El Salvador: Geschichten und Berichte

Das kleine Land EL Salvador mit seinen rund 7 Millionen Einwohner*innen hat offiziell 8.027 infizierte Personen und meldete 223 Todesopfer (Stand: 7. Juli). Am 21. März verhängte Präsident Nayib Bukele eine vollständige landesweite Ausgangssperre, welche die Fortbewegungsmöglichkeiten der Menschen stark einschränkt(e). Mitte Juni stellte die Regierung nun einen Stufenplan zur schrittweisen Lockerung der Maßnahmen vor, die bis zum 21. August umgesetzt werden sollen.

Anfangs hielten sich die Menschen in der Hauptstadt San Salvador nicht an die Ausgangssperre. Sie versammelten sich auf den Straßen, um staatliche Hilfen zu fordern, damit sie die Krise überstehen können. Präsident Nayib Bukele reagierte mit Fördermaßnahmen. Unterstützt werden sollen rund 1,5 Millionen Haushalte, die normalerweise informeller Arbeit bspw. dem Straßenverkauf nachgehen, die aber offiziell in legalisierten Wohnorten registriert sind (Quelle: Reuters). Die Ausgangssperre in El Salvador wird teils mit massiver Gewaltandrohung durchgesetzt. Die LA Times berichtet davon, dass Straßengangs als Hüter der  Ausgangssperre mit Baseballschlägern und Drohvideos auftreten (Quelle: www.latimes.com). Ein Phänomen, das auch in den brasilianischen Favelas auftritt.

In den vergangenen Wochen und Monaten haben wir viele E-Mails mit unseren Partner*innen des Kinderzentrums El Zaite in El Salvador ausgetauscht, einige möchten wir gerne mit Ihnen teilen.



Update vom 04.08.2020

Nach fünf Monaten der Schliessung öffentlicher Märkte, wirtschaftlicher Aktivitäten, öffentlicher Verkehrsmittel, von Schulen und Kirchen, nimmt die Zahl der Infektionen weiter zu. Laut Daten der Regierung  verzeichnet El Salvador aktuell 18.262 Fälle von Covid-19-Erkrankten; 8.822 davon sind weiterhin aktiv, 486 Menschen sind verstorben und 8.954 genesen.

Die Daten stimmen allerdings nicht überein mit den Berichten des Ärzteverbands, Vereinen und Stadtverwaltungen. Es wurden in dieser Zeit weit mehr Beerdigungen auf städtischer Ebene registriert als die Nationalstatistik hergibt. Die Friedhöfe und die wenigen öffentlichen Krankenhäuser sind am Zusammenbrechen.

Wie alle anderen Regierungen zuvor, versucht auch die aktuelle Regierung, aus einer Naturkatastrophe (Tropensturm Amanda – Anfang Juni) und einer von Menschen verursachten Katastrophe (Pandemie) politischen Profit zu schlagen, insbesondere mit Blick auf die nächsten Wahlen, die im Februar 2021 stattfinden sollen. So erfahren die Bürger*innen gerade nichts von den internationalen Hilfen, die El Salvador erhält; oder von dem Diebstahl, der in einigen Ministerien vor sich geht; oder von den Millionenkrediten von Banken; oder aber von den Verzögerungen der Gehaltszahlungen an das Gesundheitspersonal, das an der ersten Front die Pandemie bekämpft.
Erneut sind es die Armen, besonders die Kleinbäuer*innen, die Kinder, die Jugendlichen und die Frauen, die am stärksten unter der Situation leiden. Seit fünf Monaten können viele Frauen und Männer ihrer Arbeit nicht nachgehen. Die Ernten gingen verloren, da sie nicht auf den Märkten verkauft werden konnten, der öffentliche Verkehr stillsteht und Märkte geschlossen sind.
Um die besonders bedürftigen Familien zu unterstützen, leisten wir mit dem Frauenkollektiv psychologische Beratung und Begleitung beim Thema Selbstschutz und Trauer. Gleichzeitig fördern wir den Gemüseanbau in Familiengärten, und wir verteilen solidarische Essenskörbe. In einzelnen Fällen besorgen wir auch dringend benötigte Medikamente.

