Peru: Geschichten und Berichte

Aufgrund der Ausbreitung des Coronavirus verhängte Präsident Martín Vizcarra am Sonntag dem 15. März den Ausnahmezustand. Vorerst bis zum 31. Juli gilt – ähnlich wie in Deutschland  - das Gebot der „sozialen Isolation“. In Peru bedeutet es allerdings, das pro Haushalt nur eine Person das Haus verlassen darf und dies auch nur, um Lebensmittel einzukaufen. Zudem gilt eine nationale nächtliche Ausgangssperrre - von 22:00 Uhr abends bis 04:00 in der Früh. Einige, besonders stark betroffene Regionen, haben schärfere Ausgangssperren. In der Region Loreto, wo u.a. unsere Partnerorganisation ACELPA tätig ist, beginnt die Ausgangssperre bereits um 16 Uhr. Sonntags müssen die Menschen ganztägig zu Hause bleiben.

In vielen Regionen gelten die zuvor genannten Beschränkungen lediglich für Kinder bis 14 Jahre und Personen, die älter als 65 Jahre sind, sowie für Personen, die einer gesundheitlichen Risikogruppe angehören. Jedoch dürfen Kinder bis zu 14 Jahre in Begleitung eines Erwachsenen, der im selben Haushalt wohnt, für eine Stunde nach draußen gehen. Allerdings müssen sie sich in einem Radius von 0,5 km zur Wohnstätte aufhalten, Masken tragen und den Mindestabstand, der in Peru 2 Meter beträgt, einhalten.

Die Durchsetzung dieser strengen Maßnahmen wird durch Militär und Polizei durchgesetzt - die Präsenz soll, zur Kontrollen der Maßnahmen, noch weiter ausgebaut werden.

In den vergangenen Wochen und Monaten haben wir viele E-Mails mit unseren Partner*innen in Peru ausgetauscht, einige möchten wir gerne mit Ihnen teilen.



Update zur Lage in Peru

Ein erstes, ausführliches Update zur Lage in Peru veröffentlichten wir am 31. März 2020. Am 11. Mai erhielten wir von vielen unserer Partner*innen ein weiteres Update aufgrund der damaligen Verlängerung der Quarantänemaßnahmen. Aufgrund der besonders prekären Lage der indigenen Bevölkerung und der schnellen Ausbreitung der Pandemie im Amazonas-Dreiländereck Peru-Kolumbien-Brasilien folgte am 27. Mai ein weiteres ausführliches Update, welches Sie hier noch einmal nachlesen können.

Nun möchten wir Sie noch ein weiteres Mal über die Situation in Peru informieren (Stand: 21. Juli 2020):

Aufgrund der Corona-bedingten, ökonomischen Rezession hat die peruanische Regierung in den Monaten Juni und Juli Dekrete über schrittweise Öffnungen des Wirtschaftssektors erlassen. Zwar leidet das Land unter anhaltend hohen Ansteckungszahlen (353.590 Infizierte; 13.187 mit bzw. an Covid-19 Verstorbene; Quelle Johns Hopkins Coronavirus Resource Center; Stand 21.07.2020), und die Krankenhäuser können mit den wenigen Intensivbettenzahlen und der mangelnden Ausstattung unverändert keine ausreichende Behandlung für Erkrankte bieten. Doch aus wirtschaftlicher Sicht kann die peruanische Regierung eine Verlängerung des absoluten „Lockdowns“ schlicht nicht mehr tragen.

Daher können seit einigen Wochen Angestellte und Arbeiter*innen, die in der Landwirtschaft, der Forstwirtschaft, dem Bergbau, und dem Dienstleistungssektor beschäftigt sind, teilweise ihre Arbeit wieder aufnehmen, - unter Einhaltung strenger Schutzvorkehrungen. Geschäfte und Restaurants können, ebenfalls unter Einhaltung besonderer Regeln, einen Teil ihrer Verkaufs- bzw. Betriebsflächen wieder für Kund*innen öffnen. Auch der städtische, öffentliche Nahverkehr erhöhte in Ballungszentren wieder seinen Takt und weitete die Betriebszeiten aus. Der interprovinzielle Busverkehr wurde wieder aufgenommen, wobei sieben Provinzen, die besonders schnell steigende Infektionsraten verzeichnen, hiervon noch ausgenommen bleiben (Arequipa, Ica, Junín, Huánuco, San Martín, Madre de Dios, Áncash). Inlandsflüge zwischen der Hauptstadt Lima und größeren peruanischen Flughäfen konnten ebenfalls wieder starten. In den Nachtstunden herrscht weiterhin eine Ausgangssperre.
Kindern und Jugendlichen konnte leider keine Aussicht auf Rückkehr zum gewohnten Präsenz-Unterricht in den Schulen gegeben werden. Es ist nicht auszuschließen, dass sie das gesamte Schuljahr 2020 zu Hause verbringen werden.


Veronica Rondon berichtet von Aynimundo

Veronica Rondon, die in Lima die Organisation Aynimundo leitet, die Projekte integraler Slumentwicklung in der peruanischen Hauptstadt umsetzt, berichtete uns als erste von den Entwicklungen. Den ersten Bericht über die Lage in Peru und im Speziellen bei Aynimundo erhielten wir am 17. März 2020.

Am 26. Mai erhielten wir von Veronica einen zweiten Bericht und nun, am 17. Juli, erhielten wir das vorerst letzte Update von Veronica zu Lage bei Aynimundo:

Liebes ZSE-Team,

ich hoffe, ihr und eure Familien seid alle weiterhin bei guter Gesundheit.

