Peru: Geschichten und Berichte

Aufgrund der Ausbreitung des Coronavirus verhängte Präsident Martín Vizcarra am Sonntag dem 15. März den Ausnahmezustand. Für die nächste 15 Tage gilt – ähnlich wie in Deutschland  - das Gebot der „sozialen Isolation“. In Peru bedeutet es allerdings, das Haus nur für Lebensmitteleinkäufe verlassen zu dürfen. Polizei und Militär kontrollieren die Straßen in der Hauptstadt Lima.

In den vergangenen Tagen haben wir viele E-Mails mit unseren Partner*innen in Peru ausgetauscht, einige möchten wir gerne mit Ihnen teilen.



Veronica Rondon berichtet von Aynimundo

Veronica Rondon, die in Lima die Organisation Aynimundo leitet, die Projekte integraler Slumentwicklung in der peruanischen Hauptstadt umsetzt, berichtete uns als erste von den Entwicklungen.

 

„[…] wir verstehen voll und ganz, wie sich die Menschen in Deutschland im Moment fühlen und alles erleben. Hier sind die Dinge nicht sehr anders ...

Es ist außergewöhnlich, wie sich die Dinge in den letzten Wochen, Tagen und auch Stunden weltweit verändert haben. Das Virus hat auch Lateinamerika erreicht und damit verbreitet sich natürlich viel Unsicherheit und allgemeine Angst. Wir waren ein paar Tage im Urlaub und kehrten am Samstag mit viel Glück nach Lima zurück. Aber natürlich hatten wir in den vergangenen Tagen auch Zweifel, ob wir noch ohne Einschränkungen nach Peru zurückkehren könnten, ohne dass wir außer Landes in Quarantäne verweilen mussten. Wir hatten Glück, wir reisten problemlos ein. Erst gestern Abend (15.3.) wurden alle Grenzen geschlossen; nicht nur Flüge aus Europa und Asien kommen nicht mehr an, sondern auch die Binnengrenzen zwischen den Ländern Lateinamerikas sind jetzt zu.

Letzte Nacht hat der Präsident der Republik, Martín Vizcarra, einen nationalen Ausnahmezustand angeordnet und 15 Tage lang eine "soziale Isolationspflicht" im gesamten peruanischen Staatsgebiet angeordnet. Während dieser Zeit sind das verfassungsmäßige Recht auf Freizügigkeit, Versammlungen sowie andere verfassungsmäßige Rechte eingeschränkt. Alle Geschäfte, mit Ausnahme von Apotheken, Banken, öffentlichen Wasserversorgungsstellen und gewerblichen Einrichtungen zur Deckung der Grundbedürfnisse, mussten schließen. Die peruanische Nationalpolizei und die Streitkräfte sind nun dazu befugt, diejenigen festzunehmen, die gegen die Isolationspflicht verstoßen. Wir können nur nach draußen gehen, um Nahrungsmittel zu kaufen. Alles andere wurde geschlossen.

Ich möchte euch gerne schildern, wie wir die ersten Stunden dieser Maßnahmen erlebt haben, die vergangenen Sonntag (15.03.2020) um 20 Uhr verkündet wurden und die nun 15 Tage andauern werden, und die uns dazu veranlasst haben, uns ab sofort zwischen 20:00 Uhr und Mitternacht zu organisieren. Wir haben eine junge italienische Freiwillige abgeholt, die von nun an mit uns in unserem Haus wohnen wird. Mit einigen Kolleg*innen trafen wir uns im Büro, um wichtige Dokumente zu kopieren und Informationen zusammenzustellen, die wir zu Hause benötigen werden, um in den nächsten Tagen einige Dinge zu Hause voranzutreiben usw. Heute Morgen hatten wir dann ein erstes "virtuelles Treffen" mit dem Team. Es war eine Maßnahme, die wir sehr spontan einberiefen und die einige Teammitglieder zu Hause noch unvorbereitet traf. Diejenigen von uns, die bestimmte Aufgaben von zu Hause bearbeiten können, werden das tun (bspw. die Erstellung von Berichten, die Systematisierung von Dokumenten, die allgemeine Verarbeitung von Informationen, usw.). Aber alle Aktivitäten wie Therapien, Schultermine, Schulungen und alles andere, was Aynimundo der Bevölkerung anbietet, wird ausgesetzt. Mit diesen Maßnahmen übt die Regierung ein gewaltiges Maß an staatlicher Gewalt aus. Wir bleiben aufmerksam und verfolgen die Nachrichten und nehmen Tag für Tag die Freiheiten wahr, die wir noch haben, aber die nächsten 15 Tage müssen wir zu Hause bleiben.

Es ist eine sehr seltsame Situation, die wir erleben. Für die kommenden Tage haben der Präsident und der Arbeitsminister angekündigt, einen Plan vorstellen zu wollen, um die Rechte der Arbeitnehmer*innen zu schützen und ein Recht auf Lohnfortzahlung in der gegenwärtigen Situation zu behalten.

Es liegt nun an uns, uns gegenseitig zu ermutigen und zu stärken in der Gewissheit, dass wir von zu Hause aus verbunden sind, während die Streitkräfte auf den Straßen patrouillieren und damit eine sehr starke Botschaft vermitteln. Wir verstehen, dass es auch in unseren Händen liegt, zu einem glimpflichen Verlauf der Situation beizutragen und Schlimmeres zu verhindern.

