Brasilien: Geschichten und Berichte

Seit dem ersten bestätigten Corona-Fall in Brasilien Ende Februar sorgt der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro aufgrund seines verharmlosenden Umgangs mit dem Virus weltweit für große Aufmerksamkeit. Als Präsident des größten und mit ca. 210 Mio. Einwohner*innen bevölkerungsreichsten Landes in Lateinamerika misst er dem Wohlergehen der Wirtschaft, nicht der Gesundheit der Brasilianer*innen, die oberste Priorität zu.

Auch nach seiner eigenen Erkrankung mit Covid-19 bezeichnete er den Virus als „kleines Grippchen“ und warf den Medien mehrfach vor, die Ausmaße der Pandemie aufzubauschen. Er führt seine Amtsgeschäfte vorwiegend in Präsenzsitzungen, schüttelt in der Öffentlichkeit unentwegt die Hände seiner Anhänger*innen und verzichtet oft demonstrativ auf das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes. Maßnahmen zum Schutz der allgemeinen Bevölkerung, die von Bundesstaaten und städtischen Metropolen erlassen wurden, versucht er einzudämmen oder zu umgehen. Zwei Gesundheitsminister – beide Mediziner – räumten aufgrund von Auseinandersetzungen um die Eindämmung der Pandemie ihren Posten. Aktuell führt ein Militärgeneral ohne medizinische Vorkenntnisse dieses Ministerium.

Mit ihrem laxen Krisenmanagement spaltet die Regierung die ohnehin stark polarisierte Bevölkerung. Viele Menschen nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand, desinfizieren etwa ihre Wohnviertel mit eigens beschafften Mitteln, organisieren Unterstützung mit Nahrungsmitteln und Hygieneartikeln an diejenigen, die am stärksten von der Krise betroffen sind und bringen ihren Unmut durch Protestaktionen zum Ausdruck. Gegen Jair Bolsonaro wurden inzwischen mehrere Anzeigen wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag eingebracht. Ein breites Bündnis brasilianischer Gewerkschaften, das unter anderem Bedienstete im Gesundheitswesen vertritt, wirft dem Präsidenten vor, durch kriminell fahrlässigen Umgang mit der Pandemie das Leben von Angestellten des Gesundheitswesens und der brasilianischen Gesellschaft gefährdet zu haben.

Das Johns Hopkins Coronavirus Resource Center verzeichnet Anfang September 3.9 Mio. Infizierte und 121.381 an bzw. mit Covid-19 Verstorbene. Brasilien bildet damit den „Hotspot“ der Pandemie in Lateinamerika. Im weltweiten Vergleich liegt das Land an zweiter Stelle, gleich hinter den USA. Da auch in Brasilien keine kohärente Erfassung von Daten existiert, ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen.

Wir stehen mit unseren brasilianischen Partnerorganisationen Monte Azul und ReCivitas im Austausch und teilen hier gerne einige der von ihnen zugesandten Informationen.



Corona-Nothilfe in den Armenvierteln São Paulos

Die Mitarbeiter*innen der Associação Comunitária Monte Azul, die sich für die Integrale Slumentwicklung in São Paulo einsetzten, arbeiten bereits seit Mitte März, soweit irgend möglich, im Home-Office. Den ersten Bericht einer Mitarbeiterin vom ACMA erhielten wir am 20. März.

Am 28. Mai 2020 erhielten wir von Martina Schmickl (Mitarbeiterin) Informationen zu der von ACMA geleisteten Corona-Nothilfe in den Armenvierteln São Paulos.

ACMA unterstützt in Zeiten der Pandemie bedürftige Familien aus drei Favelas rund um São Paulo mit der regelmäßigen Verteilung von Lebensmittelpaketen (cesta básica). Ein Lebensmittelpaket hat einen Wert von ca. 40,00 Euro und beinhaltet Reis, Nudeln, Bohnen, Salz, Zucker, Öl und Konservenfisch.

Die meisten Familien aus São Paulos Favelas Monte Azul, Peinha und Horizonte Azul, deren Kinder  von der Associação Comunitária Monte Azul (ACMA) normalerweise betreut werden, arbeiten im Servicebereich  als Hausangestellte, Hausmeister, Pförtner, Kurierdienstfahrer oder sind als Tagelöhner*in bzw. im Straßenverkauf tätig. Das bedeutet, dass sie zumeist weder über einen Arbeitsvertrag noch über eine Sozialversicherung verfügen. Das minimale Einkommen führt dazu, dass die Haushalte auf tägliche Arbeit angewiesen sind. Die Einhaltung von Quarantäneregeln ist für viele Familien in den Favelas schlicht undenkbar, denn nicht zu arbeiten bedeutet in Brasilien: kein Essen, kein Wasser, kein Strom.  ACMA unterstützt daher bedürftige Familien aus drei Favelas mit der regelmäßigen Verteilung von Lebensmittelpaketen.