Hier in Lima ist es kalt geworden und die Luftfeuchtigkeit ist hoch. Mittlerweile hat die Regierung die Corona-Quarantänemaßnahmen zurückgeschraubt (aber nicht etwa, weil sich die Ansteckungsrate verlangsamt hat, sondern weil die Wirtschaft darniederliegt!).  Die strengen Ausgangssperren gelten jetzt nur für einige Regionen, ansonsten herrscht weiterhin spät abends für alle Regionen eine Ausgangssperre. Auch für Kinder unter 14 Jahren und Ältere ab 65 Jahren gelten noch besondere Schutzvorkehrungen. Zugleich steigen die Infektionen an und bewegen sich grundsätzlich auf einem sehr hohen Niveau, wie auch ihr vermutlich aus den Nachrichten erfahren konntet.

Unserer Arbeit gehen wir weiterhin vor allem vom heimischen Schreibtisch aus nach. Wir tun dies bewusst, um das Risiko der Mitarbeiter*innen vor einer Ansteckung gering zu halten; Aktivitäten draußen führen wir äußerst vorsichtig durch und nur, wenn es unbedingt notwendig ist. Einige Verwaltungsvorgänge, zum Beispiel, können nur vom Büro aus durchgeführt werden. Aber alle Aktivitäten mit unseren Zielgruppen führen wir weithin über virtuelle Kanäle durch.

Eine unserer Psychologinnen und deren Familienangehörige sind an Covid-19 erkrankt. Der Ehemann unserer Pädagogin, der selbst einmal bei Aynimundo angestellt war, ist ebenfalls erkrankt. Beiden geht es aber den Umständen entsprechend gut, sie kurieren die Krankheit zu Hause aus. Warmolt Lameris (Ehemann von Verónica Rondón; Leiter des Programms Plataforma Urbana) hält telefonisch Kontakt und versucht, ihnen beizustehen und Mut zuzusprechen.

Von den Corona-Sonderspenden, die über die ZSE und weitere Förderer an uns weitergeleitet wurden, haben wir bisher in zweiwöchigem Rhythmus insg. 423 Versorgungspakete an 91 besonders bedürftige Familien aus unseren Zielgruppen ausgeteilt. In diesen Familien haben die Menschen ihre Arbeit verloren und wissen nicht, wie sie überleben sollen. Die Pakete sind mit Grundnahrungsmitteln bestückt. In Einzelfällen haben wir auch rezeptfreie Medikamente besorgt. Doch damit gehen wir äußerst behutsam um, da die Menschen hierzulande gern dazu tendieren, sich selbst zu diagnostizieren. Zugleich ist es gerade kaum möglich, einen Arzt oder ein Gesundheitszentrum aufzusuchen, weil diese mit Behandlungen von Corona-Erkrankten vollkommen überlastet sind. 

Ergänzend dazu unterstützen wir eine Gemeindeküche in einem Stadtviertel, in dem ein von uns betreutes Kind lebt, mit frischen Lebensmitteln (Gemüse und Obst). In der Gemeindeküche werden Mahlzeiten für insg. 50 Familien mit durchschnittlich je fünf Angehörigen gekocht und ausgeteilt. Über unsere Unterstützung wird sichergestellt, dass nicht nur Reis oder Nudeln auf dem Menü stehen, sondern dieses mit Vitaminen angereichert wird, - was in diesen von Mangelernährung stark betroffenen Orten besonders wichtig ist.

Wir danken euch vielmals für euer Vertrauen und eure Unterstützung – gerade in einer solchen Zeit, in der die Umstände enorm komplex und unsicher sind für alle. Es bestärkt uns sehr zu wissen, dass wir auf euch zählen können!

Eine feste Umarmung
Verónica


Victor Acosta Sanchéz berichtet von ACICA

Auch Victor Acosta Sanchéz, Direktor der Kleinbäuer*innenorganisation ACICA, hat uns von seinen Erfahrungen in San Marcos berichtet. Normalerweise fördert ACICA den organischen Landbau in zwölf Bergbäuer*innen Gemeinden im nordperuanischen Cajamarca, derzeit muss diese Arbeit jedoch ruhen. 

Der erste Bericht von Victor Acosta Sanchéz erreichte uns am 16. März 2020. Er stellt die Auswirkungen der Verhängung des Ausnahmezustands dar und berichtet davon, wie sich die Welt von heute auf morgen veränderte. Nachdem der Ausnahmezustand ein weiteres Mal verlängert wurde, berichtete uns Victor am 1. April ein weiteres Mal.

Einen aktuellen Bericht über die Lage bei ACICA, und in der gesamten Region Cajamarca, erhielten wir von Victor am 23. April 2020:

In der Region Cajamarca gibt es über 80 Covid-19-Infizierte (23.04.2020). Am stärksten betroffen ist die Stadt Cajamarca. Glücklicherweise verzeichnet die Provinz San Marcos, in der ACICA und die Gemeinden, mit denen ACICA zusammenarbeitet, liegen, noch keine Infektion. Victor Acosta führt dies insbesondere auf die sehr gut organisierten Rondas Campesinas zurück (Bäuerliche Selbstverwaltung auf Dorfebene), die in Abwesenheit von staatlichen Polizei- und Sicherheitskräften die Bewegungen von Fahrzeugen und Menschen kontrollieren und nicht zulassen, dass Menschen, die nicht in den Gemeinden wohnen, diese ohne weiteres betreten.  

Die Zahl der Rückkehrer*innen der ländlichen Provinzen Cajamarcas, die saisonal in Küstenstädten (z.B. Chiclayo, Trujillo, aber auch Lima) arbeiten und nun wegen der Pandemie ihre Arbeit verloren haben, wird zurzeit auf mind. 40.000 Personen geschätzt. Für diese Gruppe hat die Regionalregierung von Cajamarca angeordnet, dass sie zunächst 14 Tage in Quarantäne in Pensionen oder anderen, aktuell nicht genutzten öffentlichen Einrichtungen in der Stadt Cajamarca verbleiben sollen. Nur, wenn sie in dieser Zeit keine Covid-19-Symptome entwickeln, wird ihnen eine Erlaubnis erteilt, in ihre Heimatdörfer zurückzukehren.