Zuletzt haben wir am 31. Juli 94 Essenskörbe an die am stärksten betroffenen Familien der Gemeinde El Zaite verteilt. Im Korb befinden sich Reis, Soja, Trockenfrüchte, Eier, Zucker und Käse. Die Verteilung organisieren wir in kleinen Gruppen von max. 5 Personen und mit den nötigen Sicherheitvorkehrungen (Abstand, Handdesinfektion), und die Familien bestätigen durch eine Unterschrift den Erhalt der Lebensmittel. Neben den Spenden aus dem Stiftungsfonds Milanomi (Frau Heike Kammer) haben wir zu diesem Zweck auch Spenden von Convoy of Hope eingesetzt. Wenn möglich, würden wir gerne die monatliche Verteilung von Essenskörben bis zum Dezember 2020 fortsetzen.

Das Land soll mindestens bis zum 20. August in diesem Lockdown bleiben. Danach will die Regierung in fünf Stufen die Wirtschaft wieder hochfahren. Das hieße, dass ab dem 4. Oktober die verschiedenen wirtschaftlichen Sektoren wieder wie vor der Pandemie in Betrieb sein sollten, - sofern es das Infektionsgeschehen erlaubt.

Wir danken euch und Ihnen im Namen aller begünstigten Familien für die Solidarität, die ihr uns seit März diesen Jahres entgegenbebracht habt / haben, denn neben dem Coronavirus wütete Anfang Juni auch der Tropensturm Amanda bei uns. Diese Hilfe ist sehr wertvoll. Dank Menschen wie euch / Ihnen ist eine andere Welt möglich.


Update vom 10.04.2020

Drei Vertreterinnen des Frauenkollektivs der Gemeinde El Zaite (Sonia, Josefa und Deysi) und die zwei Erzieherinnen des Kinderzentrums El Zaite (Sandra und Marta) haben mit Unterstützung der Katastrophenschutzbrigaden die Lieferung der 25 ausstehenden Lebensmittelkörbe am 8. April organisiert. Die Brigaden ermöglichten den Personen die Fortbewegung in der Gemeinde, da man sich ansonsten nicht frei bewegen. Ich füge auch diesmal wieder Fotos der Empfängerfamilien bei.

Seit Beginn der Quarantäne hat die Regierung den einen Slogan : "STAY AT HOME" als Präventivmaßnahme ausgegeben. Aber für die Menschen ist mit diesem Slogan ein großes Problem verbunden, nämlich, nicht ihrer täglichen Arbeit nachgehen zu können. Die Märkte sind geschlossen und der gesamte Handel gelähmt.

Zugleich steigen die Zahlen der Menschen, die an Covid 19 erkranken, daher ordnete die Regierung weitere zwei Wochen, bis Anfang Mai, die Quarantäne und Notstandsmaßnahmen verlängert.

Wir sehen, dass Familien psychisch unter der Situation leiden, Angst und Frustration machen sich breit. Wir hoffen, dass sehr bald alles vorbei sein wird und dass wir zur Normalität zurückkehren werden.


65 Familien erhalten Lebensmittel

Update von Carlos Díaz am 07. April 2020

„Glücklicherweise hat uns die Polizei eine Erlaubnis erteilt, nach den Einkäufen im Supermarkt die Familien zu besuchen und ihnen die Versorgungskörbe auszuhändigen. Rund 40 davon haben wir schon ausgeteilt, morgen, am 8. April, werden wir weitere 25 Körbe an bedürftige Familien in der Gemeinde verteilen können. Bis morgen werden wir damit insgesamt 65 Versorgungskörbe übergeben haben. Ich nutze die zwei Stunden, in denen ich eine Internetverbindung habe, um euch davon zu berichten und ein paar Fotos von den Familien zuzusenden.“


680 bedürftige Familien

Update von Carlos Díaz am 05. April 2020

„Die Erzieherinnen Marta Mendoza und Sandra Peña stehen in engem Kontakt mit der Frauengruppe der Gemeinde El Zaite. Sie berichten, dass es sehr schwer ist, auf die Straße zu gehen, da die Polizei patroulliert. Menschen, die in einem Auto fahren, werden angehalten, herausgeholt und unverzüglich in ein Quarantänezentrum gebracht. Ständig gibt es Stromausfälle, auch das Wasser wird abgestellt. Ungeachtet dessen versuchen wir vom ersten Tag der Ausgangssperre die Menschen vor Ort zu unterstützen, sie leiden insbesondere unter dem Mangel an Lebensmitteln.

