KENIA - NOTHILFEAUFRUF

Die biblische Plage - Heuschreckenschwärme im Norden Kenias

Neben der Coronakrise, die die Region weiterhin in Atem hält, wird Ostafrika parallel von einer gewaltigen Heuschreckenplage heimgesucht, die im Januar begann und sich seitdem exponentiell entwickelt. In der nordkenianischen Region Tharaka arbeitet die Zukunftsstiftung Entwicklung mit der Organisation SAPAD zusammen. 4.500 Familien im Tätigkeitsgebiet der Organisation haben ihre gesamten Ernten an die Heuschrecken verloren und sind akut von Hunger betroffen.

Die Heuschreckenschwärme kamen ursprünglich aus dem Jemen, wo sie sich ungestört vermehrten, da es inmitten des Bürgerkriegs nicht möglich war, die Pest zu bekämpfen. Langanhaltende Regenfälle haben – nach Jahren der Trockenheit – die explosionsartige Vermehrung der Insekten und ihr Ausschwärmen verursacht. Sie konzentrieren sich in den Wüsten im Nordosten Kenias, und schwärmen von dort bei günstigem Wind in die fruchtbaren Gebiete der Kleinbäuer*innen in der Region Tharaka. Mit Stöcken, geschwenkten Tüchern, lautem Klopfen auf Töpfe und Pfannen und stark qualmenden Schwelbränden versuchen die Menschen vergeblich, die Schwärme von ihren Feldern fernzuhalten.

In der Region leben die Menschen hauptsächlich von Viehzucht und Ackerbau in Subsistenzwirtschaft, wodurch sie der Heuschreckenbefall besonders trifft. Dreimal haben die Kleinbäuer*innen seit Januar ausgesät – dreimal wurde die Ernte vernichtet. Die erste Aussaat fiel dem starken Regen und den ersten Heuschrecken im Januar zum Opfer, die zweite den geschlüpften Nymphen im März. Nun ist Anfang Juni das, was von der dritten Aussaat auf den Feldern von den Heuschrecken übrig war, vertrocknet. Für Juli wird bereits die Ankunft der dritten Generation in Tharaka erwartet.

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Eine fliegende Apokalypse

Ein Schwarm der Wüstenheuschrecken besteht aus bis zu 150 Mio. Insekten pro Quadratkilometer. Ein Quadratkilometer Heuschrecken kann dabei pro Tag so viel Nahrung vernichten, wie 35.000 Menschen pro Tag zum Leben brauchen – und die Schwärme sind teilweise tausende von Quadratkilometern groß. Es ist schon jetzt Kenias schlimmster Heuschreckenbefall seit 70 Jahren. Pflanzen und Bäume werden komplett abgefressen. Das verstärkt die bereits vorher unsichere Ernährungssituation vieler Menschen in der Region, die in den letzten Jahren mit widerkehrenden Dürren kämpfen mussten. Auch Uganda befindet sich in Alarmbereitschaft und rechnet täglich mit einem Eintreffen der Schwärme.

Momentan befinden sich die Gruppen der dritten Generation junger Heuschrecken in einer Phase des „Anschwellens“. In dieser Phase sind sie am gefräßigsten, aber noch nicht flugfähig. Im Juli wird die erwachsene, flugfähige Generation der Heuschrecken in Tharaka erwartet. Wegen der Verzwanzigfachung der Schwärme alle drei Monate wird davon ausgegangen, dass die Schwärme 400-mal so groß wie noch zu Anfang des Jahres sein werden. Es wird befürchtet, dass nun wahrhaftig von einer Plage biblischen Ausmaßes gesprochen werden muss. Sollten sich mehrere Schwärme in unüberschaubaren Ausmaß in komplett unterschiedlichen Region verbreiten und vermehren, könnte eine solche Plage jahrelang andauern. Bereits jetzt sind auch der mittlere Osten und Pakistan betroffen.

In dieser Grafik der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) bilden die blauen Punkte die jungen Heuschreckengruppen ab. Innerhalb des nächsten Monats werden sich diese Gruppen in flugfähige, stark schädigende Schwärme entwickeln.

Diese explosionsartige Vermehrung der Wüstenheuschrecken ist auch durch den Klimawandel begünstigt. Denn die ungewöhnlichen massiven Regenfälle in den vorangegangenen Monaten, kombiniert mit hohen Temperaturen, haben den Wüstenheuschrecken ideale Bedingungen für ihre Vermehrung geboten.

Hochgiftige Pestizide als einzige Lösung gegen die Heuschreckenschwärme?

