Bericht zum Status Quo (10.08.2017)

Nach dem Erdbeben: Wiederaufbau in Nepal

Dorit Battermann

Ein Resümee von Renu Sharma, Präsidentin der Womens Foundation in Nepal, zur Not- und Wiederaufbauhilfe zweieinhalb Jahre nach dem Erdbeben.

Am 25. April 2015 erschütterte ein schweres Erdbeben mit einer Stärke von 7,8 auf der Richterskala Nepal. Es folgte eine Reihe heftiger Nachbeben, das stärkste am 12. Mai 2015. Vierzehn Distrikte in Nepal waren schwer betroffen. Ca. 9000 Menschen fanden den Tod, 21.000 wurden verletzt und 3,5 Millionen Menschen verloren in diesen Tagen ihr Zuhause. Weite Teile der ohnehin schon schwachen Infrastruktur wie Schulen, Straßen oder Krankenstationen wurden zerstört.

Bereits vom ersten Tag nach dem Erdbeben leistete die WFN, eine langjährige Partnerorganisation der Zukunftsstiftung Entwicklung, Nothilfe in den betroffenen Gebieten. In zwölf der am meisten betroffenen Distrikte verteilte sie Decken, Kleidung, Zelte und andere notwendige Güter an mehr als 17.000 Familien oder 102.000 Menschen. Die Hilfe erreichte auch Menschen in sehr entlegenen, schwer zugänglichen Gebieten. Für Schulkinder und schwangere Frauen wurden besondere Programme gestartet. Natürlich waren all diese Aktivitäten durch die finanzielle Unterstützung zahlreicher Spender möglich, aber ebenso wichtig waren die schnelle Reaktion, das gute Netzwerk der WFN und die Kooperation mit anderen Nicht-Regierungsorganisationen in Nepal. So wurde beispielsweise die Versorgung mit notwendigen Hilfsgütern aus Indien über RESIC sichergestellt, einer weiteren Partnerorganisation der Zukunftsstiftung Entwicklung, die in Nepalgunj nahe der indischen Grenze arbeitet.

Schon in den ersten Monaten nach dem Erdbeben noch während der Nothilfephase überlegte die WFN erste Projekte für den Wiederaufbau. Die Idee war ein ganzes Dorf als Modelldorf wiederauf­zubauen, mit erdbebensicheren Privathäusern und der notwendigen Infrastruktur wie Schule, Wasserversorgung und Wegen. Leitend war dabei die „build-back-better strategy“, d.h. den Wieder­aufbau als Chance zu nutzen und die Lebensbedingungen der Betroffenen im Vergleich zu der Situation vor dem Beben nachhaltig zu verbessern. Hierfür entwickelte die WFN zwei Konzepte und führte viele Gespräche mit den Dorfbewohnern, die von Beginn an der Planung beteiligt wurden. Auch die notwendigen finanziellen Mittel konnten recht schnell gesichert werden. Die Zukunftsstiftung Entwicklung als deutscher Partner, die bereits Kontakte zum Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung aufgenommen hatte, war bereit das Wiederaufbauprojekt der WFN zu finanzieren.

Heute, nahezu zweieinhalb Jahre nach dem Erdbeben und endlosen Diskussionen mit den zuständigen Behörden in Nepal, sieht sich die WFN gezwungen ihre Pläne für den Wiederaufbau eines Dorfes mit erdbebensicheren Häusern für ca. 60 Familien aufzugeben. Was ist geschehen? Während eines Aufenthalts in Deutschland im Juni 2017 erläuterte uns Renu Sharma, Präsidentin der WFN, in einem Interview die Hintergründe und Schwierigkeiten, die ihre Organisation gehabt hat. Während unseres Gesprächs sind ihr die Frustration, aber auch die Trauer deutlich anzusehen.

Frau Sharma, die WFN hat zwei Versuche unternommen, die Genehmigung der nepalesischen Regierung für den Wiederaufbau von Dörfern mit jeweils ca. 60 Häusern und dazugehöriger Infrastruktur zu bekommen. Können Sie uns mehr Informationen über den Hintergrund der geplanten Projekte geben?

