KENIA: ALLE VERÄNDERUNGEN BEGINNEN IM KOPF

Gemeindeland sichert Überleben

Die Massai-Gemeinden in Kajiado ringen um den Erhalt

Im Januar 2018 startete nach langer Vorarbeit das Projekt der Massai-Modellfarmen. Ziel ist, dass Massai-Gemeinden in Kajiado ihre natürlichen Ressourcen nachhaltig bewirtschaften und dadurch ihr Überleben sichern und gleichzeitig dem Klimawandel trotzen können. Rund 100.000 Hektar sollen als Naturschutzzone und Wildkorridore etabliert werden. Der vorherrschende Trend, Gemeindeland zu parzellieren und zu verkaufen, soll aufgehalten werden, um es für heutige und zukünftige Generationen von Menschen, Pflanzen und Tieren zu sichern.

Doch alle Veränderungen beginnen im Kopf – und das bedeutet, der Wert gemeinschaftlichen Landbesitzes muss von den Menschen erkannt werden.
Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre begann die kenianische Regierung mit einer Landpolitik, bei der riesige Gebiete, die traditionell von nomadisch lebenden Massai-Gruppen für ihre Tiere genutzt wurden, zu sogenannten group ranches zusammengefasst wurden. Den Massai-Gruppen wurden diese Gebiete als Gemeinschaftsbesitz zugewiesen – wobei sie gleichzeitig andere Ländereien verloren. Die damit verbundene Idee war, dass die Gemeinschaften Viehwirtschaft unternehmerisch betreiben sollten. In Kajiado wurden insgesamt 52 solcher „group ranches“ gebildet.
Doch die Idee war ohne die Menschen erdacht: Die nomadisch lebenden Massai-Gemeinden hatten keinerlei Vorbildung, um Viehwirtschaft „unternehmerisch zu entwickeln“. Die neu zugewiesenen Gebiete wurden überweidet, alte Landrechte traten außer Kraft. Es kam zu politischen Rangeleien; Parzellierung und nachfolgender Landverkauf setzten sich durch. Dieser Trend führte zur Verelendung vieler Massai-Familien. Wenn dieser sich fortsetzt, wird nicht nur die Kultur der Massai zerstört, sondern auch die Lebenszonen der Wildtiere.
Die Landesregierung von Kajiado hat in den letzten zehn Jahren wiederholt über Dekrete versucht, Landverkäufe von group-ranch-Land zu stoppen – leider weitgehend folgenlos. Denn die Ursachen für die Landverkäufe wurden nicht in den Blick genommen: mangelnde Kenntnisse der nachhaltigen Bewirtschaftung, mangelndes technisches Wissen und fehlende Investitionen.

Reisen bildet – von anderen lernen
An diesem Punkt setzte unsere erfahrene Partnerorganisation SACDEP im Projekt „Massai Modellfarmen“ an: Sie lud Vertreter*innen von fünf group ranches, die bislang nicht parzelliert sind, ein, Massai-Gemeinden im Norden Kenias
zu besuchen, die erfolgreich gemeinschaftlich  wirtschaften.  Die  Botschaft wurde deutlich: Wenn Wissen, gut strukturierte, transparente Organisation und gezielte Investitionen zusammenkommen, können group ranches sehr erfolg- reich werden. Dann sinkt der Druck, Land zu parzellieren und zu verkaufen.
Ein führender Vertreter der Rombo group ranch, Herr Leshan Lembusel, sagte nach einem solchen Besuch: „Ich habe nun erkannt, dass wir riesige Ressourcen haben. Unsere Herausforderung besteht darin, sie angemessen zu nutzen. Die Landesregierung versuchte, die Parzellierung von Land zu stoppen, hat aber keine Alternativen angeboten. Doch dank SACDEP und dem Projekt ‚Massai Modellfarmen‘ erkennen wir, dass wir sehr gute Chancen haben, um unser Leben und das der zukünftigen Generationen zu verbessern.“ Edward Ngongoni, Repräsentant der Torosei group ranch, äußerte sich ähnlich: „Der Druck, zu parzellieren, war riesig. Aber jetzt sind wir gereist und unsere Augen sind geöffnet. Wir sprechen jetzt mit unseren Gemeindemitgliedern, dass wir unsere group ranch unbedingt erhalten müssen.”
Nach den Besuchen organisierte SACDEP Gemeindetreffen in den jeweiligen group ranches. Diejenigen, die gereist waren, erzählten von ihren Erfahrungen. Die Menschen begannen sich zu organisieren. Musste zum Auftakt des Projektes SACDEP langwierig zu Treffen einladen, drehte
sich die Dynamik um. Die group-ranch-Vertreter*innen koordinierten die Treffen selbstständig und übten sanften Druck aus, um möglichst viele Schulungen innerhalb kurzer Zeit zu bekommen.
Zu diesen Schulungen gehörten zum Beispiel Aufbau, Pflege und Management von Grasbanken, damit Rindern und Wildtieren während der Trockenzeit Futter zur Verfügung steht. Dazu gehörten Trainings zur Verwaltung von Wasserpfennigen, dem Erhalt und der Pflege von Bohrlöchern, Schulungen zum Management von kleinräumigen Wasserstaubecken so- wie die Ausbildung von Rangern, um Naturschutzzonen zu sichern und Touristen führen zu können. Im vergangenen Jahr wurden Spar- und Leihzirkel aufgebaut. Gemeinsam sparen Mitglieder einer Gruppe und entscheiden, wer den Sparbetrag zu welchen Bedingungen in kleine Unternehmungen investieren kann. Dies ermöglicht gleichzeitig, gemeinsam Investitionen zu tätigen.
Im letzten Jahr wuchs das Eigenengagement bei allen group ranches. Sie trugen Baumaterialien und Arbeitskraft zum Bau von Bohrlöchern und Staubecken oder Rindertauchbecken bei. So konnten alle Projektziele des Jahres sehr erfolgreich umgesetzt werden. Hoffnung und Stolz auf das Erreichte wachsen.
Die große Mehrheit in den group ranches ist sich nun der eigenen Ressourcen bewusst. Der weitere Aufbau von Wissen und Fähigkeiten im organischen Landbau, Wassermanagement, in Viehgesundheit, Rinderzucht und Vermarktung muss in den kommenden drei Jahren kontinuierlich geleistet werden – zum Wohl von Pflanzen, Tieren und Menschen und dem kulturellen Erbe der Massai.

Das Projekt wird aus Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gefördert. Ihre Spende wirkt vierfach.

Bildunterschriften:

1. Gemeinsam legen Massai-Führer die Grenzen der Schutzgebiete fest.
2. Schulungen zur Viehgesundheit und Rinderzucht sind zentrales Element für gesunde, widerstandsfähige Tiere.