Bolivien: Geschichten und Berichte

In Bolivien wurden am 17. März erste Notstandsmaßnahmen aufgrund der Covid 19-Pandemie erlassen, so etwa die Schließung von Grenzen und die Einstellung des Personenverkehrs auf dem Luft-, Land- und Seeweg. Ab dem 22. März 2020 galten dann umfänglichere Quarantänemaßnahmen. Schulen und Universitäten, Geschäfte, Unternehmen und Restaurants blieben geschlossen. Alle sozialen, kulturellen, religiösen und sportlichen Veranstaltungen wurden eingestellt. Einmal pro Woche konnten die Menschen zum Einkaufen aus dem Haus gehen. Auch Apotheken und Banken blieben mit verkürzten Öffnungszeiten geöffnet, während Polizei und Militär über die Einhaltung der Auflagen wachten.

Weil das Land schlagartig in eine Rezession fiel, wurden in den Monaten Juni und Juli einzelne wirtschaftliche Bereiche und das Transportwesen unter Einschränkungen wieder geöffnet. Die bis dahin relativ niedrigen Infektionsraten stiegen seither jedoch sehr deutlich an – wiewohl Statistiken in Bolivien nur relativ betrachtet aussagekräftig sind, denn eine generelle Erfassung solcher Daten wird nicht geleistet. Das heißt, es sind dank der Statistiken zwar Tendenzen der Entwicklung erkennbar, aber kaum das gesamte Ausmaß zu erfassen. (Anfang September verzeichnete das Land laut Johns Hopkins Coronavirus Resource Center 116.598 nachweislich mit dem Corona-Virus Infizierte und 5.027 Tote.)

Unsere Partner aus Bolivien berichten uns, dass gerade wegen der anfangs sehr geringen Infektionszahlen viele Bolivianer*innen die Pandemie nicht ernst genommen hätten und Schutzmaßnahmen wie das Abstand-Halten oder das Tragen einer Mund-Nase-Bedeckung nicht beachtet hätten. Des Weiteren würden Menschen mit Krankheitssymptomen medizinische Hilfe nicht notwendigerweise in Anspruch nehmen, weil sie soziale Ausgrenzung fürchteten. Zugleich sei von staatlicher Seite trotz Wirtschaftswachstums in den vergangenen Jahren kaum in den Ausbau des öffentlichen Gesundheitswesens und die Ausbildung von medizinischem Personal investiert worden. Die Kapazitäten der 42 Krankenhäuser, die Covid-19-Patienten aufnehmen können (mit 405 Intensivbetten), sei längst ausgeschöpft, sodass viele Infizierte in ihren Häusern oder sogar auf den Straßen blieben und, ja, auch stürben. Die hohe Nachfrage nach Sauerstoff könne nicht bedient werden, Corona-Tests seien rar und die Menschen warteten bis zu drei Wochen auf die Ergebnisse. Aus Mangel an Sanitäter*innen holten zunehmend auch Polizisten die Leichen ab und stellten Sterbeurkunden aus. Bestattungsinstitute und Friedhöfe seien ebenso wenig auf die hohe Anzahl an Leichen eingestellt.

Zu den am stärksten betroffenen Städten gehören Santa Cruz, La Paz, und Cochabamba. In Santa Cruz, in der die Tahuichi Fußballakademie angesiedelt ist, gibt es beispielsweise fünf zentrale Krankenhäuser. Deren Infrastruktur wurde in den vergangenen beiden Jahrzehnten kaum erweitert, obwohl die Bevölkerung dieser Metropole im selben Zeitraum von 1 Mio. auf 3 Mio. Einwohner*innen anwuchs.

Politisch betrachtet trifft die Pandemie das Andenland zur Unzeit. Nach bestätigten Wahlmanipulationen musste der seit 2006 im Amt befindliche Präsident Evo Morales im November 2019 von seinem Amt zurücktreten und floh ins mexikanische und dann argentinische Exil. Für eine Übergangszeit bis zu den Neuwahlen wollte Jeanine Áñez als damalige Vizepräsidentin des Senats und Vertreterin der konservativ-liberalen Opposition die Führung des Präsidentenamts übernehmen. Die zunächst für den Mai 2020 anberaumten Neuwahlen wurden jedoch wegen der Pandemie bereits zwei Mal verschoben – zuletzt auf den Oktober 2020. Politische Mobilisierungen und Straßenblockaden durch Anhänger der politischen Bewegung MAS von Evo Morales und deren neuen Kandidaten für das Präsidentenamt, Luis Arce, waren die Folge. Je näher das Wahldatum heranrückt, desto wahrscheinlicher werden auch weitere, mitunter gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen der Regierung, vertreten durch Sicherheitskräfte, und Regierungsgegnern.