Wir haben bereits im September 2015 begonnen über den Wiederaufbau eines Dorfes nachzu­denken. Die Entscheidung fiel auf Ravi Opi im Distrikt Kavre, weil dieser Distrikt stark vom Erdbeben betroffen ist und die Erfahrungen mit den Dorfbewohnern während der Wiederaufbauphase sehr gut waren. Ravi Opi besteht aus 61 Häusern von denen 58 komplett zerstört oder unbewohnbar sind. Die Zukunftsstiftung Entwicklung sagte zu, das Projekt zu unterstützen.

Von Beginn an standen wir in einem regelmäßigen und kontinuierlichen Austausch mit den zuständigen Behörden und haben dann auch eine Genehmigung des lokalen Entwicklungskomitees des Distrikts und der nationalen Baubehörde erhalten, die zu der Zeit für alle Genehmigungen zuständig war. Später, im Februar 2016, wurde die „Nepal Reconstruction Authority“, die Nationale Wiederaufbaubehörde Nepals, eingerichtet und übernahm im Namen der Regierung die Verantwortung für den Wiederaufbau. Die Regeln und Auflagen änderten sich und wir verein­barten ein Treffen mit dem Sprecher der Wieder­aufbaubehörde, Dr. Bhishma Bhusal, um unseren Projektantrag zu präsentieren. Die klare Antwort war, dass unser Projekt gegen die Regeln der Behörde verstößt, da es nicht erlaubt ist, den Hausbau einer Familie mit mehr als 200.000 Nepali Rupees (ca. 1.700 Euro) zu unterstützen. Zudem sollten wir dem Projekt zusätzliche Komponenten hinzufügen.

Für uns, und für jede andere Organisation, war von Beginn an klar, dass es unmöglich ist, für diese Summe ein erdebensicheres Haus zu bauen. Selbst ein kleines, aber massives Haus mit zwei Zimmern und ca. 40 qm Grundfläche kostet mindestens 7.000 Euro, oft sogar mehr, wenn die Transportkosten hoch sind. Später hat die Wiederaufbaubehörde die Summe, die als Unterstützung erlaubt ist, auf 300.000 Nepali Rupees (ca. 2.500 Euro) angehoben, aber auch das ist eben noch viel zu wenig.

Wir wollten es nicht dabei belassen und hatten sogar ein Gespräch beim nepalesischen Premier­minister, bei dem wir unser Anliegen vorbringen konnten. Als sich nichts tat, haben wir einen erfahrenen Anwalt konsultiert, aber er machte uns keine Hoffnung, dass in einem Gerichtsfall zu unseren Gunsten entschieden würde und gegen die Regeln der Regierung.

Nachdem die Regierung in Nepal am 4. August 2016 wechselte, schien es als änderten sich die Auflagen der NRA und wir schöpften wieder Hoffnung. Wir überarbeiteten den Antrag für ein anderes Dorf mit dem Namen Badal Gaun. Es liegt auch im Kavre Distrikt. Aber im Prinzip wieder­holte sich nun die ganze Geschichte. Es gab mehrere Treffen mit Vertretern der Wiederauf­baubehörde und zu Beginn stimmten sie unserer Idee eines Modeldorfes zu. Wir bekamen wieder Hoffnung und vertrauten ihren Aussagen, aber schließlich machte uns der Chief Executive Officer der Wiederaufbaubehörde, Herr Govinda Pokharel, unmissverständlich klar, dass es bei der Summe von 300.000 Nepali Rupees als Unterstützung pro Haus bleibt. Wir haben dann noch einmal versucht die Kostenpläne zu überarbeiten, um möglicher­weise die Kosten zu senken, aber es ist einfach unmöglich, mit dieser Summe sinnvoll ein Haus zu bauen.

