Bolivien: Geschichten und Berichte

In Bolivien wurden am 17. März erste Notstandsmaßnahmen aufgrund der Covid 19-Pandemie erlassen, so etwa die Schließung von Grenzen und die Einstellung des Personenverkehrs auf dem Luft-, Land- und Seeweg. Die Arbeitszeiten wurden auf 08:00-13:00 Uhr, die Öffnungszeiten von Märkten und Lebensmittelgeschäften auf 08:00-15:00 Uhr, und die Betriebszeiten des öffentlichen Nahverkehrs auf 05:00-18:00 Uhr verkürzt. Soziale, kulturelle, religiöse und sportliche Veranstaltungen und Aktivitäten wurden eingestellt.

Ab dem 22. März 2020 galten dann umfänglichere Quarantänemaßnahmen. Seitdem liegt das öffentliche Leben brach, einschließlich Schulen und Universitäten, Geschäften und Unternehmen, Restaurants und dem öffentlichen Transportwesen. Einmal pro Woche konnten die Menschen zum Einkaufen aus dem Haus gehen, und auch Apotheken und Banken blieben mit verkürzten Öffnungszeiten geöffnet, während Polizei und Militär über die Einhaltung der Auflagen wachen.

Einzelpersonen die von extremer Armut betroffen sind, wurden Unterstützungszahlungen von zwischen 400,00 – 500,00 Bolivianos (ca. 50-62 Euro)  zugesagt, Familien mit Kindern erhielten ebenfalls eine Unterstützung von 500 Bolivianos. Gaspreise wurden in diesem gasfördernden Land um 50% reduziert.

Für die ca. 70% der im informellen Sektor tätigen Bolivianer*innen stellt die Pandemie eine extreme Belastung dar. Um Geld für die Krankenhäuser, denen es an allem mangelt, zur Verfügung zu stellen, schloss die Interimsregierung von Jeanine Áñez mehrere Ministerien und Botschaften.

Die Quarantänemaßnahmen wurden mehrfach verlängert, zuletzt bis zum 31. Juli 2020. Allerdings können im Juni einzelne Sektoren wieder öffnen, und Menschen können sich werktags von 06:00 bis 18:00 Uhr sowie Samstags von 06:00-14:00 Uhr wieder frei bewegen. Der öffentliche Transport darf wieder unter Einschränkungen in Betrieb genommen werden.

Nach offiziellen Angaben (Stand 07.07.2020) haben sich in Bolivien 40.509 Menschen mit dem Covid-19 Virus infiziert, 1.476 sind daran bzw. damit gestorben. Im Gegensatz zu Nachbarländern wie Chile und Peru sind die Infiziertenraten damit relativ niedrig. Die Dunkelziffer dürfte aufgrund mangelnder Tests weitaus höher liegen. Des Weiteren ist in den bolivianischen Nachrichten häufiger zu lesen, dass Menschen mit Krankheitssysmptomen diese weder bekannt machen noch ein medizinische Hilfe erbitten, weil sie soziale Ausgrenzung fürchten.


Ein Telefonat mit José Felery

Am 5. Juni 2020 konnten wir mit José Felery, Mitarbeiter der Tahuichi Fußballakademie telefonieren. Die Schule bietet nach dem gewöhnlichen Schulunterricht Fußballtraining für ca. 3.000 Jungen und Mädchen aus Armenvierteln in Santa Cruz, Bolivien an. Die in Bolivien gemeinhin sehr große Begeisterung für diese Sportart nutzen die Mitarbeiter*innen der Tahuichi Fußballschule gezielt, um das Selbstvertrauen und Resilienz dieser Kinder und Jugendlichen zwischen vier und 19 Jahren zu stärken, die andernfalls leicht in kriminelle Kreise geraten oder dem Drogenkonsum verfallen könnten. Hier werden Werte wie Disziplin, Fairness, Verantwortungsgefühl vermittelt. Zum regelmäßigen Training kommt auch die medizinische / physiotherapeutische Betreuung sowie eine gemeinsame, vollwertige Mahlzeit hinzu. Zugleich Kinder werden zum Schulbesucht motiviert. Die Zukunftsstiftung Entwicklung kooperiert mit der Tahuichi Fußballakademie in Form von Patenschaften.

José Felery berichtete uns, dass die Tahuichi-Fußballakademie im Zuge der Quarantänemaßnahmen fast seit 3 Monaten geschlossen ist. Die Mitarbeiter*innen blieben zu Hause; die Kinder und Jugendlichen konnten nicht zur Schule gehen und ihnen fehlte das regelmäßige Training und das Pflegen der Freundschaften in der Akademie.
 
Bisher gab es keine offiziell bestätigten Corona-Erkrankten unter den Kindern und Jugendlichen sowie Trainern und Mitarbeiter*innen der Akademie. Die Trainer blieben mit etwa 60% der Kinder – vor allem den älteren Jahrgängen, die schon ein Mobiltelefon haben- in Verbindung. Die Trainer schicken regelmäßig Informationen und Trainingsvorschläge an die Kinder und Jugendlichen. Ein Trainer, dessen junger Sohn auch an der Akademie trainiert, hat einen Innenhof und hat dort Videos aufgenommen, in denen sein Sohn Übungen vormacht, die seine Kamerad*innen dann zu Hause nachmachen können. Auch die Jugendlichen senden kleine Videos an die Trainer, in denen sie ihre Übungseinheiten aufzeichnen.
 
José Felery befürchtet, dass die Kinder und Jugendlichen vermutlich das ganze Schuljahr, das bis zum Jahresende andauert, zu Hause verbringen müssen. Zwar wird in einigen öffentlichen Schulen Schulstoff per Online-Plattform an Schüler*innen weitergeleitet, aber lange nicht alle Familien sind mit einem Rechner oder einem Internetzugang ausgestattet, weshalb Kinder und Jugendliche, die in armen Verhältnissen leben, besonders ins Nachtreffen geraten.
 
Auch der Akademie als Ganzes stehen in wirtschaftlicher und praktischer Hinsicht sehr schwierige Zeiten bevor. Die Mitarbeiter*innen der Akademie haben im März und April 30% ihres Gehaltes erhalten, für den Mai und darüber hinaus konnten noch keine Zusagen gegeben werden. Immerhin soll es ab dem 8. Juni 2020 für die Mitarbeiter*innen möglich sein, ins Büro zurückzukommen. Aber sportliche Aktivitäten in jeglicher Form sind weiter nicht erlaubt. Da im Zuge der Sparmaßnahmen der Regierung auch das Bolivianische Sportministerium geschlossen wurde, fehlt es zurzeit an einem Fürsprecher für die Anliegen von Sportler*innen und Sportvereinen.

Für die Kinder und Jugendlichen und die Mitarbeiter*innen der Akademie war es ein Zeichen der Hoffnung, dass die Bundesliga-Spiele in Deutschland – auch ohne Publikum - wieder aufgenommen wurden. Wem es technisch möglich ist, der sieht sich die Übertragungen der Bundesliga-Spiele im Fernsehen an.
 
José Felery bedankt sich sehr herzlich für die kontinuierliche Unterstützung der Paten und Patinnen und sendet im Namen der ganzen Fußball-Akademie viele Grüße.

Wie das Fußballtraining in Quarantänezeiten aussehen kann, zeigt uns Matias Saucedo. Unterstützt durch eine Patenschaft der Zukunftsstiftung Entwicklung, besucht er die Tahuichi Fußballakademie:



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