Victor Acosta betont die Schwächen des staatlichen Datenregisters. Es ist etwa bekannt geworden, dass ca. 16.000 Personen darin verzeichnet sind, die eigentlich bereits verstorben sind. Andere Menschen, die auf die staatlichen Hilfszahlungen von  zwei Mal 380 Soles dringend angewiesen wären, sind nicht erfasst. Es gibt sehr große Divergenzen bei der Datenerhebung sowie eine nicht klar geregelte Weiterleitung von Daten zwischen den verschiedenen Verwaltungsebenen des peruanischen Staates (Kommunen – Provinzen - Regionen – Nationalebene).

Während es keinen Personentransport gibt, wird der Transport von Lebensmitteln, Medikamenten und weiteren wichtigen Versorgungsgütern innerhalb der Regionen weiter aufrechterhalten. Daher bleiben die Märkte in San Marcos und kleineren Ortschaften in der Provinz mit wichtigen Gütern versorgt. Victor Acosta geht davon aus, dass die Kleinbäuer*innen in den ländlichen Gemeinden mit der Pandemie besser zurechtkommen, da sie weiter ihre Felder und Gemüsegärten bestellen und ihr Vieh halten können. Sie sind also mit Nahrungsmitteln versorgt und erleiden keinen Hunger. Bewohner*innen der Städte hingegen, die auf Lohnarbeit oder diejenigen, die auf Einnahmen aus informeller Beschäftigung angewiesen sind, um sich und ihre Familien zu versorgen, haben es deutlich schwerer, durch diese Krise zu kommen.

Wegen der Ausgangssperren können die landwirtschaftlichen Berater von ACICA die Gemeinden weiterhin nicht besuchen. Die Kommunikation ist ebenfalls schwierig, da ca. 80 % der Kleinbäuer*innen, mit denen ACICA arbeitet (ca. 400 Familien), über kein Mobiltelefon verfügen und da die Netzverbindung in die entlegenen Gemeinden auch sehr schlecht ist. Dennoch halten die ACICA-Mitarbeiter mit denjenigen, die ein Mobiltelefon haben, so gut es geht Kontakt. Auf diese Weise hat Victor Acosta sehr positive Rückmeldung von einigen Familien erhalten. Sie zeigen sich sehr glücklich darüber, dass sie im vergangenen Jahr im organischen Landbau geschult wurden. Dies erfolgte im Rahmen des groß angelegten Bergbäuer*innenprojekt, das im letzten Jahr startete und das mit aus Mitteln des Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung finanziert wird. So sind sie bei der Kultivierung ihrer Felder und Gärten nicht mehr auf chemische Dünger, Insektizide oder Pestizide angewiesen, die sie früher auf städtischen Märkten haben besorgen müssen. So führen u.a. die verschiedenen Formen von Wasserspeicher- und Bewässerungssystemen, die im vergangenen Jahr im Zuge des Projektes installiert wurden, zu besseren Ernten. In den höher gelegenen Gemeinden hat es bislang auch hinreichend geregnet; in den niedrigeren Höhenlagen wird es allmählich sehr trocken.


Lizbeth Escudero López berichtet von Quespina

Lizbeth Escudero López, die mit ihrer Organisation Qespina in den peruanischen Hochanden sechs andine Bergschulen begleitet und den Raum für kreative Bildung öffnet und neu gestaltet, berichtete uns am 18. März zum ersten Mal von den aktuellen Entwicklungen in Peru und dem Ausruf des nationalen Notstandes (Den Bericht finden Sie hier).

Am 14. April erhielten wir von Lizbeth ein Update zu der Situation in Peru und den Anstrengungen die Qespina unternommen hat, um die Schüler*innen der Bergschulen bestmöglich mit Informationen zu versorgen. Vier Tage später erhielten wir von ihr die Information, dass Schulkinder auf unbestimmte Zeit nicht mehr in die Schule gehen dürfen - bis heute (Stand: 25. Mai 2020) hat sich daran nichts geändert (Das Update vom 18. April finden Sie hier).

Trotz häufig nur sehr partiellem Zugang zum Internet und ausbleibender Unterstützung durch die Regierung, gelingt es Qespina und auch den Lehrer*innen, Kontakt zu den Schüler*innen zu halten und sie mit Unterrichtsmaterial zu versorgen. Am 25. April berichtete uns Lizbeth von den Fortschritten, die die Bergschulen in dieser ungewöhnlichen Situation machen (den Bericht finden Sie hier).

Am 13. Mai berichtete und Lizbeth ein weiteres Mal, u.a. von der Verlängerung der Quarantäne.

Das vorerst letzte Update erhielten wir von Lizbeth am 25. Mai 2020:

Heute erleben wir den 71. Tag – ja wir zählen hier die Tage - der Quarantäne. Im ganzen Land gibt es über 120.000 Infizierte, in der Region Cusco knapp 800. Da Krankenhäuser in besonders stark betroffenen Regionen kollabieren, versterben Infizierte zunehmend auch in ihren Häusern. In der Stadt Cusco haben sich viele Menschen infiziert, die im Gesundheitswesen arbeiten. Der Tourismus ist zum Stillstand gekommen, und viele Menschen, die vorher in diesem Bereich beschäftigt waren, versuchen, irgendwelche alternativen Geschäftsmodelle zu erfinden, scheitern mitunter aber auch. Die Arbeitslosigkeit ist immens, und viele Menschen betteln um Essen oder suchen trotz Quarantäne nach Beschäftigung auf den Straßen und nehmen in Kauf, dass sie sich infizieren könnten. Weil längst nicht alle Menschen die staatliche Unterstützung von 760 Soles (ca. 200 Euro) erhielten, haben sich Solidaritätszirkel gegründet, die z.B. ollas comunes (Gemeinschaftsküchen) organisieren.

