KENIA - NOTHILFEAUFRUF

Die biblische Plage - Heuschreckenschwärme im Norden Kenias

Update 26.08.2020

Neben der Coronakrise, die die Region weiterhin in Atem hält, wird Ostafrika gleichzeitig von einer gewaltigen Heuschreckenplage heimgesucht, die im Januar 2020 begann und sich seitdem exponentiell entwickelt. In der nordkenianischen Region Tharaka arbeitet die Zukunftsstiftung Entwicklung mit der Organisation SAPAD zusammen. 4.500 Familien im Tätigkeitsgebiet der Organisation haben ihre gesamten Ernten an die Heuschrecken verloren und sind akut von Hunger betroffen.

Die Heuschreckenschwärme kamen ursprünglich aus dem Jemen, wo sie sich ungestört vermehrten, da es inmitten des Bürgerkriegs nicht möglich schien, sie zu bekämpfen. Nach Jahren der Trockenheit haben lang anhaltende Regenfälle die explosionsartige Vermehrung der Insekten und ihr Ausschwärmen verursacht. Die Heuschrecken konzentrierten sich in den Wüsten im Nordosten Kenias, und schwärmen von dort bei günstigem Wind in die fruchtbaren Gebiete der Kleinbäuer*innen - u.a. in die Region Tharaka. Mit Stöcken, geschwenkten Tüchern, lautem Klopfen auf Töpfe und Pfannen und stark qualmenden Schwelbränden versuchen die Menschen vergeblich, die Schwärme von ihren Feldern fernzuhalten.

In der Region leben die Menschen hauptsächlich von Viehzucht und Ackerbau in  Subsistenzwirtschaft, wodurch sie der Heuschreckenbefall besonders trifft. Dreimal haben die Kleinbäuer*innen seit Januar ausgesät – dreimal wurde die Ernte vernichtet. Die erste Aussaat fiel dem starken Regen und den ersten Heuschrecken im Januar zum Opfer, die zweite den geschlüpften Nymphen im März. Anfang Juni ist die dritte Aussaat vertrocknet.

Basierend auf Wetterberechnungen und Windbewegungen erwartet Kenia nach Angaben der FAO neue Schwärme in den Monaten Oktober und November. Kenia setzt daher Vorbereitungen fort, um mit den neuen Wüstenheuschreckenschwärmen und den Auswirkungen der Invasion umzugehen. Seitens der kenianischen Regierung gibt es Pläne, weitere Jugendliche auszubilden, um bei der Bekämpfung der Heuschrecken zu helfen. Allerdings gibt es derzeit keine Pläne für die Bereitstellung von Hilfen oder Entschädigung für betroffene Landwirte.

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Eine fliegende Apokalypse

Ein Schwarm der Wüstenheuschrecken besteht aus bis zu 150 Mio. Insekten pro Quadratkilometer. Ein Quadratkilometer Heuschrecken vernichtet täglich so viel Nahrung wie 35.000 Menschen pro Tag zum Leben brauchen. Die Schwärme sind teilweise tausende von Quadratkilometern groß. Es ist schon jetzt Kenias schlimmster Heuschreckenbefall seit 70 Jahren. Pflanzen und Bäume werden komplett abgefressen. Das verstärkt die bereits vorher unsichere Ernährungssituation vieler Menschen in der Region, die in den letzten Jahren mit widerkehrenden Dürren kämpfen mussten. Die desolate wirtschaftliche Situation im Zuge der Corona-Pandemie verschärft die desolate Lage der Menschen vor Ort.

Wegen der Verzwanzigfachung der Schwärme alle drei Monate wird davon ausgegangen, dass die Schwärme 400-mal so groß wie noch zu Anfang des Jahres sein werden. Es wird befürchtet, dass von einer Plage biblischen Ausmaßes gesprochen werden muss. Sollten sich mehrere Schwärme in unüberschaubaren Ausmaß in komplett unterschiedlichen Region verbreiten und vermehren, könnte eine solche Plage jahrelang andauern. Bereits jetzt sind auch Teile Ugandas, des Jemen, Gebiete des mittleren Ostens und Pakistands betroffen.

Diese explosionsartige Vermehrung der Wüstenheuschrecken ist auch durch den Klimawandel begünstigt. Denn die ungewöhnlichen massiven Regenfälle in den vorangegangenen Monaten, kombiniert mit hohen Temperaturen, haben den Wüstenheuschrecken ideale Bedingungen für ihre Vermehrung geboten.

Hochgiftige Pestizide als einzige Lösung gegen die Heuschreckenschwärme?

Die kenianische Regierung bekämpft die Schwärme mit Pestiziden, die aus der Luft versprüht werden. Jedoch stehen mehreren Berichten zufolge nur fünf Sprühflugzeuge zur Verfügung. Die Wartezeiten sind dementsprechend lang, wenn eine Region betroffen wird. Zudem ist die Beschaffung der Pestizide durch Corona-bedingte Grenzschließungen kompliziert geworden.

Die FAO bildet derzeit 500 Freiwillige aus, die Pestizide sprühen sollen. Als Bodenteams sollen die jungen Männer ausschwärmen und Heuschrecken bekämpfen. Allerdings ist diese Aufgabe selbst mit Hubschraubern und Flugzeugen äußerst schwierig zu bewältigen, denn ein Schwarm kann bei günstigem Wind bis zu 150km an einem Tag zurücklegen.

