KENIA - NOTHILFEAUFRUF

Die biblische Plage - Heuschreckenschwärme im Norden Kenias


Neben der Coronakrise, die weiterhin für große Einschränkungen sorgt, wurde Ostafrika im Jahr 2020 und in den ersten Monaten des Jahres 2021 von der größten Heuschreckenplage seit 70 Jahren heimgesucht. In der nordkenianischen Region Tharaka arbeitet die Zukunftsstiftung Entwicklung mit der Organisation SAPAD zusammen. Tausende Familien im Tätigkeitsgebiet der Organisation haben seit 2020 mehrfach ihre gesamten Ernten verloren und sind akut von Hunger betroffen. Inzwischen gibt es nur noch vereinzelt kleinere Schwärme. Allerdings waren die letzten sieben Monate von großer Trockenheit geprägt.  Die Schäden durch die Heuschrecken, zusammengenommen mit der Dürre führte zu großen Einbußen und teilweise zum Totalausfall von Ernten. Deshalb ist die Ernährungslage in Großteilen von Kenia derzeit äußerst angespannt.

Update (Juli 2021): Monatelange Kontrolle und Bekämpfung der Heuschrecken zeigten schlussendlich Wirkung, sodass es Mitte Mai 2021 laut der FAO keine Heuschrecken mehr in Kenia gab (UNICEF Kenya Mid-Year Humanitarian Situation Report). Zudem schränkten unterdurchschnittliche Regenfälle in den Frühlingsmonaten die Reproduktion der Heuschrecken ein. Die FAO prognostiziert, dass es mindestens bis August keine neuen gravierenden Entwicklungen geben wird, unter anderem, da die beginnende Dürreperiode Entwicklung und Fortpflanzung der Heuschrecken einschränkt. In den Nachbarländern Äthiopien und Somalia gibt es allerdings weiterhin neue Schwärme.

Die Heuschreckenschwärme kamen ursprünglich aus dem Jemen, wo sie sich ungestört vermehrten, da es inmitten des Bürgerkriegs nicht möglich schien, sie zu bekämpfen. Nach Jahren der Trockenheit hatten langanhaltende Regenfälle die explosionsartige Vermehrung der Insekten und ihr Ausschwärmen verursacht. Die Heuschrecken konzentrierten sich in den Wüsten im Nordosten Kenias, und schwärmten von dort bei günstigem Wind in die fruchtbaren Gebiete der Kleinbäuer*innen – u.a. in die Region Tharaka. Mit Stöcken, geschwenkten Tüchern, lautem Klopfen auf Töpfe und Pfannen und stark qualmenden Schwelbränden versuchten die Menschen vergeblich, die Schwärme von ihren Feldern fernzuhalten.

In der Region Tharaka leben die Menschen hauptsächlich von Viehzucht und Ackerbau in Subsistenzwirtschaft, wodurch sie der Heuschreckenbefall besonders traf. Aufatmen können die Kleinbäuer*innen jedoch immer noch nicht. Bereits die letzten Monate waren in vielen Regionen Kenias von unterdurchschnittlichen Regenfällen gekennzeichnet, und Prognosen zufolge wird sich dieser Trend auch in den kommenden Monaten fortsetzen. Besonders vulnerabel sind die ariden und semi-ariden Regionen, die 80% des Landes einnehmen und 36% der Bevölkerung beherbergen und zu denen auch Tharaka-Nithi gehört. Zunächst von Heuschreckenschwärmen befallen waren die Weiden und das Grasland bereits in schlechtem Zustand, der sich durch die ausbleibenden Regenfälle weiter verschlimmert hat. Das Vieh findet nicht genug Futter. Dies betrifft besonders die Hirtenvölker. Auch die Wege zu Wasserquellen werden länger, und die Wasserpreise sind in den Gebieten um 40% gestiegen. Jetzt beginnt zudem die Trockenzeit. Um eine drohende Hungerkatastrophe zu verhindern, ist weiteres Handeln notwendig: rund 2 Millionen Menschen in Kenia leben in akuter Ernährungsunsicherheit und sind somit auf entsprechende Nothilfe angewiesen sind.

Eine fliegende Apokalypse

Ein Schwarm der Wüstenheuschrecken besteht aus bis zu 150 Mio. Insekten pro Quadratkilometer. Ein Quadratkilometer Heuschrecken vernichtet täglich so viel Nahrung wie 35.000 Menschen pro Tag zum Leben brauchen. Die Schwärme sind teilweise tausende von Quadratkilometern groß. Es war Kenias schlimmster Heuschreckenbefall seit 70 Jahren. Pflanzen und Bäume wurden komplett abgefressen. Die desolate wirtschaftliche Situation im Zuge der Corona-Pandemie verschärft die schwierige Lage der Menschen vor Ort.

Hochgiftige Pestizide als einzige Lösung gegen die Heuschreckenschwärme?