Passend zur Jahreszeit sind die Temperaturen gesunken, in dieser Woche auf durchschnittlich – 2,0 Grad Celsius. Den Kindern aus den Bergschulen, mit denen Qespina arbeitet, geht es soweit gut. Sie haben ihren Eltern bei der Ernte geholfen und können täglich an der frischen Luft spielen. Sie halten regelmäßig per Telefon oder WhatsApp Kontakt mit den Lehrer*innen. Wir versorgen die Lehrer*innen weiterhin mit digitalen Lehrmaterialien und haben Hefte, Stifte usw. verteilt. Einige Familien haben keinen Strom oder kein Mobiltelefon, aber es haben sich immer Nachbarn gefunden, die diese bereit stellen, sodass jedes Kind am Unterricht teilhaben kann. Qespina unterstützt die Familien finanziell auch beim Aufladen der Telefone.

Gerade in dieser Zeit ist es wichtig, das Immunsystem zu stärken. Die Familien, die dem Beispiel der Schulgärten gefolgt sind und selbst einen Garten bei sich zu Hause eingerichtet haben, sind aufgrund der aktuellen Lage umso dankbarer darüber. Und andere Familien sammeln schon Materialien und warten darauf, dass es wieder wärmer wird, um einen eigenen Garten anzulegen.

Viele liebe Grüße
Lizbeth Escudero



Francisco Guerra Tananta berichtet von ACELPA

Francisco Guerra Tananta, der die Organisation ACELPA (Gemeingut Amazonien) in
Tamshiyacu leitet, schrieb uns Mitte April:

„Ich möchte Sie alle recht herzlich grüßen und Ihnen ein paar Zeilen zur Situation bei uns in der nordperuanischen Amazonasregion Loreto zusenden.

Für uns, die wir praktisch “im Freien“ leben, mutet die soziale Distanzierung und das Verbot der Bewegungsfreiheit, die von der peruanischen Regierung verordnet wurden, sehr seltsam an. Von 16:00 Uhr nachmittags bis 04:00 Uhr morgens herrscht Ausgangssperre. Und in der anderen Tageshälfte darf je ein männliches oder weibliches Familienmitglied alleine aus dem Haus, um dringende Besorgungen zu tätigen. Den Markt betritt man mit einer Atemschutzmaske, man muss auch dort die 1.5 Meter Abstandsregelung einhalten, und beim Hinein- und Hinausgehen wäscht man sich die Hände mit Seife. Bei Verstößen gegen die Sicherheitsmaßnahmen werden Geldstrafen ausgesprochen, die sich von 80 bis 480 Soles (ca. 21 bis 128 Euro) erstrecken und innerhalb von fünf Tagen zu bezahlen sind.

Es wurden zwar Maßnahmen zur Versorgung bedürftiger Familien eingeleitet, etwa finanzielle Unterstützung oder Pakete mit notwendigen Versorgungsgütern. Aber wenn man bedenkt, dass Familien hier in der Regel aus zahlreichen Mitgliedern verschiedener Generationen bestehen und zusammenwohnen, sind diese Hilfen nicht ausreichend. Mindestens bis zum 26. April sollen diese Maßnahmen aufrechterhalten werden.

Als Verein Acelpa mussten wir unser Büro in Tamshiyacu schließen. Es ist uns aber möglich, die Modellfarm weiter zu betreiben. Wir versorgen die Tiere, bestellen das Feld und bearbeiten die Gemüsebeete, halten die Gehege, das Teichufer und Bienenbehausungen instand, und setzen den Rhythmus der biodynamischen Präparateherstellung fort.

Unsere Agroforstingenieurin Silvia de Aguila Reyna, die als Teilzeitkraft von auswärts mit dem Boot nach Tamshiyacu kommt, kann dies zurzeit nicht tun, da die Flussfahrten, wie der gesamte öffentliche Verkehr, eingestellt worden sind. Die von uns für die Gemeingutschutzzone gekauften Grundstücke versuchen wir weiterhin, wenn auch in eingeschränkter Form, vor Wilderern zu beschützen. Zumindest einmal pro Woche kann je eine Person einen Wachgang machen.

Mit allen anderen geplanten Vorhaben müssen wir warten, bis die Versammlungs-, Bewegungs- und Arbeitsfreiheit wieder gewährleistet sind.

Mit meinen besten Grüßen
Francisco Tananta"


Bericht einer peruanischen Umweltrechtsorganisation

Eine peruanische Umweltrechtsorganisation arbeitet u.a. zur rechtlichen Verfolgung von illegalen Rodungen im Amazonasgebiet. Sie begleitet unseren Projektpartner ACELPA in Tamshiyacu (Gemeingutzone) in den Auseinandersetzungen um die illegalen Rodungen der transnationalen Kakaofirma in dessen unmittelbarer Nachbarschaft.

Den ersten Bericht zur Situation in der Amazonasregion erhielten wir von der Organisation am 09. April 2020. Hier wird insbesondere von der Situation der indigenen Bevölkerung und dem begrenzten Zugang zu eigenen Nahrungsmitteln - durch gesperrte Straßen - sowie dem schwierigen Zugang zu staatlichen Notfallsubventionen berichtet.
Am 17. Mai 2020 berichtete die Organisation ein weiteres Mal von der Situation in Peru und im Speziellen in der Amazonasregion. Den ausführlichen Bericht finden Sie hier.