Die Chemikalien, die für die Eindämmung der Heuschreckenplage verwendet werden, sind teils hoch toxisch und aus diesem Grund in der EU nicht zugelassen. Berichten zufolge werden u.a. Chemikalien wie Chlorpyrifos, Teflubenzuron oder Deltamethrin zur Bekämpfung der Plage verwendet. Chlorpyrifos wird in Deutschland bereits seit 2009 als Wirkstoff nicht mehr vertrieben und ist seit 2020 in der EU nicht mehr zugelassen. Er steht unter Verdacht, Hirn- und Entwicklungsschäden bei Kindern zu verursachen.  

Von unseren Partnern erreichen uns Nachrichten von Vogelsterben, Bienensterben, und sogar sterbendem Vieh aus den besprühten Gebieten. Die Insektizide wurden von offizieller Seite auch in Galeonen an die Bäuer*innen verteilt. Sie werden dann ohne Schutzkleidung oder richtiges Equipment auf den Feldern ausgebracht. Die Lage der Viehhirten ist besonders dramatisch. Das Futter ihres Viehs wurde durch die Heuschrecken vernichtet. Wegen der eingesetzten Chemikalien wird das Vieh schwer krank oder stirbt. Die Hirten wurden zwar gewarnt, die besprühten Flächen für vier Wochen zu meiden. Es ist jedoch eine ausweglose Situation: Wenn sie die Tiere nicht verhungern lassen wollen, müssen sie sie auf die behandelten Flächen lassen.  Wegen Corona haben sie weder Zugang zu Tierärzten, noch können sie die Tiere in der Not verkaufen. Die Viehmärkte sind weiterhin als Corona-Maßnahme geschlossen.

SAPAD – bis dato die einzige Hilfsorganisation vor Ort

Diese allgemeine Hungersnot beginnt als stille Katastrophe, überlagert von den Nachrichten zu Corona. Sie breitet sich in Tharaka und am Horn von Afrika aus. SAPAD konnte bisher - dank zahlreicher Spenden - 1.142 stark betroffene Familien über Wochen mit Lebensmitteln versorgen. Insgesamt gab es 22 Verteilaktionen in Tharaka. Jede Famile erhielt ca. 48 kg Mais, 12 kg Bohnen und 2 Liter Koch-Öl. Davon sind die begünstigten Familien jeweils ca. 1 Monat lang versorgt. Die Verteilaktion wurde außerdem zur Aufklärung zu Maßnahmen der Heuschreckenbekämpfung und Maßnahmen zur Eindämmung der Covid-19 Pandemie genutzt. Dabei besorgte SAPAD Lebensmittel hauptsächlich aus Meru, einem County, das von der Heuschreckeninvasion weniger betroffen ist und in dem es ausreichend Regen gab.

Praktische Solidarität

Bei der Verteilung der Lebensmittel kamen oft viele weitere Menschen hinzu, die nicht über SAPAD gelistet waren. Die Menschen gingen dazu über, untereinander die zur Verfügung stehenden Nahrungsmittel zu teilen. Dies ist die einzige Unterstützung, die die Menschen in der Region bisher erhalten haben.

Die Familien, aber auch die lokale Regierung, sind unendlich dankbar über die Unterstützung. Es ist jedoch erst ein Anfang. Rund 4.500 Familien im Distrikt sind akut von Hunger betroffen. Auch Informationen über den richtigen und sorgfältigen Umgang mit den Pestiziden zur Bekämpfung der Heuschrecken wurden von SAPAD weitergegeben. Mehr als 100.000 Menschen wurden mit diesen Informationen auf unterschiedlichsten Wegen erreicht.
Die aktuell größte Sorge, die auch das Gebiet treffen wird, ist ein Viehsterben aufgrund mangelnder Weidefläche. Die Heuschrecken, Nymphen und jetzt die Dürre haben riesige Weideflächen vernichtet.

Um der sich anbahnenden Katastrophe akut entgegenwirken zu können, bitten wir um Spenden für Nahrungsmittelhilfe und Saatgut. Darüber hinaus möchten wir das BIBA- Kenyan Biodiversity Network dabei unterstützen, dass in Kenia im Kampf gegen die Heuschrecken keine Chemikalien eingesetzt werden, die in Europa bereits verboten sind. 

Die Familien benötigen Nahrungsmittel für mindestens drei weitere Monate, bis zur nächsten Regenzeit, in der sie pflanzen können. Sie benötigen Tierfutter, um ihre hungernden Herden durchzubringen. Dann fehlt es an Saatgut, um überhaupt in der nächsten Regenzeit etwas anbauen zu können.

Um 2.000 Familien einen Monat lang mit Grundnahrungsmitteln (Mais, Bohnen, Öl) versorgen zu können, benötigen wir 110.000 Euro an Spendengeldern. Pro Familie und Monat sind es 55 Euro für 60 Kilo Mais, 20 Kilo Bohnen und drei Liter Öl.

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Das obenstehende Video zeigt Farmer in Tharaka, die versuchen ihre Ernte vor den Heuschrecken zu schützen.

Bildunterschriften:

1. Das feucht-warme Klima befördert die Fortpflanzung der Heuschrecken enorm

2. Eine vernichtete Bohnenernte

3 u. 4. SAPAD bei der Verteilung der Lebensmittelpakete