Die kenianische Regierung bekämpfte die Heuschrecken mit Pestiziden, die aus der Luft versprüht werden. Die FAO bildete zudem 500 Freiwillige aus, die am Boden Pestizide sprühen sollten. Die Chemikalien, die für die Eindämmung der Heuschreckenplage verwendet wurden, sind teils hoch toxisch und aus diesem Grund in der EU nicht zugelassen. Berichten zufolge wurden u.a. Chemikalien wie Chlorpyrifos, Teflubenzuron oder Deltamethrin zur Bekämpfung der Plage verwendet. Chlorpyrifos etwa wird in Deutschland bereits seit 2009 als Wirkstoff nicht mehr vertrieben und ist seit 2020 in der EU nicht mehr zugelassen. Er steht unter Verdacht, Hirn- und Entwicklungsschäden bei Kindern zu verursachen. 

Von unseren Partnern erreichen uns Nachrichten von Vogelsterben, Bienensterben, und sogar erkranktem und sterbendem Vieh aus den besprühten Gebieten. Die Insektizide wurden von offizieller Seite auch in Gallonen an die Bäuer*innen verteilt. Sie werden dann ohne Schutzkleidung oder richtiges Equipment auf den Feldern ausgebracht.

SAPAD und SACDEP– zwei Hilfsorganisationen vor Ort

SAPAD konnte bisher – dank zahlreicher Spenden – 2.093 stark betroffene Familien über Monate mit Lebensmitteln versorgen. Jede Familie erhielt ca. 45 kg Mais, 13 kg Bohnen und 2 Liter Öl. Davon sind die begünstigten Familien jeweils ca. einen Monat lang versorgt. Die Verteilaktionen wurden außerdem zur Aufklärung zu Maßnahmen der Heuschreckenbekämpfung und Maßnahmen zur Eindämmung der Covid-19 Pandemie genutzt. SAPAD musste die Lebensmittel in rund 400 Kilometern Entfernung einkaufen, da die Preise in Tharaka selber unglaublich hochgeschnellt waren. Darüber hinaus verteilte SAPAD lokales, samenfestes und dürreresistentes Saatgut an 2.262 Haushalte, welches zur Ernährungssicherheit der Familien beitragen soll, da es besonders gut an die lokalen Bedingungen angepasst ist. Der Großteil der Bewohner*innen war dringend auf dieses Saatgut angewiesen, da die Heuschrecken alle vorherigen Ernten zerstört hatten. Es wird sich nun zeigen, ob die nächste Ernte erfolgversprechend sein wird, jedoch ist davon auszugehen, dass sie aufgrund der Trockenperiode gering ausfallen wird.

SACDEP bildet aktuell Trainer*innen aus, die Bäuerinnen und Bauern beraten, wie sie ihre Lebensgrundlage nach einer Heuschreckeninvasion zügig wiederaufbauen können. Diese Trainer*innen werden außerdem als wichtige Informationspersonen bezüglich neuer Entwicklungen und Vorhersagen agieren. Als weitere Informationsquelle nutzt SACDEP SMS, die an Bäuerinnen und Bauern verschickt werden. Außerdem wird Wissen über Radiosendungen und Flyer vermittelt. Hier geht es vor allem um Frühwarnung, um das Erkennen der Heuschrecken, um Kontakte, die bei Antreffen von Schwärmen zu informieren sind und über erste Maßnahmen, die ergriffen werden können, wenn Land von den Tieren befallen wird.

Praktische Solidarität

Bei der Verteilung der Lebensmittel und des Saatguts kamen oft viele weitere Menschen hinzu, die nicht über SAPAD gelistet waren. Die Menschen gingen dazu über, untereinander die zur Verfügung stehenden Nahrungsmittel zu teilen. Dies ist die einzige Unterstützung, die die Menschen in der Region bisher erhalten haben.

Die Familien, aber auch die lokale Regierung, sind unendlich dankbar über die Unterstützung. Es ist jedoch nur ein kleiner Schritt: Tausende Familien im Distrikt sind akut von Hunger betroffen, und auch aus den Nachbardistrikten erreichen SAPAD immer mehr Hilfsgesuche.

Um der Katastrophe weiter entgegenwirken zu können, bitten wir um Spenden für Lebensmittel und Saatgut. Darüber hinaus möchten wir das BIBA- Kenyan Biodiversity Network dabei unterstützen, dass in Kenia im Kampf gegen die Heuschrecken keine Chemikalien eingesetzt werden, die in Europa bereits verboten sind.

Die Familien benötigen Saatgut, um die nächste Ernte ausbringen zu können, außerdem möchte SAPAD sie technisch unterstützen, um ihren Anbau besser an die Dürrebedingungen anzupassen. Auch fehlt es an Nahrungsmitteln für weitere Monate, bis zu einer Ernte, die ihnen erhalten bleibt.

Um eine Familie einen Monat lang mit Grundnahrungsmitteln (Mais, Bohnen, Öl) versorgen zu können, benötigen wir 55 Euro an Spendengeldern. Ein Paket Saatgut kostet 3,80 Euro inklusive einer Trainingseinheit zum Anbau.

 Spenden Sie jetzt