Wir senden unsere herzlichen Grüße und die besten Wünsche für euch und eure Familien. Passt auf euch auf und bleibt gesund.“


Victor Acosta Sanchéz berichtet von ACICA

 

Auch Victor Acosta Sanchéz der Direktor der Kleinbäuer*innenorganisation ACICA hat uns von seinen Erfahrungen in San Marcos berichtet. Unter normalen Umständen fördert ACICA den organischen Landbau in zwölf Bergbäuer*innen Gemeinden im nordperuanischen Cajamarca, derzeit muss diese Arbeit jedoch ruhen:

„Liebe Freunde,

in schwierigen Zeiten besteht ein Mehrbedarf an Kommunikation und gegenseitiger Hilfe.

Seit heute Nacht um 00:00 Uhr leben wir in Peru in einem Ausnahmezustand, der gestern (15.03.2020) um 20 Uhr vom Präsidenten der Republik verordnet wurde. Eine Maßnahme, die verhindern soll, dass Menschen ihre Häuser für 15 Tage verlassen, um eine Ansteckung mit Covid 19 zu vermeiden.

Die Menschen hier sind durch diese Ankündigung ziemlich alarmiert und verängstigt. In den Städten strömen sie auf die Märkte, um Grundnahrungsmittel zu kaufen: Reis, Zucker, Öl; das Toilettenpapier ist bereits vergriffen. Auf dem Land sind die Menschen in dieser Hinsicht nicht so besorgt, weil sie ohnehin das konsumieren, was sie selbst produzieren und ihre Ernte für das Jahr lagern, um ihre Versorgung mit Lebensmitteln zu sichern.

In San Marcos haben wir eine Veränderung bemerkt. Es sind nicht sehr viele Menschen auf den Straßen, es fahren kaum noch Autos, die nationale Polizei fährt mit Lautsprechern durch die Straßen und verkündet, dass wir unsere Häuser nicht verlassen sollen, und wenn wir es dennoch täten, würde man uns verhaften. Diese Form der Kommunikation erinnert mich an die bewaffneten Unruhen in den Zeiten des Terrorismus (in den 1980er und 1990er Jahren). Wie grausam, - diese Situation ist beängstigend.

Entsprechend haben wir als ACICA unsere Feldschulungen der Kleinbäuerinnen und-bauern bis zum 30. März ausgesetzt.

Ich persönlich glaube, dass die besorgniserregende Situation, die zu einer großen weltwirtschaftlichen Rezession führen wird, letztlich aus dem Kampf um die Vorherrschaft, dem Handelskrieg zwischen den Großmächten resultiert, aus unserem Lebensstil resultiert - mit entsprechend negativen Auswirkungen für die Ärmsten, Alten und Wehrlosen. Ich habe Nachrichten gelesen, wonach in Italien aufgrund von Platzmangel in Krankenhäusern die Behandlung von bestimmten Menschen Vorrang vor denen anderer hat. Kinder, Jugendliche und Erwachsene haben Vorrang, während die über 80-Jährigen nachrangig behandelt werden. Das ist etwas zutiefst Ungerechtes und Unmenschliches, aber das ist das Gesetz des wilden Kapitalismus (Motto: Rette sich wer kann, - eine Weltordnung auf Kosten des Lebens der Armen).

Was tun gegen diese Situation? Nicht aufgeben, genug Willenskraft und Belastbarkeit aufbringen, und in Kommunikation bleiben und Erfahrungen miteinander teilen.

Ich sende eine große Umarmung an jede/n von euch und viel Mut, um diese schwierige Situation zu überwinden.“


Lizbeth Escudero López berichtet von Quespina

Lizbeth Escudero López, die mit ihrer Organisation Quespina in den peruanischen Hochanden sechs andine Bergschulen begleitet und den Raum für kreative Bildung öffnet und neu gestaltet, berichtet ebenfalls von den aktuellen Entwicklungen in Peru und dem Ausruf des nationalen Notstandes:

„Ich sende Ihnen meine besten Grüße […]  Ich denke, jetzt ist die Zeit gekommen, uns gegenseitig zu stärken, unsere Ängste abzubauen und uns mehr um die Menschen zu kümmern. […] Hier möchte ich kurz die Situation vor Ort schildern.

In Peru wurde der nationale Ausnahmezustand ausgerufen, die Schulen sind bis zum 30. März geschlossen, in Europa passieren ja sehr ähnliche Dinge. Allerdings bin ich in Hinblick auf Peru besorgt darüber, dass die Menschen weniger über Hygiene, Gesundheit und Ernährung sowie über Fälle von Anämie bei Kindern und älteren Menschen an gefährdeten Orten informiert sind. Wichtig ist, dass Maßnahmen zur Kontrolle ergriffen wurden, die die Situation für alle verbessern werden.

Im März hatten wir noch ein Koordinationstreffen mit den Schulleitern, von nun an findet die Kommunikation über soziale Netzwerke statt.

Es ist im Augenblick wichtig, sensibilisierende Maßnahmen zu ergreifen:

Information zu Gesundheitsmaßnahmen und Ernährung zum Schutz gegen das Coronavirus.

  • Für Lehrer*innen: Wir haben damit begonnen, Videos und Tutorials zu versenden, damit sie besser darüber informiert sind, was man gegen das Coronavirus präventiv unternehmen kann, wie sie ihre eigene Flüssigseife und Desinfektionsmittel herstellen und wie sie ihre Immunabwehr stärken können.
  • Für Eltern und Schulkinder: wir erarbeiten informative Handbücher zur Verbesserung von Hygiene, Gesundheit und Ernährung.

Im Bereich der persönlichen Entwicklung

  • Für die Lehrer*innen: Angebot von Meditationen und Entspannungsübungen, um unser aller Wohlbefinden zu fördern.

Ich hoffe, dass diese Maßnahmen uns allen förderlich sind.
Lizbeth Escudero”


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