In memoriam an Eliud Ngunjiri

Eliud Kihoro Ngunjiri - Gründer, Spiritus Rector von Ressources Oriented Development Initiative, RODI Kenya (1999)

Ich möchte von Eliud Ngunjiri erzählen.
Viele Stunden habe ich mit ihm auf den schlechten Straßen von Kenia verbracht. Auf der Reise zu Gefängnissen in Kenia.

Short term prisons, medium term prisions and long term or high security prisons. In den letzten 15 Jahren habe ich an seiner Seite viele Gefängnisse gesehen.
Gefängnisse sind überall schrecklich – mehr noch in einem Land, das kaum Geld für die Versorgung „normaler“ Bürger*innen aufbringt – weniger noch für die, die hinter Gitter sortiert werden.
Als ich kenianische Gefängnisse kennenlernte, empfand ich sie als grauenvoll, menschenverachtend, brutal.
Eliud war in allen kenianischen Gefängnissen Zuhause.

Das erste Mal besuchte ich 2006 ein Gefängnis in Kenia. Es war das Thika Short and Medium term Women Prison. Schon 500 Meter bevor wir die Außenmauern des Gefängnisses erreichten, verschlug es mir den Atem ob des Gestanks von Krankheit, Angst, altem Schweiß, Exkrementen und Unsauberkeit. Die Gefangenen steckten in den Uniformen gleich denen deutscher Konzentrationslager.

Es gibt diese Momente, in denen Menschen wie Zombies behandelt und getrieben werden, die bewirken dass ich vor Ohnmacht, eigener Hilflosigkeit, Trauer und Wut innerlich absterbe. All das kam bei meinem ersten Besuch eines Gefängnisses in Kenia zusammen.

Während ich um Fassung rang, feierte Eliud diesen Moment. Dieser Besuch war einer der ersten in der von der Regierung sehr, sehr zaghaft gewährten Öffnung des Zugangs zu Gefängnissen.

Eliud kam aus einer Familie, in der die Mutter versuchte, die zahlreichen Kinder über die Runden zu bringen. Auf die Herstellung von Home brews - selbst gemachten Schnaps oder Bier - steht Gefängnisstrafe. Das gilt bis heute. Damals hatten nur internationale Konzerne die Lizenz zur Alkoholproduktion.
Eliuds Mutter kam ins Gefängnis, als sie Bier braute, um ihre Kinder durch zu bringen. Wie sie waren und sind die allermeisten Menschen in kenianischen Gefängnissen Armutsgefangene.

Eliud erreichte mit seiner Organisation RODI die Umsetzung der open-door-Politik in kenianischen Gefängnissen. Schulungen im organischen Landbau führten zur Ausbildung Tausender und zur Selbstversorgung der Gefängnisse. Das Essen der Gefangenen besserte sich. Die Gefängnisse produzieren heute genug, um auch zu verkaufen.
Die Gefangenen können Schulungen zu Hygiene, der Produktion von Seifen, Shampoos, Waschmittel, Desinfektionsmittel durchlaufen. Heute stinkt kein Gefängnis mehr.
Die Gefangenen erlernen den Wassertankbau, um Wasser sammeln zu können, die Tierzucht und -haltung, die Reproduktion von Saatgut.
Sie produzieren Marmeladen, Gebäck, Snacks für den Verkauf oder Schuhe.
Sie werden zu „ressource persons“.

Ein Gefangener sagte einmal bei einer Abschlusszeremonie nach erfolgreich absolvierten Kursen zu mir: „Wenn mich die Menschen nach meiner Entlassung fragen, wo ich die zwei Jahre war, sage ich, auf der Akademie. Ich habe hier so viel gelernt, wie nie zuvor.“

Dieses Wissen, die Zertifikate, geben den Gefangenen die Chance, bei ihrer Freilassung das Stigma aus Zurückweisung und Armut zu durchbrechen und damit den Zirkel von Armut und Kriminalität.
Menschen, die die Kurse von RODI durchlaufen, werden nur zu 4% rückfällig. Bei anderen liegt die Quote über 50%.

Alle kenianischen Gefängnisse wurden für RODI geöffnet.
Selbst die Wärter wollen an den Kursen teilnehmen. So veränderte sich sukzessive das menschenverachtende Klima in den Gefängnissen. Ich habe Direktoren kennen gelernt, die offensiv versuchen, Mitmenschlichkeit hinter den Mauern umzusetzen.

Tausende Menschen verdanken Eliud Kihoro Ngunjiri einen Neustart in ihrem Leben. Er half ihnen dabei, in ihren Gemeinden als „agents of change“ Ansätze für ein Leben in Würde umzusetzen.

Die nächsten Ziele richteten sich auf die Ausweitung der Arbeit in den Nachbarländern Tansania und Uganda.

Heute, am 9.3.2021, ist Eliud Ngunjiri in der Universitätsklinik Jomo Kenyatta an COVID 19 gestorben.

Wir verlieren einen herausragenden Partner, einen geschätzten Freund, einen Motivator und Spiritus Rector. Kenia verliert einen großen Praktiker der Menschenrechte, einen stillen Revolutionär, einen großartigen Menschen.
Es zählt zu seinen großen Hinterlassenschaften, dass er in seiner Organisation, RODI, starke Menschen mit großer Ausstrahlung versammelt hat, die sehr gut in der Lage sind, sein Werk weiterzuführen. Wir als Zukunftsstiftung Entwicklung werden dazu weiterhin beitragen.

Annette Massmann