Der neuste Bericht erreichte uns am 25. Mai 2020:

Liebes ZSE-Team,

vielen Dank für eurer kontinuierliches Interesse an der Situation hier in Peru. Einige Regionen sind hier besonders hart von der Pandemie betroffen. Im Amazonasgebiet verzeichnen die Regionen Loreto, Ucayali und Madre de Dios hohe Ansteckungsraten. Die Gesundheitszentren und Krankenhäuser dort sind ohnehin schlecht ausgestattet und schwer zugänglich und unter einer solchen Pandemie brechen sie schlicht zusammen. Zugleich sollte man nicht vergessen, dass nur etwa 10% der Peruaner*innen über eine Krankenversicherung verfügen.

Die Quarantänemaßnahmen gelten zwar bis zum 30. Juni weiter, aber einige Wirtschaftssektoren können nach und nach ihre Arbeit wieder aufnehmen. Die Fortbewegung ist dennoch eingeschränkt.

Wenn ich einen Blick auf die „Post-Normalität“ in Peru wagen sollte, so ist klar, dass eine Erholung nicht leicht sein wird. 70% der Menschen sind im informellen Sektor beschäftigt, d.h., auf tägliche Einnahmen angewiesen, ohne die das Begleichen von Mietkosten, Lebensmitteln, Medikamenten, Schulbildung von Kindern etc. nicht möglich ist. Aufgrund der schlechten Lebensbedingungen und fehlender Grundversorgung leiden auch schon ohne Corona viele Menschen an chronischer Unterernährung oder an Tuberkulose.

Was die Schulbildung anbetrifft, so kann man bereits jetzt von einem verlorenen Schuljahr für die Kinder und Jugendlichen sprechen. Wir beobachten auch, dass viele Mittelschichtsfamilien in Lima, die bislang ihre Einkommen vor allem in eine private Schulbildung ihrer Kinder investierten, nun ihre Jobs verloren haben und ihre Kinder an öffentlichen Schulen anmelden, da sie die Kosten der Privatschulen nicht länger stemmen können. Selbst in Lima verfügt nur etwa die Hälfte aller Haushalte über einen Internetzugang. Deshalb setzt die Regierung auch, in beschränktem Maße, auf die Ausstrahlung von Lehreinheiten über Fernseh- und Radiokanäle. 

Soviel von unserer Seite. Ich hoffe, ihr und eure Familien bleibt gesund. Herzliche Grüße, passt auf euch auf.


Mitarbeiter*innen berichten von der Asociación Holanda

Pim Heijster gründete mit seiner Frau Luz Marina die Asociación Holanda, die gehörlose Kinder und Jugendliche in Cajamarca, im Norden von Peru, fördert und begleitet. Die Asociación Holanda fördert mithilfe von Sprachtherapie und Beratung der Eltern, organisiert Übersetzungen in Gebärdensprache für Schulkinder an Grund- und weiterführenden Schulen, ermöglicht Hausaufgabenhilfe von älteren an jüngere gehörlose Schüler*innen, bietet Gebärdensprachunterricht für Hörende (Eltern, Lehrer*innen, Mitschüler*innen, Interessierte) an und unterstützt gehörlose junge Menschen beim Übergang in die berufliche Ausbildung sowie in den Beruf. Ein Großteil der Arbeit wird darüber finanziert, dass Pim Heijster und Luz Marina Eis produzieren und eine Eisdiele auf dem zentralen Platz in Cajamarca betreiben.

Am 23. April 2020 erhielten wir den ersten Bericht von Pim Heijster zur aktuellen Lage in Cajamarca. Er berichtet von den ersten Wochen des Lockdowns und den Umstellungen, die die Asociación Holanda unternommen hat, um trotz Notstand ihre Arbeit fortsetzen zu können. Ein Update zur Situation in Cajamarca und eine konkrete Übersicht der Hilfsangebote der Asociación Holanda erhielten wir von Pim am 01. Mai 2020. Den Bericht von Pim finden Sie in voller Länge hier.

Am 26. Mai 2020 berichtete uns Sandra Medina, die Koordinatorin des Programms für gehörlose und hörbeeinträchtigte Kinder und Jugendliche bei der Asociación Holanda, ausführlich von der aktuellen Situation und den Aktivitäten der Asociación in diesen schwierigen Zeiten. Den Bericht in voller Länge finden Sie hier.

Am 22. Juni sandte uns Pim Heijster eine E-Mail mit aktuellen Eindrücken aus der Stadt Cajamarca zu:

Wie ihr wisst waren die Ausgangsbeschränkungen in Peru sehr drastisch, die Einhaltung derselben durch die Menschen aber auch sehr lax. Ich denke, dass auch deswegen Peru im weltweiten Vergleich eines der Länder mit sehr hohen Infektionsraten und Toten ist.
In Cajamarca ist die Situation sehr bedenklich. Jeden Tag werden mehr Infizierte registriert. Die Krankenhäuser sind überlastet, und Sauerstoff ist kaum zu bekommen. In unserem Bekanntenkreis gibt es sowohl Infizierte als auch Menschen, die Covid-19 Symptome aufweisen aber nicht getestet wurden, und – ja – leider auch Tote.

Im öffentlichen Gesundheitswesen stellen wir uns auf ein noch größeres Chaos in den kommenden Wochen ein, und innerlich hoffen wir, dass wir von einer Ansteckung mit dem Virus verschont bleiben. Wir versuchen, verantwortungsvoll zu handeln und so wenig wie möglich das Haus zu verlassen. Viele Menschen decken sich zu Hause mit Arzneimitteln ein, um im Fall einer Krankheit nicht auf einen Arzt, geschwiege denn ein Gesundheitszentrum angewiesen zu sein, sondern um sich selbst zu behandeln. Krankenhäuser gelten hier zurzeit nicht als Orte der Genesung, sondern im Gegenteil als Risiko-Orte zur Infizierung mit dem Covi-19 Virus. Diese Atmosphäre ist bedrückend.
 