Und um ehrlich zu sein, Vertreter der Wiederaufbaubehörde selbst schlugen uns sogar vor, das Budget zu manipulieren und mehr Mittel für Gemeinschaftsbauten einzustellen, um diese später für den Bau von Privathäusern zu nutzen. So ein Vorgehen war für uns inakzeptabel, denn ohne schriftliche Zusage hätten sie uns im Nachhinein sehr leicht bestrafen können. (Die nepalesische Regierung darf das Eigentum von NRO einziehen, falls diese gegen nepalesisches Recht verstossen. Anm. der Red.)

Wenn Sie die Situation zusammenfassen, warum waren die Projekte nicht umsetzbar. Was waren die Gründe?

Der Hauptgrund ist wirklich, dass laut Regierungsvorgaben Nicht-Regierungsorganisationen den Wiederaufbau von privaten Häusern im Rahmen offizieller Projekte maximal mit 300.000 Nepali Rupees oder 2.500 Euro unterstützen dürfen. Mit dieser Summe ist es unmöglich ein vernünftiges Haus zu bauen oder man bleibt mitten im Bauprozess stecken, schafft das Fundament oder vielleicht ein bisschen mehr. Oder das neue Haus ist genauso schlecht wie das zuvor oder sogar schlechter. Das kann nicht unser Ansatz sein und ergibt auch keinen Sinn. Denn das hieße viel Geld auszugeben, obwohl wir wissen, dass kein sinnvolles Ergebnis erzielt werden kann.

Die Menschen dürfen zusätzlich zu der festgesetzten Summe private Kredite aufnehmen. Aber für die meisten Menschen, mit denen wir arbeiten, kommt dies nicht in Betracht, da sie diese Kredite nie abzahlen können und hohe Zinsen zahlen müssen.

Das heißt also, dass die WFN seit fast zwei Jahren an der Vorbereitung dieser Projekte arbeitet und sehr viel Zeit, Energie und Geld aufgewendet hat. Nun haben Sie entschieden, die Projekte nicht weiterzuverfolgen. Was brachte schlussendlich den Ausschlag für diese Entscheidung?

Wir haben jedes der beiden Dörfer, Ravi Opi und Badal Gaun, mindestens sieben- bis achtmal besucht. Abgesehen von der Zeit, die alle Beteiligten aufgewendet haben, sind auch hohe Kosten entstanden. Die Dörfer sind nicht leicht zu erreichen. Für jede Fahrt mussten wir einen Jeep mieten, was jedes Mal mehr als 9.000 Nepali Rupees kostete. Das ist fast der monatliche Mindestlohn für einen Regierungsange­stellten, der beträgt nämlich nur 11.000 Rupees. Allein für den Ingenieur, der die Pläne und die Kostenschätzung gemacht hat, haben wir mehr als 80.000 Nepali Rupees bezahlt.

Alles in allem haben wir von der ersten Idee bis zur endgültigen Entscheidung, das Projekt nicht weiter­zuverfolgen, 19 Monate daran gearbeitet – eine sehr lange, kräftezehrende und schließlich frustrierende Zeit. Keine realistische Chance mehr zu sehen, dass das Projekt sinnvoll umgesetzt werden kann, gab den endgültigen Ausschlag. Der WFN wurde ganz klar damit gedroht, dass wir unsere Registrierung als Organisation verlieren, wenn wir die Regeln nicht beachten und den Hausbau mit einer größeren Summe als 300.000 Nepali Rupees fördern. Wenn wir unsere Registrierung verlieren, riskieren wir nicht nur unsere ganzen Aktivitäten und die ganze Organisation, sondern die Regierung hat darüber hinaus das Recht all unser Vermögen einzuziehen.

Wie reagieren denn die anderen Organisationen? Gibt es denn überhaupt Organisationen in Nepal, die Wiederaufbaumaßnahmen privater Häuser in größerem Stil umsetzen?