Die kenianische Regierung bekämpft die Schwärme mit Pestiziden, die aus der Luft versprüht werden. Jedoch stehen mehreren Berichten zufolge nur fünf Sprühflugzeuge überhaupt zur Verfügung. Die Wartezeiten sind dementsprechend lang, wenn eine Region betroffen wird. Zudem ist die Beschaffung der Pestizide durch Corona-bedingte Grenzschließungen kompliziert worden.

Die FAO bildet derzeit 500 Freiwillige aus, die Pestizide sprühen sollen. Als Bodenteams sollen die jungen Männer ausschwärmen und Heuschrecken bekämpfen. Allerdings ist diese Aufgabe selbst mit Hubschraubern und Flugzeugen äußerst schwierig zu bewältigen, denn ein Schwarm kann bei günstigem Wind bis zu 150km an einem Tag zurücklegen.

Die Chemikalien, die für die Eindämmung der Heuschreckenplage verwendet werden, sind teils hoch toxisch und aus diesem Grund in der EU nicht zugelassen. Berichten zufolge werden u.a. Chemikalien wie Chlorpyrifos, Teflubenzuron oder Deltamethrin zur Bekämpfung der Plage verwendet. Chlorpyrifos wird in Deutschland bereits seit 2009 als Wirkstoff nicht mehr vertrieben und ist seit 2020 in der EU nicht mehr zugelassen. Er steht unter Verdacht, Hirn- und Entwicklungsschäden bei Kindern zu verursachen.  

Von unseren Partnern erreichen uns Nachrichten von Vogelsterben, Bienensterben, und sogar sterbendem Vieh aus den besprühten Gebieten. Die Insektizide wurden von offizieller Seite auch in Galeonen an die Bäuer*innen verteilt. Sie werden dann ohne Schutzkleidung oder richtiges Equipment auf den Feldern ausgebracht. Die Lage der Viehhirten ist besonders dramatisch. Das Futter ihres Viehs wurde durch die Heuschrecken vernichtet. Wegen der eingesetzten Chemikalien wird das Vieh schwer krank oder stirbt. Die Hirten wurden zwar gewarnt, die besprühten Flächen für vier Wochen zu meiden. Es ist jedoch eine ausweglose Situation: Wenn sie die Tiere nicht verhungern lassen wollen, müssen sie sie auf die behandelten Flächen lassen.  Wegen Corona haben sie weder Zugang zu Tierärzten, noch können sie die Tiere in der Not verkaufen. Die Viehmärkte sind weiterhin als Corona-Maßnahme geschlossen.

SAPAD – bis dato die einzige Hilfsorganisation vor Ort

Diese allgemeine Hungersnot beginnt als stille Katastrophe, überlagert von den Nachrichten zu Corona. Sie breitet sich in Tharaka und am Horn von Afrika aus. SAPAD konnte bisher - dank zahlreicher Spenden - 256 stark betroffene Familien mit Lebensmitteln versorgen. Dies ist die erste und einzige Unterstützung, die die Menschen in der Region bisher erhalten haben.

Die 256 Familien, aber auch die lokale Regierung, sind unendlich dankbar über die Unterstützung. Es ist jedoch erst ein Anfang. Rund 4.500 Familien im Distrikt sind akut von Hunger betroffen.

Um der sich anbahnenden Katastrophe akut entgegenwirken zu können, bitten wir um Spenden für Nahrungsmittelhilfe und Saatgut. Darüber hinaus möchten wir das BIBA- Kenyan Biodiversity Network dabei unterstützen, dass in Kenia im Kampf gegen die Heuschrecken keine Chemikalien eingesetzt werden, die in Europa bereits verboten sind. 

Die Familien benötigen Nahrungsmittel für mindestens drei Monate, bis zur nächsten Regenzeit, in der sie pflanzen können. Sie benötigen Tierfutter, um ihre hungernden Herden durchzubringen. Dann fehlt es an Saatgut, um überhaupt in der nächsten Regenzeit etwas anbauen zu können.

Um 2.000 Familien einen Monat lang mit Grundnahrungsmitteln (Mais, Bohnen, Öl) versorgen zu können, benötigen wir 110.000 Euro an Spendengeldern. Pro Familie und Monat sind es 55 Euro für 60 Kilo Mais, 20 Kilo Bohnen und drei Liter Öl.

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Das obenstehende Video zeigt Farmer in Tharaka, die versuchen ihre Ernte vor den Heuschrecken zu schützen.

Bildunterschriften:

1. Das feucht-warme Klima befördert die Fortpflanzung der Heuschrecken enorm

2. Eine vernichtete Bohnenernte

3. Die Grafik der FAO zeigt die Bewegung der Heuschrecken in Ostafrika

4. SAPAD bei der Verteilung der Lebensmittelpakete