicklung leisten wir nur Nothilfe, wenn wir auf Partner*innen vor Ort zählen können, die diese zielgerichtet umsetzen. Gemeinsam mit ihnen haben wir Corona-Nothilfe-Programme entwickelt, die den Bedarfen der Menschen entsprechen und dort ankommen, wo sie am dringendsten benötigt werden.



Laufende Programme (Stand: 18.06.2021)

100 Aktivist*innen und Freiwillige von Ekta Parishad, einer der größten Volksbewegungen Indiens, konnten mit erneuten Sensibilisierungskampagnen zum 22. Mai bereits 40.000 Familien in 17 Distrikten in Madhya Pradesh erreichen. Im Bundesstaat Chhattisgarh unterstützen die Freiwilligen von Ekta Parishad die Gesundheitsämter. Dort wurden am 24. Mai in elf Distrikten bereits Medikamente und Masken an 3.000 Familien verteilt und elf Impfzentren aufgebaut, die hoffentlich demnächst in Betrieb gehen können. Noch fehlen doch allerdings die Vaccine.
Im Bundesstaat Odisha helfen Aktivist*innen von Ekta Parishad dem Gesundheitspersonal zudem bei Impfungen in abgelegenen Dörfern. Aktivist*innen sind auch in ländlichen Gebieten, unter anderem in Uttar Pradesh und Tamil Nadu, bei indigenen Gruppen unterwegs, um die Menschen dort über Covid-19, Präventionsmaßnahmen und die Impfung zu informieren. Außerdem verteilen sie medizinische Kits zur Prävention an hilfsbedürftige Familien. In Odisha ist dies in den Distrikten Puri, Bhubaneswar, Khurdha, Nayagarh, Jajpur, Bolangir, Kandhamal, Raigadha, Sundergarh und Kalahandi schon erfolgt. Im Staat Manipur plant ein Team von Ekta Parishad demnächst 1.000 Pakete mit ergänzenden Lebensmitteln an Frauen und Kinder zu verteilen.
(Stand: 11. Juni 2021)


Die Women´s Foundation in Nepal hat eine Hotline eingerichtet, die über freie Krankenhausbetten und Behandlungskapazitäten informiert und über die Ärzt*innen Behandlungshinweise geben. Nachdem die nepalesische Regierung Ende Mai die einwöchige Schließung von Lebensmittelgeschäften anordnete, um das Virus einzudämmen, verteilten die Mitarbeiter*innen außerdem Lebensmittelpakete an diejenigen, die sich keine Vorräte leisten konnten. Hierfür arbeiten sie auch mit den Lokalregierungen zusammen.
Am 13. Juni konnte sie bereits 127 Lebensmittelpakete in der Stadt Gokarneshwor verteilen. Nun soll die Nothilfe in die Distrikte Bhaktapur, Jhapa 1 und Jhapa 2 ausgeweitet werden.
(Stand: 13. Juni 2021)

Die Kevin Rohan Memorial Eco Foundation verteilt Lebensmittel an bedürfte Familien (ein Paket reicht bis zu einen Monat für 3 bis 6 Menschen), sowie warme Speisen an Covid-Infizierte in Heimquarantäne. Kranke Senior*innen aus der Umgebung konnten zudem mit Sauerstoff versorgt werden.

Die Menschen in dem südindischen Distrikt Anantapur sind aufgrund anhaltender Dürren ohnehin in Not, die wiederkehrenden Lockdowns haben die Situation der Menschen weiter dramatisch verschlechtert und bedrohen nun ihre Ernährungssicherheit. Unsere Partner*innen von Timbaktu Collective leisten in dem betroffenen Gebiet deshalb Unterstützung für besonders betroffene Familien und verteilen Lebensmittelpakete (für je drei Wochen), zahlen Überbrückungshilfen an Mitarbeiter des Kollektivs und klären mit Druckprodukten über das Virus auf. Bis Mitte Juni konnten sie so bereits 357 Familien unterstützen.  
(Stand: 18. Juni 2021)


Stimmen unserer Partner*innen

Bablu Ganguly von Timbaktu Collective berichtete am 10. Juni aus Indien: „Wir hören, dass sich die Lage im Land verbessert, aber hier in den Dörfern scheint es noch keinen Rückgang zu geben. Ich bin mir aber sicher, dass das bald der Fall sein wird.
Wir sorgen uns vor allem um die dritte Welle. Dieses Mal haben die Politiker*innen versagt, und bei den Menschen wächst die Panik, dass es ohne Impfungen in der nächsten Welle wirklich schlimm wird. Aber das liegt in der Zukunft.
Inzwischen bricht die Wirtschaft zusammen, und es scheint keinen Plan zu geben, wie damit umgegangen werden soll. Alle Preise schießen in die Höhe, und die Lockdowns sind nicht abgestimmt, weil jeder Staat für sich entscheidet. Deshalb ist es sehr mühsam, materielle Güter zu transportieren.
Mangelernährung und Hunger sind auch ein Problem, und deshalb richten wir uns in unserer Arbeit nicht nur an Covid-19 Betroffene, sondern an alle Armen, Alten und Gebrechlichen, sowie Mütter mit Kindern. [...] Einige der Auszubildende des Colleges wurden positiv getestet, aber sie haben es überstanden. Einer der Jungen hat jedoch seinen Vater verloren. […]