Was unsere Eisfabrik betrifft, konnten wir zumindest zwei der Eisdielen wieder öffnen, nämlich die auf der Plaza de Armas und die in Baños del Inca. Der Verkauf findet ausschließlich als Take-Away statt; an den Café-Tischen dürfen wir zurzeit keine Kunden bedienen. Im Laufe dieser Woche möchten wir auch die weiteren Dielen in drei Einkaufszentren öffnen, nicht etwa, weil wir die Lage als besser einschätzen, sondern weil uns aus unternehmerischer Sicht nichts anderes übrig bleibt. Wenn wir die Einnahmen aus den Verkäufen aus der letzten Woche mit denen der gleichen Juniwoche vom Vorjahr vergleichen, dann kommen wir auf lediglich 5% der Erlöse. Los Jazmines (eine zu Nicht-Corona-Zeiten sehr beliebte Pension im Herzen Cajamarcas mit integriertem Café und Innenhof, in dem sich gehörlose Jugendliche regelmäßig treffen und sich zum Beispiel bei den schulischen Hausaufgaben unterstützen) wird wohl auch für die kommenden drei Monate geschlossen bleiben.

Am 30. Juni läuft formell eine Reihe von Arbeitsverträgen mit den Mitarbeiter*innen unserer Eisfabrik aus. Das bedeutet, dass wir in wenigen Tagen zehn Personen entlassen müssen. Ich würde wirklich gerne positiver denken, aber die Realität bietet keinen Anhaltspunkt dafür. 
Denn außer den Anpassungen bei den Mitarbeiter*innen müssen wir auch Verhandlungen über die Mieten der sechs Eisdielen führen. Wenn dies bewältigt ist, hoffe ich, dass wir durchatmen und über die Zukunft der Eisfabrik nachdenken können.

Was die Asociación Holanda anbetrifft, so haben einige Sprachtherapeut*innen mit den jüngeren Kindern digitale Therapie-Sitzungen begonnen. Andere bleiben telefonisch mit den Kindern und ihren Eltern in Kontakt. Für die Grundschulkinder haben Pedro und Sandra digitale Unterrichtsmaterialien vorbereitet und unterstützen sie bei der Bewältigung ihrer Hausaufgaben. Bei der Zusammenarbeit mit den weiterführenden Schulen wenden Fiorella und Luz Clarita alle ihre kreativen Kräfte an, um über die Gebärdensprache zwischen Lehrer*innen und den hörenden sowie gehörlosen Schüler*innen zu vermitteln; auch die Eltern beziehen sie so gut wie möglich ein.

Über den weiteren Umgang mit der Corona-Sonderspende, mithilfe derer wir schwer getroffene Familien mit gehörlosen Angehörigen unterstützen, berichten wir bald in gesonderter Form.

Definitiv erleben wir eine Zeit des Wandels.
Pim


Die Arbeit der Asociación Holanda

Julio Herrera berichtet aus dem kleinen Dorf Andahuaylillas

Julio Herrera, der 2000 gemeinsam mit Lucy Terrazas und weiteren Frauen das Projekt Q´ewar ins Leben gerufen hat, berichtete uns am 25. Mai 2020 von der Situation in dem kleinen Dorf Andahuaylillas und den Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf die Arbeit des Projektes:

Liebes ZSE-Team,

wir schätzen es sehr und danken euch, dass ihr euch nach der Situation bei uns vor Ort erkundigt. Glücklicherweise ist Andahuaylillas vom Coronavirus bislang verschont geblieben. In der Region Cuzco sind acht Personen dem Virus zum Opfer gefallen, 757 Menschen haben sich infiziert. In unserer Provinz Quispicanchi gibt es bislang drei bestätigte Covid-19-Erkrankungen. Angesichts anderer Regionen in Peru (Lima, nördliche Amazonasregion und nördliche Küstengebete) ist die Lage hier also verhältnismäßig ruhig.
In unser Dorf und die umliegenden Gemeinden sind in den vergangenen Wochen Menschen zurückgekehrt, die in großen Städten wie Arequipa oder Lima arbeiten, die aber arbeitslos geworden sind und nun ohne Geld dastehen. Jetzt intergieren sie sich wieder in ihre Heimatgemeinden.

Bis zum vorläufigen Ende der Quarantäne am 30. Juni werden es dreieinhalb Monate sein, in denen unsere Aktivitäten ruhen. Der Kindergarten Wawa Munakuy ist geschlossen. Die Erzieherin macht stattdessen Hausbesuche bei den Familien der Kinder, spielt mit ihnen und berät die Eltern.

Von den 33 Frauen, die zuletzt in unserer Puppenwerkstatt arbeiteten, erhielten nur 18 Unterstützung der Regierung. Den anderen 15, die nicht datentechnisch erfasst waren, haben wir eine Hilfe zukommen lassen. Das wurde uns dankbarerweise durch Corona-Sonderspenden aus Deutschland und der Schweiz ermöglicht. Aufgrund der Ausgangssperre konnten wir allerdings noch nicht nach Cusco fahren und das Geld von der Bank abheben, daher haben wir zunächst auf unsere Bargeldeserven zurückgegriffen. Vor drei Wochen haben wir außerdem reichlich Honig geerntet, und 20 kg davon haben wir unter allen Frauen verteilt.