Ich habe dankenswerterweise den Brief der Zukunftsstiftung Entwicklung erhalten, in welchem bestätigt wird, dass ich der Leiter des Kinderzentrums bin und dass ihr darum bittet, zur Abhebung der überwiesenen Spenden zur Bank gehen zu dürfen. Dieses Dokument hilft mir sehr und ermöglicht mir, mich für die wichtigsten Koordinationsgänge fortzubewegen.

Meine Mitarbeiterinnen Marta und Sandra berichten, dass in der Gemeinde El Zaite insgesamt 680 Familien leben. Eigentlich sind die meisten von ihnen bedürftig und leiden an der Lebensmittelknappheit. Natürlich können wir nicht allen helfen. Zunächst unterstützen wir die Familien, deren Kinder im Kinderzentrum betreut werden. Mit den übrigen Spenden möchten wir Familien unterstützen, die die folgenden Kriterien erfüllen:

  • Alleinerziehende Mütter
  • Keine fester Arbeitsplatz
  • Familie lebt mit älteren Angehörigen in einem Haus
  • Der Familie gehören Personen mit Behinderungen an“

Förderung bedürftiger Kinder und Familien

Das Kinderzentrum El Zaite in der Gemeinde Zaragoza, El Salvador, betreut ganztägig 50 Kinder im Alter von vier bis sechs Jahren aus Familien, die in wirtschaftlich sehr armen Verhältnissen leben, und die von familiärer Desintegration aufgrund von Bandengewalt betroffen sind. Die Pädagogik unterscheidet sich sehr vom Curriculum öffentlicher Kindergärten in El Salvador: Das Miteinander zwischen Erzieherinnen, Eltern und Kindern wird gefördert, um ein gesundes und harmonisches Umfeld für die Kinder zu schaffen. Spiele und Kunst, Gesundheit und Ernährung, die Vermittlung von Kompetenzen an die Eltern sowie Aktivitäten mit der Gemeinde sind zentrale Bestandteile des integralen Konzeptes des Zentrums. Zwei Erzieherinnen, zwei Mütter, die den Erzieherinnen assistieren, eine Köchin und eine Küchenhilfe, die wiederum Mutter eines betreuten Kindes ist, sowie ein Gärtner, arbeiten im Kinderzentrum El Zaite.

Förderung bedürftiger Kinder und Familien

Am 26. März 2020 berichtete uns Carlos Díaz, Leiter des Kinderzentrums „El Zaite“ in Zaragoza, das erste Mal von der Lage in El Salvador und den Auswirkungen der Ausgangssperre auf die Arbeit vor Ort:

„Ich sende euch hier eine kurze Zusammenfassung der aktuellen Situation in El Salvador, insbesondere was das Kinderzentrum El Zaite und seine Arbeit anbetrifft.
Am Donnerstag, dem 12.03.2020, verkündete die Regierung die anstehenden Sicherheitsmaßnahmen im Zusammenhang mit dem Covid 19-Virus. Ab dem 13.03.2020 gilt landesweit eine Quarantäne. Die Regierung hat verfügt, dass alle Menschen zu Hause bleiben sollen und nur noch für Lebensmitteleinkäufe oder Medikamentenbesorgungen in Apotheken die Straßen betreten dürfen. Wir mussten also das Kinderzentrum schließen, um die Familien, und insbesondere die Kinder, schwangere Frauen und Großeltern nicht zu gefährden. Es herrscht allgemeine Verunsicherung in der Gemeinde. Die Sorgen sind besonders groß bei den Familien, die auf ihren täglichen Lohn angewiesen sind (zum Beispiel diejenigen, die Dienstleistungen in Häusern und Gärten verrichten und pro Tag einen Lohn von ca. 8.00 US-Dollar (ca. 7,40 Euro) ausbezahlt bekommen). Die Schwierigkeiten vervielfachen sich bei den Familien, die Angehörige mit Behinderungen haben.