Das Team des Gesundheitszentrums von ACMA, dem Ambulatório, gehen von Haus zu Haus, um die Bewohner*innen über die Pandemie und aufzuklären. Sie erkundigen sich nach dem psychischen Zustand der Familienmitglieder, die oft auf engem Raum zusammenleben. Auch Hygieneartikel wie Masken, Seifen und Desinfektionsgel werden verteilt. Eine einfache Stoffmaske kostet etwa 1,00 €.  Das bedeutet, dass schon mit einer Spende von 10,00 Euro zehn Menschen mit einer Maske ausgestattet werden können und ein kleiner Beitrag zum Infektionsschutz geleistet wird.

Möchten Sie explizit für die Nothilfe von ACMA spenden, wählen sie im Online-Spendenformular den Verwendungszweck "Nothilfe COVID 19 ACMA (F 122 I)" aus.

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ACMA verteilt Grundnahrungsmittel und Hygieneartikel an Bewohner*innen in der Favela

Update von ACMA vom 14.04.2020

"Liebe Mitarbeiterinnen der ZSE,

während so gut wie alle Programme der Organisation geschlossen sind, verteilt die ACMA Grundnahrungsmittel und Hygieneartikel an Bewohner*innen in der Favela. Von unserem Partner Weleda haben wir Flüssigseife bekommen. Ein Team aus dem Gesundheitszentrum (Ambulatório) hat die Produkte letzten Freitag an die Favelabewohner*innen von Monte Azul verteilt. Anbei finden Sie einige Fotos von diesen Aktivitäten.
 
Als ein Zeichen von Respekt und Dankbarkeit gab es für das Personal der  Gesundheitsprogramme eine ganz besondere Überraschung zu Ostern: Es wurden viele kleine Geschenke verteilt.  Außerdem haben sich die beiden Gründerinnen von Monte Azul, Renate Keller Ignacio und Ute Craemer mit einem Video bei diesen Menschen bedankt: Link zum Video.

Nicht zuletzt starteten wir auch verschiedene Spendenkampangnen hier in São Paulo.

Schöne Grüße aus Brasilien!"


Bedingungsloses Grundeinkommen in Zeiten von Corona

Von Bruna Augusto, die gemeinsam mit Marcus Brancaglione 2008 den Versuch starteten, Familien durch ein Grundeinkommen zu unterstützen, erhielten wir am 8. April 2020 folgende Nachrichten:

"Wie geht es euch allen in Bochum? Seid ihr gesund? Arbeitet ihr von zu Hause aus? Hier in Brasilien werden wir in diesem Monat wahrscheinlich eine große Infektionswelle erleben. Es sind bereits drei Wochen, in denen wir zu Hause bleiben müssen, aber immer noch arbeiten viele Menschen unverdrossen und so gut es eben möglich ist weiter.

Ausgerechnet in diesen Zeiten wird weltweit das Thema des bedingungslosen Grundeinkommens diskutiert. Das Institut ReCivitas erhält in diesen Tagen zahlreiche Anfragen von Institutionen und Organisationen, und wir helfen sehr gerne und klären auf. Wir übermitteln ihnen unser Informationsmaterial und Analysen zum Grundeinkommen, und wir tun dies sehr gerne, denn die aktuelle Krise verdeutlicht aus unserer Sicht, dass ein Zugang zu einem bedingungslosen Grundeinkommen für sehr viele Menschen sinnvoll wäre.

Wenn es also Interessierte in eurem Umfeld gibt, die die Empfänger des Grundeinkommens hier Quatinga Velho unterstützen wollten, oder aber das Modell an anderen Orten replizieren möchten, bitte vermitteln Sie diese Menschen gerne an uns weiter. Bitte entschuldigt, dass ich unser Anliegen so offen und direkt vortrage, aber die Situation hier in im globalen Süden ist sehr kritisch, und wir wollen helfen, wo wir können.

Mir ist bewusst, dass unser Institut und unser Projekt sehr klein sind, aber nach zwölf Jahren Pionierarbeit, der Ausarbeitung von Konzepten und Methoden, der Erfahrung von Erfolgen und Fehlern und Verbesserungen sind wir zweifelsohne in der Lage, unser Wissen mit anderen Menschen zu teilen.

Alles Gute und passt auf euch auf,
Bruna"


NOTHILFE COVID-19

Die Auswirkungen der Corona-Krise sind massiv. Schon jetzt ist deutlich: Besonders betroffen sind die ohnehin Marginalisierten dieser Welt. Helfen Sie mit, insbesondere diese Menschen direkt zu unterstützen!

Ihre Spende im Rahmen der NOTHILFE COVID-19 wird für:

  • Aufklärungskampagnen
  • Gesundheitsaufklärung
  • Lebensmittelhilfe
  • Seifen- und Desinfektionsmittelproduktion
  • das Nähen von Masken

eingesetzt.

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