Zwar erhielten wir viele Puppenbestellungen aus dem Ausland, doch konnten wir diese aufgrund der Einstellung des nationalen und internationalen Flugverkehrs bisher nicht ausliefern. Gern hätten wir auch eine Gruppe von 25 Ärzten aus den USA bei uns aufgenommen, die einen Freiwilligeneinsatz in unserer Region planten. Nun ja, auch sie mussten ihre Reise absagen.

Auch der Bau am kulturellen Zentrum wurde unterbrochen. Der Architekt, Warmolt Lameris (Programm Plataforma Urbana, Aynimundo), musste seinen für den März und April geplanten Besuch bei uns verschieben. Wir hatten noch vor den Quarantänemaßnahmen 90 Zementsäcke gekauft. Um zu vermeiden, dass das Material verdirbt, haben wir die Säcke an diverse Nachbarn gegen Entgelt weitergegeben. Sie nutzen die Quarantäne dazu, Ausbesserungsarbeiten an ihren eigenen Häusern vorzunehmen.

So viel von unserer Seite. Ich sende euch eine feste Umarmung und danke vielmals für die Unterstützung.

Julio


Bericht der Werner Höing Peruhilfe

Seit 2007 betreut die Zukunftsstiftung Entwicklung den Stiftungsfonds Werner Höing Peruhilfe. Werner Höing lebte einige Jahre in Peru und lehrte Deutsch am Goethe-Institut. Über eine Kollegin lernte er damals ein Projekt kennen, in welchem er sich fortan tatkräftig engagierte: Zwei pensionierte Lehrerinnen und Schwestern – Nelly und Libia Espinoza – sammelten Spenden, um Kindern und Jugendlichen mit geistigen und physischen Behinderungen aus armen Familien Therapien, Medikamente und medizinische Hilfsmittel sowie Transportkosten zum behandelnden Gesundheitszentrum zur Verfügung zu stellen. Das Engagement setzte Herr Höing auch fort, als er später an anderen Orten – in Tiflis (Georgien) und Schwäbisch-Hall - tätig war. Werner Höing verstarb 2006. Seine Familie gründete auf seinen Wunsch hin einen Stiftungsfonds, mit dem diese Förderung weiterhin ermöglicht wird. Zu den zwei älteren Damen gesellten sich die Anwältin Zarela Trinidad Poma und die Sozialarbeiterin Dariela Espinoza Romera.

Am 27.07.2020 erreichte uns von der Asociación Werner Höing der folgende Bericht:

Der von der Zentralregierung verordnete Gesundheitsnotstand und die Quarantänemaßnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung der Pandemie in unserem Land haben schwerwiegende wirtschaftliche Folgen für Millionen von Familien mit sich gebracht. Da viele Unternehmen und Betriebe schließen mussten, verloren viele Menschen ihre Arbeit. Die Nationalregierung ordnete finanzielle Hilfen zugunsten der ärmsten Familien an, sogenannte „bonos“, die man bei Banken abheben konnte; Stadtverwaltungen organisierten Nahrungsmittellieferungen. Leider wurden nicht alle bedürftigen Familien erreicht, was zu vielen Beschwerden und Unzufriedenheit führte. Außerdem erhöhten diese Maßnahmen die Ansteckungsgefahr, da viele Menschen in langen Schlangen vor den Banken und den Nahrungsmittelausgabezentren der Stadt ausharren mussten.

Die Familien unserer Patienten wurden weder bei den „bonos“ noch bei den Lebensmittelkörben berücksichtigt. Daher wandten wir uns im Fall der weiblichen Patientinnen an die Frauenbehörde. Wir konnten erreichen, dass die Familie einer Patientin den „bono“ (Wert: 380,00 Peruanische Soles bzw. ca. 91 Euro) für zwei aufeinander folgende Monate erhielt. Zugleich erhielten die Familien von vier weiteren Patienten Zugang zu den städtischen Lebensmittelpaketen. Damit aber auch die anderen Familien unserer Patienten mit Lebensmitteln versorgt werden könnten, haben wir uns mit dem Rotary Club Huaraz abgestimmt, um Spenden für Körbe mit Lebensmitteln und Hygeneartikeln für diejenigen zu organisieren, die nichts vom Staat erhalten hatten.

Als die Infektionen und Todesfälle in unserer Region zunahmen, und angesichts der Untätigkeit der Behörden, Menschen, die sich in einem Anfangsstadium der Erkrankung befanden, mit Medikamenten zu unterstützen, hat sich hier eine Initiative von Bürger*innen und privaten Institutionen unter Führung Leitung der katholischen Kirche mit dem Namen „Plattform für Solidarische Hilfe“ gegründet, um die Herstellung des Medikaments Ivermectin zu fördern. Dieses Medikament wird bei Covid-19 Erkrankten eingesetzt, die sich in einem anfänglichen Stadium der Krankheit befinden. Der Preis für dieses Medikament ging in den Apotheken enorm in die Höhe, was dazu führte, dass die Menschen mit knappen wirtschaftlichen Ressourcen sie nicht erwerben konnten.  Diese Plattform startete eine Kampagne und warb Spenden ein, um 10.000 Flaschen Ivermectin von je 15 ml herzustellen. In Anbetracht der Tatsache, dass dieses Medikament das Potenzial hat, Leben zu retten, und da die Medizin vor allem den bedürftigsten Menschen in unserer Region zugutekommen sollte, haben wir die Initiative ebenso unterstützt.

Während des Ausnahmezustands in Huaraz im März und April patrouillierten die nationale Polizei und die Armee auf den Straßen, um die Einhaltung der Quarantänemaßnahmen zu überwachen. Doch wegen der steigenden Infektionszahlen in den Reihen dieser Sicherheitseinheiten nahm diese Überwachung danach beträchtlich ab.

