Wissenschaft mit alternativen Fakten

Die Pressemitteilung der Universität Göttingen zu einer Studie mit dem Thema „Organische Landwirtschaft, Ernährungssicherheit und Umwelt“ von Meemken, E.-M., Qaim, M. (2018) zeigt, wie einseitig und undifferenziert wissenschaftliche Schlussfolgerungen sein können. Die Studie wird als eine Metastudie eines Vergleichs zwischen organischer und konventioneller Landwirtschaft und ihren Auswirkungen auf Ernährung und Biodiversität bezeichnet. Die Wissenschaftler, so die Pressemitteilung der Universität Göttingen, fanden heraus, dass „der Anbau von Biolebensmitteln zu viel Ackerfläche benötigt, um sich weltweit positiv auf die Artenvielfalt auswirken zu können“. Weiter werden sie wie folgt zitiert: „Zudem ist er in ärmeren Ländern zur Ernährungssicherung ungeeignet.“  Fragwürdig erscheint, unter welchen Parametern diese Studien ausgewertet wurden, etliche Fakten scheinen ohne Bezug zur Realität. Die Aussage von Dr. Meemken: "Für einheimische Grundnahrungsmittel gibt es in Entwicklungsländern aufgrund der niedrigen Einkommen bisher kaum einen Markt für teurere Bioprodukte" entbehrt jeder Logik.

Dr. Meemken scheint nicht zu bedenken, dass weltweit die Mehrheit der bäuerlichen Betriebe Kleinbetriebe sind, die Subsistenzwirtschaft betreiben. Sie leben von dem, was sie auf ihrem Land produzieren. Es wird für die eigene Versorgung und den Verkauf auf dem Markt angebaut. Dieser Anbau findet meist unter ökologischen Bedingungen statt, da ein Mischanbau verschiedener Kulturen sicherer für die Familien ist. Die Zukunftschance für diese kleinbäuerlichen Betriebe ist eine organische, diversifizierte Landwirtschaft in Verbindung mit Wassermanagement, die sie unabhängig von ausfallenden Regenzeiten und dem Einkauf von Saatgut, Düngemitteln und Pestiziden macht. Informationen zu Projekten in diesem Bereich finden Sie bei der Zukunftsstfitung Entwicklung.

Die oben beschriebene, heute noch zur Mehrzahl der weltweiten bäuerlichen Bevölkerung gehörende Gruppe, lebt in ländlichen Gebieten, in denen der nächste „Laden“ Kilometer entfernt ist. Sie benötigen keine „teueren Bio-Läden“ von denen Frau Dr. Meemken ja anscheinend spricht.

Ökologischer Landbau (auch wenn oft nicht als solcher zertifiziert) wird in den meisten Ländern von den Kleinbauern bereits durchgeführt und ist, wie viele Studien gezeigt haben, oft sogar ertragreicher als der Anbau nur einer einzelnen Kultur. Die Vielfalt sichert hier die Versorgung der Familie über eine ganze Anbauperiode hinweg und garantiert auch Ertrag, wenn eine Feldfrucht scheitert. Zudem erweist sich das lokal angepasste Saatgut als resistenter und auch auf Dauer ertragreicher.

Auch andere Aussagen in der Pressemitteilung entbehren jeder Logik. Zum Beispiel die Aussage darüber, dass Bio-Lebensmittel keinen positiven gesundheitlichen Effekt hätten. Abgesehen davon, dass der Ökolandbau nicht wg. „gesundheitlicher Effekte“ betrieben wird (auch wenn diese durch die Produkte entstehen können) scheinen die Autoren die externalisierten Effekte der konventionellen Agrarwirtschaft, wie z.B. Nitratbelastung des Wassers oder dramatischer Vogelschwund und Insektensterben, nicht als problematisch zur Kenntnis zu nehmen. Die Nitratbelastung zum Beispiel entsteht in erster Linie durch den konventionellen Landbau und die industrielle Tierhaltung. Jeden Tag billiges Fleisch, für dessen Produktion in anderen Ländern Soja angebaut wird, führt zu einem Stickstoff-Überschuss in vielen Industriestaaten und einem Wegfall von Flächen für die menschliche Ernährung in den Entwicklungsländern. So sind Argentinien, Paraguay und weite Flächen Brasiliens inzwischen „Soja-krank“ – die monokulturelle Plantagenwirtschaft für den Export zerstört die Umwelt. Ein Plädoyer für weniger Fleischkonsum sucht man in der Studie leider vergeblich.

Erstaunlich bleibt, dass eine solche Studie völlig unkommentiert auf einer Website für den Ökolandbau zu finden ist.