Ich bin nun auch zu Hause und stehe in Verbindung mit Sandra Peña, der Erzieherin für die Kinder im Alter von vier und fünf Jahren, sowie mit Marta Mendoza, der Erzieherin der Sechsjährigen. Wenn keine Polizeistreifen zu sehen sind, versuchen sie, die Familien aufzusuchen und sie nach ihren dringendsten Bedürfnissen zu befragen. Den Familien fehlen Lebensmittel, Trinkwasser und Schutzmasken. Da auch die meisten Arbeiter der Elektrizitätswerke zu Hause bleiben müssen, kommt es zu langen Stromausfällen.

Wenn ich es auf einen Nenner bringen soll: Wir versuchen, die 50 Familien, deren Kinder in normalen Zeiten im Zentrum El Zaite betreut werden, bei der Deckung ihrer Grundbedürfnisse zu unterstützen.

Wir hatten im Zentrum noch Reserven an Reis, Soja und Weizen, und daher fassten wir den Entschluss, in einem ersten Schritt diese Reserven an die Familien zu verteilen. Leider musste mich Marta darüber informieren, dass diese Reserven nur für 26 Familien gereicht haben.

Wenn die Maßnahmen und Repressionen gegen das Volk so weitergehen wie angekündigt, dann werden wir noch mindestens bis zum 13. April durchhalten müssen. Doch bis dahin sind es noch mehr als 15 Tage! Sofern das alles so stimmt, könnten wir das Kinderzentrum am 14. April wieder öffnen. Doch mit Sicherheit kann man das noch nicht sagen.

Bis dahin konzentrieren wir uns auf die Versorgung der Familien mit den notwendigsten Gütern wie etwa Trinkwasser, Bohnen, Reis, Öl, Zucker, Seife, Toilettenpapier und Streichhölzer. Die Erzieherinnen Sandra Peña und Marta Mendoza sind nun dazu übergegangen, Einkäufe in einem Supermarkt zu tätigen und Körbe in einem Wert von 15 US-Dollar (ca. 13,90 Euro) zusammenzustellen, die jeweils eine Familie für etwa 10 Tage mit dem Nötigsten versorgt. Hierzu gehören folgende Dinge: 1 Liter Öl, Nudeln, 2 Kilo Bohnen, 2 Kilo Zucker, 1 Büchse Sardinen, 5 Tüten Fertigsuppe,1 Packung Klopapier, 1 Stück Seife, 1 Schachtel Streichhölzer.

Bitte passt auch euch auf. Ich hoffe, dass wir weiter in Kontakt bleiben. Wenn von mir mal keine elektronische Nachricht kommen sollte, dann liegt das an der fehlenden Internetverbindung oder am fehlenden Strom.

Carlos Díaz“



Die Mitarbeiter*innen des Kinderzentrums „El Zaite“ verteilen Lebensmittel

Projektinformationen

Gefördert wird dieses Projekt aus Mitteln der Milanomi Friedensstiftung, die von Frau Heike Kammer, Menschenrechtspreisträgerin der Stadt Weimar (1999), ins Leben gerufen wurde (https://heike-kammer.jimdofree.com). Die Zukunftsstiftung Entwicklung leitet Spenden, die Frau Kammer über ihre Stiftung sammelt, vollumfänglich an das Kinderzentrum weiter und begleitet die Umsetzung des Projektes.

Angesichts der von Carlos Díaz geschilderten Situation hat Frau Heike Kammer einen Spendenaufruf geschaltet, damit die Versorgung mit Essenskörben an die Betroffenen Familien weitergeführt werden kann, solange die Einschränkungen des täglichen Lebens aufgrund der COVID-19-Pandemie in El Salvador weitergehen. Die Spenden werden auf dem folgenden Konto gesammelt:

Zukunftsstiftung Entwicklung
IBAN:   DE05 4306 0967 0012 3300 10 - GLS Bank
Betreff: milanomi friedensstiftung/El Zaite, Essenskorb




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