Leider sind trotz des Gesundheitsrisikos vor allem die einkommensschwachen und arbeitslosen Menschen aufgrund ihrer finanziellen Notlage und des Hungers gezwungen, auf die Straße zu gehen, um ambulanten Straßenhandel zu betreiben. Sie können sich nicht angemessen vor Ansteckung schützen und verwenden Einwegmasken mehrmals. Die Gesundheitsbehörde hat Standards für die Herstellung geeigneter Masken viel zu spät angeordnet, so dass die Hersteller ganz einfache Masken herstellten, um sie zu niedrigen Kosten zu verkaufen, und dies sind die Masken, die die meisten Menschen gegenwärtig benutzen. Zugleich gibt es aber auch viele Menschen, die die geltenden Schutzregeln verantwortungslos ignorieren und sich im öffentlichen Raum bewegen, als ob wir in normalen Zeiten wären, und die Polizei ist - auch aufgrund Angst vor Ansteckung - zu wenig präsent, um dieses Verhalten zu sanktionieren.

Bis heute wurden in Huaraz gemäß offiziellen Zahlen der Gesundheitsbehörde etwa 3.200 Fälle registriert. 138 Menschen sind mit oder an Covid-19 verstorben, 965 Menschen gelten als genesen. In der Statistik werden aber nicht die Menschen registriert, die mit der Erkrankung zu Hause bleiben und/oder sterben, ohne sich in die Behandlung eines Krankenhauses begeben zu haben, so dass wir davon ausgehen, dass diese Zahlen höher liegen. Es gibt viele Menschen, die nicht in den Krankenhäusern behandelt werden, weil diese überlastet sind. Ergänzend wurden daher Zelte auf den Parkplätzen und Innenhöfen der Krankenhäuser aufgestellt. Es gibt auch private Kliniken, die Covid-19-Patienten aufnehmen, doch diese sind sehr teuer und die meisten Familien können sich eine Behandlung dort nicht leisten.  

Wir für unseren Teil versuchen, unsere Häuser nicht zu verlassen. Zum Beispiel erledigen die Untermieter, die bei Nelly und Libya wohnen, deren Einkäufe, denn beide gehören in als Seniorinnen zur Risikogruppe. Ihre Gänge aus dem Haus beschränken sich zurzeit auf monatliche Gänge zur Bank sowie auf den Einkauf von Medikamenten für Patient*innen und für uns. Dariela geht montags, mittwochs und freitags vormittags zur Arbeit und erledigt einige wenige, notwendige Besorgungen; ansonsten bleibt sie zu Hause, macht z.B. auch eine online-Schulung.  Zarela geht auch nach draußen, wenn es ihre Arbeit erfordert, und um auf dem Markt Dinge zu besorgen. Wir versuchen, so gut es geht auf uns aufzupassen, indem wir uns an die Regeln der sozialen Distanzierung, des Händewaschens und Desinfizierens und des Gebrauchs von Masken halten. Wir machen uns große Sorgen wegen der Zunahme der Infektionen. Wir sehen, dass die Gesundheitsbehörde die angeordneten Verfahren für einen angemessenen Umgang mit dieser Pandemie nicht umsetzt, wie etwa die Anordnung von Quarantäne für Menschen, die mit Covid-19-Infizierten in Kontakt standen, oder die Überwachung der Quarantäne von Infizierten. Es werden keine Mittel zur Verfügung gestellt, um die Versorgung der Patienten in den Krankenhäusern zu verbessern. Der Mangel an Sauerstoff und Medikamenten löst bei den Menschen Verzweiflung aus, und Apotheken und Sauerstoffhändler nutzen diese Situation schamlos aus, um ihre Preise zu erhöhen.

Diese Gemengelage lässt uns zum Schluss kommen, dass diese Pandemie nicht schnell zu bewältigen sein wird, denn die Infektionsraten gehen weiter nach oben und die Arbeit der Behörden und beteiligten Institutionen verläuft weiterhin unkoordiniert.

Die Familien unserer Patienten sind beunruhigt, weil die meisten von ihnen Einkommen aus Landwirtschaft in kleinem Rahmen und dem informellen Handel erzielen, - diesen Aktivitäten können sie aktuell nur eingeschränkt nachgehen. Es traf sie hart, dass sie mit ihren ohnehin geringen Einkommen nicht einmal auf die staatliche Unterstützung hoffen durften.
Bei den Patient*innen, die sich einer Behandlung unterzogen hatten, stellen wir eine Verschlechterung ihrer Rehabilitation fest. Hier können wir beispielhaft J. R. anführen, der gegenwärtig an einer Muskelatrophie im Rücken leidet. Bei zwei Patienten wurden geplante Operationen auf unabsehbare Zeit verschoben, und vier Patienten erhalten seit über vier Monaten keine Behandlung.

Da die Preise der Nahrungsmittel und Medikamenten - so diese überhaupt verfügbar sind - stiegen, ist es für die Menschen mit geringem Einkommen schwer, diese zu erwerben. Aus diesem Grund organisieren wir mit dem auch von uns gespendeten Geld Lebensmittelpakete für zurzeit aktive und ehemalige Patienten.

Wir möchten Sie auch darüber informieren, dass infolge von Covid-19, zwei ehemalige Patient*innen gestorben sind, die noch zu Werner Höings Lebzeiten behandelt wurden.
Wir hoffen, dass Ihnen diese Informationen einen genaueren Eindruck von unserer Realität vermitteln können.

Mit herzlichen Grüßen
Libia, Nelly, Dariela, Zarela

Bildunterschrift: Die Frauen von links nach rechts - Nelly Espinoza, Zarela Poma, Claudia Höing (Schwester des verstorbenen Werner Höing), Libia Trinidad Espinoza und Dariela Espinoza Romera.


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