Wir haben gehört, dass es Organisationen gibt, die Wiederaufbaumaßnahmen durchgeführt haben. Einige hatten ihr Projekt bereits beendet, bevor die Wiederaufbaubehörde ihre Arbeit richtig aufgenommen hatte, andere transferieren die Gelder ausschließlich auf privaten Wegen, z.B. mit Western Union. Wir wissen von einem Beispiel, da sind 800 Häuser auf diese Art und Weise gebaut worden. Die Wiederaufbaubehörde hat den Fall untersucht und konnte keine offizielle Finanzierung feststellen. Dies ist aber keine Möglichkeit für uns. Alle anderen Organisationen stehen somit vor den gleichen Problemen wie wir. Jeder versucht sein Bestes. Aber es ist kein Wunder, dass der Wiederaufbau so langsam vorangeht.

Was ist denn mit den Menschen in den Dörfern und wie geht es dir jetzt mit der Situation?

Für die Dorfbewohner ist die Situation die zweite Katastrophe, die sie durchmachen müssen. Viele Hoffnungen und hohe Erwartungen sind entstanden, in unserem Fall und vielen anderen Fällen auch. Und nun, nach Wochen und Monaten müssen die Menschen erkennen, dass es keine Hilfe geben wird. Die Menschen in Ravi Opi sprechen nicht mehr mit uns. Wir haben immer wieder versucht die Situation und Gründe zu erklären, aber in ihren Augen sind wir es, die sie enttäuscht haben. Das tut weh, das tut sehr, sehr weh. Zu sehen wie die Menschen leiden, wie sie noch immer in Notunterkünften und Zelten leben und hilflos zu sein, obwohl eine Lösung möglich wäre, ist kaum zu ertragen.

Nach all dem, was denken Sie, wie wird sich die Situation in Sachen Wiederaufbau in Nepal weiter entwickeln?

Die meisten haben die erste Rate von 50.000 Nepali Rupees (ca. 430 Euro) als Unterstützung von der Regierung genommen. Aber auch sie wissen, dass sie mit der Summe von 300.000 Nepali Rupees kein Haus bauen können. Also haben nur wenige das Geld tatsächlich für den Hausbau verwendet. Die meisten haben damit andere wichtige Dinge für ihr Leben und Überleben gekauft – Lebensmittel oder Kleidung. Das heißt, sie werden auch keine zweite Rate mehr bekommen.

Wenige haben bereits ein neues Haus und diejenigen, die ohnehin genug Geld haben, sind nicht von der Unterstützung der Regierung abhängig. Sie bauen sowieso ein neues Haus. Der große Rest baut die eigenen Häuser so gut auf, wie es eben geht, aber sicher keine besseren als zuvor. Oder die Menschen bleiben für viele, viele Jahre in den Notunterkünften. Ich denke, dass die ganze Situation wird die Lücke zwischen arm und reich in Nepal noch zusätzlich vergrößern.

Wir als WFN werden versuchen andere Wege zu finden, um den Wiederaufbau voranzubringen – nicht den Bau von privaten Häusern. Aber durch die Förderung von Einkommen schaffenden Maßnahmen für die Menschen.

Frau Sharma, danke für das Interview und Ihre Offenheit.

Das Interview führte Dr. Dorit Battermann im Auftrag der Zukunftsstiftung Entwicklung. Frau Dorit Battermann ist freiberufliche Trainerin und Projektbegleiterin. Sie arbeitete von 1997-2003 in Nepal und engagiert sich seitdem ehrenamtlich für das Land.

Die Women‘s Foundation Nepal (WFN) ist die größte Partnerorganisation der Zukunftsstiftung Entwicklung in Nepal. Sie hat über 11.000 Frauen als Mitglieder und ist in 14 der 75 Distrikte Nepals präsent. Sie organisiert Kampagnen und Lobbyarbeit zu Frauenrechten und bietet unter anderem Rechtsbeistand, Beratung und Ausbildung sowie Zuflucht für Frauen, die Opfer von Gewalt wurden. Die Womens Foundation unterhält ein Frauen- und Kinderhaus. Um eigene Mittel zu erwirtschaften betreibt die Womens Foundation zudem ein Textilproduktionszentrum und eine organische Farm. Schals der Womens Foundation können Sie in Deutschland über: maheela germany beziehen.

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