Ein Telefonat mit José Felery

Am 5. Juni 2020 konnten wir mit José Felery, Mitarbeiter der Tahuichi Fußballakademie telefonieren. Die Schule bietet nach dem gewöhnlichen Schulunterricht Fußballtraining für ca. 3.000 Jungen und Mädchen aus Armenvierteln in Santa Cruz, Bolivien an. Die in Bolivien gemeinhin sehr große Begeisterung für diese Sportart nutzen die Mitarbeiter*innen der Tahuichi Fußballschule gezielt, um das Selbstvertrauen und Resilienz dieser Kinder und Jugendlichen zwischen vier und 19 Jahren zu stärken, die andernfalls leicht in kriminelle Kreise geraten oder dem Drogenkonsum verfallen könnten. Hier werden Werte wie Disziplin, Fairness, Verantwortungsgefühl vermittelt. Zum regelmäßigen Training kommt auch die medizinische / physiotherapeutische Betreuung sowie eine gemeinsame, vollwertige Mahlzeit hinzu. Zugleich Kinder werden zum Schulbesucht motiviert. Die Zukunftsstiftung Entwicklung kooperiert mit der Tahuichi Fußballakademie in Form von Patenschaften.

José Felery berichtete uns, dass die Tahuichi-Fußballakademie im Zuge der Quarantänemaßnahmen fast seit 3 Monaten geschlossen ist. Die Mitarbeiter*innen blieben zu Hause; die Kinder und Jugendlichen konnten nicht zur Schule gehen und ihnen fehlte das regelmäßige Training und das Pflegen der Freundschaften in der Akademie.
 
Bisher gab es keine offiziell bestätigten Corona-Erkrankten unter den Kindern und Jugendlichen sowie Trainern und Mitarbeiter*innen der Akademie. Die Trainer blieben mit etwa 60% der Kinder – vor allem den älteren Jahrgängen, die schon ein Mobiltelefon haben- in Verbindung. Die Trainer schicken regelmäßig Informationen und Trainingsvorschläge an die Kinder und Jugendlichen. Ein Trainer, dessen junger Sohn auch an der Akademie trainiert, hat einen Innenhof und hat dort Videos aufgenommen, in denen sein Sohn Übungen vormacht, die seine Kamerad*innen dann zu Hause nachmachen können. Auch die Jugendlichen senden kleine Videos an die Trainer, in denen sie ihre Übungseinheiten aufzeichnen.
 
José Felery befürchtet, dass die Kinder und Jugendlichen vermutlich das ganze Schuljahr, das bis zum Jahresende andauert, zu Hause verbringen müssen. Zwar wird in einigen öffentlichen Schulen Schulstoff per Online-Plattform an Schüler*innen weitergeleitet, aber lange nicht alle Familien sind mit einem Rechner oder einem Internetzugang ausgestattet, weshalb Kinder und Jugendliche, die in armen Verhältnissen leben, besonders ins Nachtreffen geraten.
 
Auch der Akademie als Ganzes stehen in wirtschaftlicher und praktischer Hinsicht sehr schwierige Zeiten bevor. Die Mitarbeiter*innen der Akademie haben im März und April 30% ihres Gehaltes erhalten, für den Mai und darüber hinaus konnten noch keine Zusagen gegeben werden. Immerhin soll es ab dem 8. Juni 2020 für die Mitarbeiter*innen möglich sein, ins Büro zurückzukommen. Aber sportliche Aktivitäten in jeglicher Form sind weiter nicht erlaubt. Da im Zuge der Sparmaßnahmen der Regierung auch das Bolivianische Sportministerium geschlossen wurde, fehlt es zurzeit an einem Fürsprecher für die Anliegen von Sportler*innen und Sportvereinen.

Für die Kinder und Jugendlichen und die Mitarbeiter*innen der Akademie war es ein Zeichen der Hoffnung, dass die Bundesliga-Spiele in Deutschland – auch ohne Publikum - wieder aufgenommen wurden. Wem es technisch möglich ist, der sieht sich die Übertragungen der Bundesliga-Spiele im Fernsehen an.
 
José Felery bedankt sich sehr herzlich für die kontinuierliche Unterstützung der Paten und Patinnen und sendet im Namen der ganzen Fußball-Akademie viele Grüße.

Wie das Fußballtraining in Quarantänezeiten aussehen kann, zeigt uns Matias Saucedo. Unterstützt durch eine Patenschaft der Zukunftsstiftung Entwicklung, besucht er die Tahuichi Fußballakademie:



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