Angelika Ehrle von Deepam in Indien berichtete uns am 26. Mai folgendes: „Obwohl wir uns hier auf dem Land viel draußen oder in gut ventilierten Räumen aufhalten, gibt es jetzt in der Umgebung und auch in Auroville wesentlich mehr positiv Getestete als zuvor. Momentan haben viele Leute Fieber, Glieder- und Kopfschmerzen, leider auch einige unserer Mitarbeiter*innen und nahestehende Familien. Die meisten Familien in den Dörfern wohnen auf engem Raum - Abstand zu halten ist kaum möglich. Da in den Dörfern - aus Angst vor Stigmatisierung - kaum getestet wird, wissen wir nicht wirklich, wie viele COVID-Erkrankte es tatsächlich gibt […]. Unglücklicherweise gab es bisher zwei Corona-bedingte Todesfälle in Auroville und in unserem Bekanntenkreis in den Dörfern werden auch mehr und mehr Todesfälle bekannt.”

Sie warnt außerdem vor drohender Mangelernährung aufgrund steigender Lebensmittelpreise: „In Indien leben viele Menschen von dem, was sie täglich verdienen (die Familien unserer Kinder eingeschlossen) und kämpfen täglich damit, sich über Wasser zu halten. Viele Menschen haben nach dem monatelangen Lockdown ihre Jobs verloren oder der Verdienst reicht nicht zum Leben. Die Regierung versorgt die meisten der ärmsten Haushalte mit einer kleinen Menge Reis, Hülsenfrüchten, Öl und Zucker, aber nicht mit Obst und Gemüse. Steigende Lebensmittelpreise und veränderte Ernährungsgewohnheiten (weg von den traditionellen gesunden Hirse-Arten und wildwachsenden Spinatsorten, hin zu industriell verarbeiteten Lebensmitteln) haben dazu geführt, dass sich viele Menschen in Indien sehr schlecht ernähren. Besonders seit dem Lockdown verschlechtert sich die Gesundheit (insbesondere) der Kinder stark. Ohne das gesunde Mittagessen und die nahrhaften Zwischenmahlzeiten bei Deepam mussten schon drei Kinder wegen lebensgefährlich niedriger Hämoglobinwerten (unter 4 mg) Bluttransfusionen erhalten.”


Ramesh Sharma, General Sekretär von Ekta Parishad, berichtet im Interview mit einem indischen Nachrichtensender über die desolate Situation von Adivasi (Selbstbezeichnung Indigener) während der Coronapandemie: „Bereits lange vor Covid sind Adivasi an anderen [behandelbaren] Krankheiten verstorben. Nichts davon hat unsere Regierung jemals erschüttert. Warum also sollten sie jetzt etwas tun? […] Es gibt keinen Grund für Adivasi der Regierung zu vertrauen, wegen des Verrats, dem sie im Laufe der Jahre ausgesetzt waren. Es gibt eine große Anzahl von Covid-Fällen, aber die Adivasi ziehen es vor, zu sterben anstatt sich behandeln zu lassen. […] Es gibt keinen separaten Plan für die Aufklärung dort. Es gibt keine Verfügbarkeit von Schutzausrüstung als solche. Die lokalen Behörden versuchen ihr Bestes mit der Versorgung, aber wegen der großen Nachfrage wird kaum geliefert.“ Er empfiehlt, auch die traditionelle Medizin der Adivasi zu nutzen: „Ein klügerer Weg, sich hier der Genesung zu nähern, besteht also wahrscheinlich darin, sich auf ihre traditionelle Medizin und deren immunitätssteigernden Elemente zu verlassen und sie zu verwirklichen.“
Der Aktivist Thanaraj, der sich ebenfalls in der Basisbewegung Ekta Parishad engagiert, äußert sich ähnlich: „Es schien mir schon immer, dass Indigene doppelt bedroht sind. Natürlich ist COVID-19 ein großes gesundheitliches Problem, aber die anhaltende Existenzkrise hat diese Menschen noch verletzlicher gemacht. Unser Team versucht, ihre gesundheitliche Situation zu verbessern. […] Nach unseren stetigen Bemühungen hören Regierungsvertreter*innen inzwischen zu und nehmen einige unserer Forderungen an.“

(Stand: 11. Juni 2021)